"Noch nie in der Größenordnung mobilisiert"

"Unfassbares Leid": Bayern schickt Notfallseelsorger in Flutgebiete

Tobi Lang
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Online-Redakteur

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In einigen Gebieten rund um Ahrweiler war auch Tage nach den Fluten noch kein Retter. 

In einigen Gebieten rund um Ahrweiler war auch Tage nach den Fluten noch kein Retter.  © Hannes P. Albert via www.imago-images.de, imago images/Hannes P. Albert

Das Leid in den Flutgebieten von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ist unvorstellbar, sagen selbst erfahrene Retter. Sie berichten von Menschen, die mit offenen Knochenbrüchen verwirrt auf Straßen liegen, von Hochwasseropfern, die alles verloren haben - und von Anwohnern, die noch immer um ihre Nachbarn bangen. Auch Tage nach der Katastrophe ist die Lage vielerorts weiter chaotisch. "Wir waren heute rund um Ahrweiler im Einsatz", sagt Sohrab Taheri-Sohi, Pressesprecher des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK), das mit Dutzenden Kräften in Rheinland-Pfalz hilft. "Dort gibt es Gebiete, in denen seit Beginn des Hochwassers noch keine einzige Einsatzkraft vordringen konnte."

Die Not ist groß. Weil sich dort viele Menschen in einer Ausnahmesituation befinden, schickt das Bayerische Rote Kreuz rund 40 sogenannte psychosoziale Notfallseelsorger in die Flutgebiete. Die ersten 15 werden wohl noch im Laufe des Montags nach Rheinland-Pfalz ausrücken, um Opfer und Einsatzkräfte zu versorgen. 25 weitere folgen am Dienstag. "Das ist eine Größenordnung, in der wir in Bayern noch nie mobilisiert haben", sagt Taheri-Sohi. "Aber die psychischen Probleme müssen ebenso schnell thematisiert werden, sonst bleiben seelische Schäden - auch hier gilt es Erste Hilfe zu leisten."

"Tragik und Dramatik, die man alleine nicht überwinden kann"

Die Notfallseelsorger werden in den Krisengebieten verschiedenste Aufgaben übernehmen. "Primär wollen wir Opfern helfen, das, was sie erlebt haben, zu verarbeiten", erklärt der BRK-Sprecher. Viele haben Angehörige verloren oder stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. "Das Problem ist, dass sie die Notwendigkeit eines solchen Gesprächs aktuell nicht sehen - sie meinen, damit selbst fertig zu werden." Das sei aber das Schlimmste, was man sich in einer solchen Lage selbst antun könne, sagt Taheri-Sohi. "Wir sprechen von einer Tragik und Dramatik, die man alleine nicht überwinden kann."

Doch auch die Einsatzkräfte selbst stehen unter einem enormen Druck. Viele sind seit Tagen im Dauereinsatz, viele arbeiten an und über der Belastungsgrenze, sind permanent mit Leid und Tod konfrontiert. "Auch für die Retter mit großer Erfahrung kann das, was sie dort sehen, nicht einfach als Routine abgetan werden", sagt Taheri-Sohi. "Das sind Menschen, auch wenn man das manchmal vergisst." Im Einsatz funktionieren einige wie Maschinen - doch dann, wenn der Druck abfällt, fallen sie in ein tiefes Loch. "Es besteht die Gefahr, dass wenn man das einfach sacken lässt, es umso heftiger zurückkommt."

"Das ist für alle eine Herausforderung"

Das Bayerische Rote Kreuz verfügt über rund 100 Kräfte, die in der sogenannten psychosozialen Notfallversorgung aktiv sind. Sie kommen häufig bei Todesfällen etwa in der Familie zum Einsatz, versorgen Angehörige, sprechen mit ihnen über das Erlebte. Die Seelsorger werden mit speziellen Mannschaftstransportwagen nach Rheinland-Pfalz reisen, in denen theoretisch auch die Gespräche stattfinden können, erklärt Taheri. "Grundsätzlich werden sie aber dort untergebracht, wo auch die restlichen Einsatzkräfte sind."

170 Retter aus Bayern sind etwa am Nürburgring aktiv - sie werden nach 72 Stunden abgelöst. Kräfte aus Oberfranken reisen noch am Montag an, um nach einer Einweisung die Arbeit in den Flutgebieten zu übernehmen. "Das ist für alle eine Herausforderung", erklärt Taheri-Sohi. "So etwas ist keiner gewohnt, das ist eine Katastrophe, die sich nicht in Worte fassen lässt."