Können sich Bürger nicht mehr selbst helfen?

Unnötige Alarmierungen: Vollkasko-Mentalität ärgert Frankens Feuerwehr

Tobi Lang
Tobi Lang

Online-Redakteur

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3.7.2021, 05:55 Uhr
Liegt ein Ast auf der Straße, wird oft reflexartig die Feuerwehr gerufen. Oft sind die ehrenamtlichen Retter dafür aber nicht nötig. 

Liegt ein Ast auf der Straße, wird oft reflexartig die Feuerwehr gerufen. Oft sind die ehrenamtlichen Retter dafür aber nicht nötig.  © picture alliance/dpa

Die Alarmierung kommt zum ungünstigsten Zeitpunkt. Wie so häufig. Fünf Minuten vor Anpfiff des EM-Achtelfinales der deutschen Mannschaft gegen England, das Bier ist kaltgestellt, die Nationalhymne läuft. Plötzlich schrillt der Piepser auf. Eine sogenannte "technische Hilfeleistung", hinter der sich so ziemlich alles verbergen kann. Ein Mensch, der nach einem Unfall eingeklemmt in seinem Wagen mit dem Leben ringt, eine Ölspur, die berühmte Katze auf dem Dach.

Mit Tempo eilt Timo Müller, der eigentlich anders heißt, zum örtlichen Feuerwehrhaus. "Wir werden immer wieder geschult, das Hirn nicht auszuschalten", sagt er. Kein Retter soll sich bei der Anfahrt selbst in Gefahr bringen. "Aber wenn die Sirene geht, ist das eben eine Stresssituation."

Timo Müller ist nur einer von weit über 300.000 freiwilligen Feuerwehrleuten in Bayern. Sie bilden das Rückgrat im Kampf gegen Sturmschäden und Brände, bei Unfällen auf Autobahnen und Landstraßen. Berufsfeuerwehren gibt es im Freistaat im Gegenzug gerade einmal sieben – ehrenamtlich aktiv sind im Freistaat exakt 7595. Müller engagiert sich gerne, seit Jahren, für Notfälle "sind wir da", sagt er. Doch der Retter aus dem Nürnberger Land ärgert sich auch – zum Beispiel über das, was er bei dem Einsatz sieht, für den er das deutsche EM-Spiel verpasste. "Da lag ein Ast, nicht einmal fünf Kilo schwer." Jeder gesunde Mensch hätte den problemlos selbst von der Straße räumen können. "Dafür muss man nicht 20 Leute alarmieren."

Auch anderswo in Franken haben Retter mit der Vollkasko-Mentalität so mancher Bürger zu kämpfen. Der Ton, die Anspruchshaltung, all das hat sich merklich verändert, sagt etwa der Kreisbrandrat Frank Bauer aus dem Landkreis Fürth. "Da wird man, nachdem man den Keller ausgepumpt hat, gefragt, warum man den feuchten Boden nicht auch noch trockenwischt." In Niederbayern wurde die Feuerwehr alarmiert, weil ein Mann Angst hatte, dass während eines Regengusses Wasser in seine Wohnung laufen könnte - zu Unrecht, wie sich später herausstellte. Die Ankunft der Einsatzkräfte nutzte der Anrufer dann für eine andere Bitte: Seine Dachrinne sei verstopft, ob er sich nicht eine Leiter ausleihen könne. Als die Feuerwehrler ablehnten, wurde der Mann ungehalten. Am Ende musste die Polizei anrücken.

"Die können nicht mit vollgelaufenen Kellern umgehen"

"Egal ob Mittelfranken oder Niederbayern, das Phänomen sehen wir überall“, sagt Johann Eitzenberger. Er ist Vorsitzender des Landesfeuerwehrverbands Bayern, dem größten in Deutschland. "Auch ich habe schon erlebt, dass Leute sagen, der Keller ist ja noch leicht feucht, warum geht ihr jetzt?“ Oft stehen ganze Straßenzüge mit bis zu 100 Häusern unter Wasser. "Dann tut man was man kann. Aber wir können nicht überall gleichzeitig sein."

"Oft ist den Menschen nicht bewusst, dass es sich um Ehrenamtliche handelt", sagt Johann Eitzenberger vom Landesfeuerwehrverband Bayern.

Der erfahrene Retter glaubt, dass ein Teil der Bevölkerung immer unbeholfener wird. "Die können zum Beispiel nicht mit vollgelaufenen Kellern nach Starkregen umgehen." Der Ast im Garten wird zum unüberwindbaren Hindernis, der Bienenstock zur lebensgefährlichen Falle. Ironischerweise finden Ehrenamtliche, die noch in den Stunden davor im Akkord zu Unwettereinsätzen ausrückten, zuhause selbst ein Trümmerfeld vor. Der eigene Keller ist vollgelaufen, im Garten liegt ein Baum. Feuerwehrleute rufen hinterher nur eben nicht den Notruf – sondern packen selbst an.

"Wir empfinden es als Hohn"

Fälle, in denen sich die Retter nur noch wie Dienstleister fühlen, gibt es unzählige. Immer wieder haben es die Ehrenamtlichen dabei mit massiven Anfeindungen zu tun - wie etwa in Grünsberg bei Altdorf. Nach einem schweren Unfall vor wenigen Tagen musste die Hauptstraße durch den kleinen Ort gesperrt werden.

"Die Kameradinnen und Kameraden standen über eine Stunde mit Feuerwehrbekleidung bei 30 Grad", schreibt die Freiwillige Feuerwehr auf Facebook. Statt Wertschätzung hagelte es für die Ehrenamtlichen aber nur Beschimpfungen. "Wir empfinden es als Hohn, dass dieser Frust erwachsener Menschen in einer Stresssituation an Helfern ausgelassen wird." Der Post, in dem sich die Retter über die verbalen Entgleisungen beschweren, wurde Hundertfach geteilt. Aber: Die Solidarisierung beschränkt sich häufig auf das Internet. An der Unfallstelle selbst sind die Ehrenamtlichen alleine mit der Wut, dem Hass und den Beleidigungen.

Doch es gibt auch Gegenbeispiele. "Wir erleben auch eine große Solidarität", sagt Eitzenberger vom Landesverband. Retter werden bei größter Hitze schon mal mit Getränken versorgt. "Oder aber 2013, als die Studenten bei dem großen Hochwasser in Passau toll mit angepackt haben." Wie so häufig spaltet sich die Gesellschaft in zwei Extreme. Die, die helfen, mit Verständnis reagieren - und solche, die die Ehrenamtlichen als gesichtslose Dienstleister verstehen.

Die Feuerwehr ist die vielleicht größte Bürgerinitiative der Republik, gebaut auf dem Eifer und der Begeisterung von Freiwilligen. Noch sind die Mitgliederzahlen stabil, "weil wir größte Anstrengungen unternehmen", erklärt Eitzenberger. "Corona hat aber auch uns getroffen." Um die Kontaktbeschränkungen einzuhalten, gab es einen Ausbildungsstopp. Nachgewachsen sind deshalb seitdem kaum Kräfte. Und dass die Anziehungskraft, die die Feuerwehr ausübt, über die nächsten Jahrzehnte anhält, ist keinesfalls sicher.

Feuerwehren spüren bereits Folgen des Klimawandels

Die Einsatzbelastung, sagen Experten, wird weiter zunehmen - nicht zuletzt wegen des Klimawandels. Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber appellierte erst am Donnerstag an alle Kommunen, sich "bestmöglich" für Starkregen zu rüsten. Der Freistaat hat ein Förderprogramm aufgesetzt, es soll Schutzkonzepte finanzieren. Doch bislang sei kaum Geld abgerufen worden. "Für kleine Gemeinden können Sturzfluten sogar eine existenzielle Bedrohung sein."

Schon jetzt spüren die Feuerwehren die Auswirkungen. "Jeden Tag, bei Gewitterlagen, gerade mit diesen Superzellen", sagt Eitzenberger vom Landesverband. "Aber auch schon zuvor mit dem Hochwasser und der Trockenheit im Sommer.“ Die Extreme werden häufiger werden, mahnen Wissenschaftler. Gerade dann werden es die ehrenamtlichen Retter sein, die im Fokus stehen. Es ist Zeit für etwas mehr Anerkennung.

Auch Timo Müller fehlt in mancher Situation die Wertschätzung. "Mittlerweile steht jeder mehr unter Strom, das Arbeitspensum wird höher, man hat Familie", sagt er. Kaum ein Land in Europa hat eine so hohe Freiwilligen-Quote bei den Feuerwehren wie Deutschland. Das verhindert Tote, Tag für Tag. Der Großteil der Menschen sei dankbar. "Aber die Sorglosigkeit, mit der der Notruf alarmiert wird, das nervt schon." Viele würden gar nicht darüber nachdenken, dass es sich bei den meisten Feuerwehrleuten um Ehrenamtliche handelt, die dafür keinen Cent bekommen, sagt der Retter. "Aber man macht es ja gern, sonst wäre man nicht bei der Freiwilligen Feuerwehr."