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Donnerstag, 18.07.2019

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Viel größerer Kulturschatz als erwartet

Judengasse 10 bietet eine deutschlandweit einzigartige Mikwe - 27.06.2019 11:37 Uhr

André Freud (Israelitische Kultusgemeinde) und Rudolf Himpsl (Kulturerbe Bayern) im Gewölbekeller mit der Mikwe. © diba


Alle bisher noch existenten Fragezeichen zur Mikwe im Kellergewölbe sind verschwunden, denn jetzt steht fest, dass es sich hier um die einzige sicher bestätigte Mikwe aus dem 15. Jahrhundert handelt, die zusammen mit dem zugehörigen Wohnhaus überliefert ist! Eindeutig belegt ist das jüdische Ritualbad im Kulturerbe-Sanierungsobjekt Judengasse 10 als bereits beim Hausbau im Jahr 1409 angelegte Einrichtung. Damit und durch weitere interessante Befunde wird offensichtlich, dass es sich bei dem spätmittelalterlichen Gebäude, das vom Verfall bedroht war, um ein herausragendes Kulturdenkmal handelt.

Am Dienstag informierten die Beteiligten über den Sachstand und verrieten einiges an spannenden Erkenntnissen zur Hausgeschichte. Wenn Dr. Andreas Hänel als Vorstand der Stiftung Kulturerbe Bayern und Dr. Markus Naser als Vorsitzender des Vereins Alt-Rothenburg sowie Architekten vor Ort wie Eduard Knoll und Andreas Konopatzki beim Informationstermin gemeinsam auftraten, so wurde schon aus ihren Ausführungen deutlich wie ideal hier die Fachkompetenz bei solch einem Denkmalprojekt ineinandergreift. Hinzu kommt mit Regina Däschner als ehrenamtliche Koordinatorin des Grabungsteams die wichtige archäologische Ergänzung. Und es demonstrierte einen wesentlichen Grund, warum sich die Stiftung auch für das Rothenburger Denkmal entschieden hatte: weil hier viele fachliche Voraussetzungen und ehrenamtliches Engagement vorhanden sind. Und für die Stadt ist das Ganze, wie Oberbürgermeister Walter Hartl betont, ein großartiger Glücksfall.

In letzter Sekunde kam die Rettung für das Denkmal

Jahrzehntelang hatte es so ausgesehen, dass die Judengasse 10 verfällt, weil der Privateigentümer sich nicht kümmerte. Doch die lange Leidensgeschichte dieses und auch des Nachbarhauses hatte dank der Hartnäckigkeit des Vereins Alt-Rothenburg, der letztlich die wertvollen Häuser erwarb, ein Ende. Anfang letzten Jahres war dann klar, dass sich Kulturerbe Bayern für die Judengasse 10 sogar als erstes Sanierungsprojekt unter den landesweiten Bewerbungen entscheidet und es nach dem Erwerb vom Verein gemeinsam mit Alt-Rothenburg wieder zu einem Schmuckstück machen will. Und der Weg dahin wird seitdem konsequent beschritten, was hinter den Kulissen schon bisher viel Arbeit bedeutet hat.

Ehe die eigentliche Instandsetzung beginnen kann, galt es alle möglichen Untersuchungen durchzuführen. "Es waren mühsame und auch körperlich anstrengende Arbeiten, doch sie haben sich gelohnt", konstatiert Projektleiter Dr. des. Rudolf Himpsl. Und er spricht damit viele ehrenamtliche Helfer an, wozu erfahrene Grabungsmitarbeiter ebenso wie Neulinge gehörten, die über Wochen hinweg auch in den Wintermonaten vor Ort waren.

Archäologische Grabung im Erdgeschoss. © diba


Unter professioneller Anleitung sei sorgfältig Schicht um Schicht des Bodens abgetragen und untersucht worden. "Wir mussten sehr vorsichtig vorgehen, weil die Grabungsschichten schnell aufeinander folgten", betonte Regina Däschner. Noch sind nicht alle Funde ausgewertet und es könnten sich weitere Besonderheiten ergeben. Dr. Hänel erläuterte, dass nicht nur die Mikwe überraschte, sondern auch die hölzerne Bohlenstube im Obergeschoss, die ebenfalls noch aus der Bauzeit stammt. Sie zähle damit zu den ältesten in ganz Bayern. So könne man von einem geschichtsträchtigen mittelalterlichen Haus sprechen als "besonderer Zeuge örtlicher, fränkischer und bayerischer Geschichte".

Eine weitere Erkenntnis sind die Hinweise der archäologischen Befunde bezüglich des alten Stadtgrabens, der kurz vor Baubeginn verfüllt worden war. Die alte Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert dürfte im Hof der Judengasse 10 noch Spuren hinterlassen haben. Man vermutet, dass das Mikwen-Haus zu den ersten größeren Gebäuden überhaupt zählte, die in diesem Stadtbereich errichtet wurden. Ein weiterer Grabungsabschnitt könnte Klarheit schaffen.

Erfreut stellte man die vielfältige Unterstützung im ersten Projektjahr fest, zu der das Rothenburger Architekturbüro Konopatzki und Edelhäuser ebenso wie das Roßtaler Ingenieurbüro Christofori und Partner bei Voruntersuchung und Planung ehrenamtlich beigetragen haben.Und der örtliche Architekt Eduard Knoll wird weiterhin ehrenamtlich als Vertreter von Kulturerbe Bayern die Arbeiten vor Ort koordinieren.

Alt-Rothenburg-Vorsitzender Dr. Markus Naser betonte, dass man parallel die Sanierung der Judengasse 12 vom Verein wahrnehmen werde. Die bauvorbereitenden Maßnahmen seien gleichzeitig begonnen worden.

Den historischen Raumaufteilungen folgend wolle man das Haus auch wieder als Wohnobjekt herstellen und preisgünstiges Wohnen ermöglichen. Andreas Konopatzki erläuterte beim Rundgang durch die Judengasse 10 die Feinheiten. Die Bohlenstube überzeuge im Original bis ins Detail.

Gedacht sei an eine Art behutsam genutzte Vereinswohnung, denn: "Jeder Anstrich, jede Drahtbürste, die man ansetzt, würde etwas kaputtmachen und weitere Spuren herausradieren aus dem Gebäude!" Es gelte die Originalsubstanz zu erhalten. In Wohn- und Begegnungsräumen soll die Hausgeschichte für alle erfahrbar und zugänglich bleiben, unterstrich Dr. Andreas Hänel.

Die Instandsetzung ist als große Gemeinschaftsleistung aus Stiftern, Spendern und ehrenamtlichen Helfern sowie praktischer Hilfe vor Ort angelegt. Die erstmals vorliegende fundierte Kostenberechnung ergibt 1,5 Millionen Euro. Unter www.kulturerbebayern.de finden sich alle Infos zum Projekt und zum Sonderkonto Judengasse 10. Gemeinsam mit "Alt-Rothenburg" hofft man auf weiteren Zuspruch. 

diba

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