Unterfränkischer Chemiker zu Duogynon: "Wir wurden belogen"

RESSORT: Lokales / Sonstiges..DATUM: 05.10.2016..FOTO: Roland Fengler..MOTIV: Mitarbeiterporträt / Mitarbeiterportrait: Martin Damerow..ANZAHL: 1 von 1..Veröffentlichung nur nach vorheriger Vereinbarung
Martin Damerow

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30.11.2020, 06:01 Uhr

Reinhard Seeber sitzt auf seinem Sofa, lächelt und serviert Tee, Earl Grey mit Zitrone. Auf dem Tisch vor ihm liegen fein säuberlich getrennt mehrere Stapel mit Unterlagen – Schriftverkehr, ausgedruckte Studien, mit Notizen versehene Gutachten. Wenn er recht hat, beweisen diese Papiere, dass einer der größten Medizin-Skandale in der Geschichte der Bundesrepublik seit Jahrzehnten unter den Teppich gekehrt worden ist.

Seeber ist 73 Jahre alt, hinter seinen Augen blitzt ein hellwacher Verstand. Er ist nicht nur Arzt im Ruhestand, sondern auch promovierter Chemiker. Das muss man wissen, wenn man verstehen will, warum er sich derart aufgeregt hat, als er vor drei Jahren einen Filmbeitrag im Bayerischen Rundfunk sah. Der Sender hatte sich darin mit dem Präparat Duogynon befasst – einem Mittel, das in den 1950er Jahren als Schwangerschaftstest auf den Markt kam und in Verdacht steht, für schwere Missbildungen bei tausenden Kindern verantwortlich zu sein, ähnlich wie das Schlafmittel Contergan.

"Wir wurden angelogen"

Was Seeber aufstieß, war Folgendes: Lediglich Ärzte hatten sich im Lauf der Jahre anhand klinischer Studien und Auswertungen von Fallzahlen mit der Sache befasst. „Da muss ein Chemiker ran. Nur er kann zeigen, dass Duogynon die DNA (die Erbsubstanz des Menschen, d. Red.) schädigt und für Missbildungen sorgt“, echauffiert sich der 73-Jährige. Er kann nicht glauben, dass dies all die Jahre übersehen wurde.

Jahrzehntelang betrieb er eine eigene Praxis im unterfränkischen Bad Königshofen, und bis zu der ARD-Sendung im November 2017 war ihm die ganze Problematik, welche sich um Duogynon und dessen Inhaltsstoffe Norethisteronacetat und Ethinylestradiol aufgebaut hatte, unbekannt. Er habe dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfarM) stets vertraut, als es von dort hieß, diese Substanzen seien harmlos. „Erst spät habe ich gesehen: Wir wurden angelogen“, so Seeber.

Seeber ist im Ruhestand. Das heißt: Er hat Zeit. Er hat Fachwissen. Und er hat einen Laptop. Noch während der Beitrag „Der vertuschte Skandal“ im BR lief, habe er sich gesagt: „Die haben die Naturwissenschaft völlig außen vor gelassen.“ Es sei zweifelsfrei erklärbar, welche Substanz sich an die DNA anlagert und welche nicht. „Das habe ich vermisst“, erinnert sich Seeber. Einfach ausgedrückt: Sobald ein Molekül reaktive Seitengruppen hat, im Fall von Duogynon ein Steroid, kann dadurch die DNA beschädigt werden – mit entsprechenden Folgen für einen Fötus im Mutterleib.

Seeber hantiert mit dem Modell eines Moleküls herum, während er das erläutert, spricht von einer Kohlenstoff-Kohlenstoff-Dreifachbindung, die eine negative Teilladung aufweist und einem Wasserstoffatom mit positiver Teilladung. „Das Wasserstoffatom der Ethinylgruppe mit positiver Teilladung reagiert mit der negativen Teilladung des Stickstoffatoms der Base“, so Seeber weiter. „Die müssen miteinander reagieren, das ist ein Naturgesetz“, konstatiert er und schließt daraus, dass die in Duogynon enthaltenen Substanzen die DNA nachhaltig schädigen.

Das ließ Seeber keine Ruhe. Er entdeckte in der Fachliteratur eine wissenschaftliche Veröffentlichung aus den späten 1960er Jahren, in der seine Gedanken bestätigt wurden. Die Einnahme von Substanzen, wie sie auch in Duogynon zu finden waren, erhöhten demnach das Risiko von Missbildungen um 40 Prozent. Zu diesem Zeitpunkt war Duogynon schon fast 20 Jahre auf dem Markt und wurde millionenfach verschrieben. Die Pharma-Firma Schering aus Berlin machte damit gute Gewinne.

Könnte diese Abhandlung von allen damit befassten Experten über Jahrzehnte hinweg übersehen worden sein? „Nein“, insistiert Seeber. „Die Firma Bayer AG (die Rechtsnachfolgerin von Schering. d. Red.) hat die weltbesten Chemiker unter ihrem Dach. Wenn ich mir die wichtigsten Formeln zuhause als Rentner mit einem Laptop erarbeiten und überprüfen kann, wird das ein Chemiker bei Bayer doch wohl auch können.“

Ohne Reaktionsmechanismen zu beachten

Ärzten, die sich mit der Sache befasst haben, traut er nicht. Mehrere Medizinprofessoren hatten Duogynon laut Seebers Recherchen eine „unwahrscheinliche Teratogenität“ (Potenzial eines Stoffes oder einer Strahlung, den Embryo oder Fötus im Mutterleib zu schädigen, d. Red.) attestiert, ohne je ein chemisches Experiment durchzuführen oder die in der Organischen Chemie geltenden Reaktionsmechanismen zu beachten – von vorhandenen, belastenden wissenschaftlichen Erkenntnissen ganz zu schweigen.

2012 etwa hatte ein Professor der Berliner Charité eine Studie mit dem Titel: „Angeborene Fehlbildungen nach Applikation einer Östrogen-Progesteron-Kombination (Duogynon) – eine retrospektive Fallserie“ vorgelegt. „Schon der Titel entspricht nicht der Wahrheit“, sagt Seeber, da er den Eindruck erwecke, dass die Inhaltsstoffe von Duogynon naturidentisch seien. „Das sind sie aber nicht, das sind reine Schering-Designer-Produkte“.

Ergebnis der Studie: Ein teratogener oder embryotoxischer Effekt von Duogynon sei „unwahrscheinlich.“ Dabei hatten zu diesem Zeitpunkt bereits sieben andere Wissenschaftler nachgewiesen, dass die Duogynon-Inhaltstoffe und deren Metaboliten die DNA schwer schädigten.

"Würden Sie ihren Blinddarm von einem Historiker entfernen lassen?"

Die Ergebnisse seiner eigenen Recherche packte der engagierte Unterfranke in ein 85-seitiges Exposé und übergab es an Margret-Rose Pyka, die Vorsitzende des Bundes der Duogynongeschädigten. Sie ist selbst betroffen, hatte in der Schwangerschaft Duogynon genommen und in der Folge eine beeinträchtigte Tochter zur Welt gebracht. Pyka zeigte Seebers Papier mehreren Chemieprofessoren. „Es hat zwar keiner offen gesagt, dass ich Recht habe. Aber dass ich Unrecht habe, hat auch keiner gesagt“, lacht Seeber.

Nächste Station: die Politik. Pyka und Seeber schickten die Abhandlung ans BfArM und ans Bundesgesundheitsministerium. Beide Häuser wiegelten ab, ganz ähnlich wie 2019 Kanzleramtsminister Helge Braun. Seine Antwort auf Seebers Vorstoß bestand aus wenigen Sätzen. Er erklärte, dass die Regierung dazu bereits eine Anfrage der Linkspartei beantwortet habe. Auf die versuchte chemische Beweisführung ging er gar nicht ein und verwies auf ein Forschungsprojekt, „in dessen Rahmen eine Auswertung der vorhandenen Aktenbestände vorgenommen werden soll.“

Davon verspricht sich Seeber rein gar nichts. „Das sind Historiker. Die sollen ergründen, ob in den 1970er Fehler gemacht wurden. Die können das doch gar nicht beurteilen, weder medizinisch noch chemisch. Würden Sie ihren Blinddarm von einem Historiker entfernen lassen?“, fragt er und lächelt spitzbübisch.

„Man muss sich schon anstrengen, die Augen zu verschließen"

Es ist in der Tat bemerkenswert, wie wenig Interesse der deutsche Staat in all den Jahren gezeigt hat, Licht ins Dunkel zu bringen. Nicht einmal dann, als der Allgäuer André Sommer, selbst ein Duogynon-Opfer und Gründer einer deutschen Interessengruppe, im Jahr 2013 im Berliner Landesarchiv rund 7000 Seiten an Akten eines 1980 eingestellten Strafverfahrens gegen Schering entdeckte. Daraus geht hervor, dass der Konzern seinerzeit offenbar Hilfe von staatlicher Seite erhielt: Ein Mitarbeiter des damaligen Bundesgesundheitsamts (BGA) versorgte die Pharma-Firma mit brisanten Informationen zu internen Einschätzungen der Behörde zu Duogynon und bezeichnete sich in einem der Schreiben selbst als „Advokat der Firma Schering“ – ein Vorgang, der im Filmbeitrag des BR ausführlich dargestellt wird. „Man muss sich schon anstrengen, die Augen zu verschließen“, sagte damals die Parlamentarierin Maria Klein-Schmeink von den Grünen.

Margret-Rose Pyka sieht das genauso. Sie kämpft seit 1978 für alle Geschädigten, ist mit Opferorganisationen in Großbritannien gut vernetzt. „Es ist zum Verzweifeln“, räumt sie ein, „da steht man irgendwann mit Experten und Politikern in einem Raum und sagt: ,An uns ist ein Verbrechen verübt worden. Sehen Sie hin, bitte, alle Beweise liegen hier vor Ihnen auf dem Tisch‘. Und als Antwort erhält man ,Was meinen Sie? Da steht doch gar kein Tisch.‘“

Allem Anschein nach ist der Tisch, den Reinhard Seeber den Verantwortlichen ins Zimmer stellen wird, nicht zu übersehen. „Moleküle lügen nicht. Menschen schon“, laut das Fazit seiner dreijährigen Recherche in der Causa Duogynon.

Die Bayer AG hat trotz wiederholter Anfrage bislang nicht auf diese Vorhaltungen geantwortet. Reinhard Seeber hat eine Theorie, warum: „Die müssten einen chemischen Gegenbeweis führen. Den Beweis will ich gern sehen“, sagt er und grinst.


Duogynon war in Deutschland zwischen 1950 bis 1981 in Form von Dragées und als Injektion zugelassen. Hergestellt wurde es von der Schering AG, die im Jahr 2006 von Bayer übernommen wurde.

Als Schwangerschaftstest wurde je ein Dragée oder eine Ampulle an zwei aufeinanderfolgenden Tagen verabreicht. Trat daraufhin keine Blutung auf, lag wahrscheinlich eine Schwangerschaft vor. Die Spritze enthielt Progesteron sowie Estradiolbenzoat. Die Dragées, ab 1958 auf dem Markt, enhielten die synthetischen Komponenten Norethisteronacetat und Ethinylestradiol.

 Duogynon wurde später in Cumorit umbenannt. Das Mittel war auch in anderen Ländern zugelassen, etwa in Großbritannien, wo es als Primodos vertrieben wurde.

Das Präparat wurde millionenfach verschrieben. Opferorganisationen bringen mit der Einnahme Tausende Fälle von missgebildeten Kindern in Verbindung. Häufige Symptome waren fehlende oder deformierte Gliedmaßen, Herzfehler oder ein offener Rücken. Viele Betroffene sind bereits verstorben, laut Angaben des Netzwerks Duogynon leben derzeit 634 Menschen in Deutschland mit den Folgen.