Immer mehr Unfälle

Vorsicht Wildwechsel: Im Herbst wird's wieder riskanter auf Bayerns Straßen

André Ammer
André Ammer

Region und Bayern

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10.10.2021, 06:00 Uhr
Ein solches Szenario wird in den kommenden Monaten wieder wahrscheinlicher. Auf der Suche nach Nahrung überqueren Rehe öfter auch Straßen.

Ein solches Szenario wird in den kommenden Monaten wieder wahrscheinlicher. Auf der Suche nach Nahrung überqueren Rehe öfter auch Straßen. © ADAC

Anfang des Jahrtausends wurden der Polizei im Freistaat jährlich etwa um die 30.000 Unfälle mit Reh-, Rot- oder Schwarzwild gemeldet, mittlerweile hat sich diese Zahl mehr als verdoppelt. 2019 lag sie bei 82.000. Bundesweit verzeichnete der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) für das vorvergangene Jahr (die Wildunfall-Statistik des GDV für 2020 ist noch nicht abgeschlossen) ebenfalls eine neue Rekordmarke. Rund 295.000 Unfälle, etwa 60.000 mehr als noch im Jahr 2011, wurden den deutschen Kfz-Versicherern gemeldet.

Für die kontinuierlich wachsenden Unfallzahlen machen die Fachleute verschiedene Gründe verantwortlich. Zum Beispiel die Lebensbedingungen des Wildes, die sich aufgrund des Klimawandels und der milderen Winter merklich verbessert haben. "Die Rehe profitieren auch ganz klar von unserer Kulturlandschaft", sagt Ralf Straußberger vom Bund Naturschutz in Bayern (BN). Gerade in diesem Jahr mit seinen ausgiebigen Niederschlägen und der üppig sprießenden Vegetation sei der Tisch reich gedeckt gewesen.

"Auf den Feldern stand sehr viel Biomasse zur Verfügung, Maispflanzen etwa waren teilweise ja über drei Meter hoch", erklärt der Wald- und Wildexperte des BN. Diese guten Lebensgrundlagen sprechen dafür, dass die Rehbestände in manchen Regionen zugenommen haben. "Man sieht zum Beispiel immer mehr Rehe mit drei Kitzen", sagt Straußberger.


Wildunfälle: Deshalb steigt das Risiko im Herbst enorm


Auf der anderen Seite leiden die Tiere unter der Zerschneidung ihrer Lebensräume, unter anderem aufgrund des dichten Straßennetzes im Freistaat. Zudem sorgen die rasanten Erntearbeiten in der modernen Landwirtschaft dafür, dass Rehen, Hasen und anderen Wildtierarten in kürzester Zeit Nahrung und Deckung entzogen werden. Plötzlich stehen nur noch Stoppeln auf den Feldern, und den Tieren bleibt nichts anderes übrig, als nach neuen Futterplätzen zu suchen. Dafür nehmen sie weite Wege in Kauf, die sie zwangläufig auch über Straßen führen.

Der Bayerische Jagdverband (BJV) appelliert deshalb an Jäger und Landwirte, grüne Inseln wie Hecken Feldgehölze oder Kräuterstreifen anzulegen, um den "Ernteschock" für Wildtiere zu mildern. Auch der Anbau von Zwischenfrüchten wie Lupinen oder Klee kann die Probleme des Rehwildes reduzieren, das im Frühherbst angesichts der vorangegangenen Paarungszeit einen besonders hohen Nahrungsbedarf hat.


Ein neues Zuhause für zwei Rehkitze


Viele Jäger im Freistaat machen für den jüngsten Anstieg der Wildunfälle auch die Corona-Krise verantwortlich, denn seit dem Beginn der Pandemie seien deutlich mehr Menschen in den Wäldern unterwegs - und das zum Teil abseits der Wege. "Durch solche Beunruhigungen aufgeschreckt, flüchten die Wildtiere und laufen dabei auch über Straßen", erklärt BJV-Sprecherin Isabel Koch.

Ralf Straußberger dagegen glaubt, dass das veränderte Freizeitverhalten vieler Menschen bei den Gründen für die gestiegene Zahl von Wildunfällen nur eine untergeordnete Rolle spielt. In stadtnahen Waldgebieten wie dem Nürnberger Reichwald könne das in Einzelfällen die Ursache sein, doch als Hauptgrund sieht der BN-Experte die großen Reh-Populationen in manchen Regionen an.

Straußberger verweist in diesem Zusammenhang auf eine wissenschaftliche Studie, an der unter anderem Forscher der TU und der LMU München mitgearbeitet haben. Diese Studie weist auf der Datenbasis der von der Polizei dokumentierten Unfälle einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Intensität des Wildverbisses und der Zahl der Wildunfälle aus.


Wegen Corona weniger Unfälle in Mittelfranken


Im Umfeld von Waldgebieten, in denen ein vergleichsweise hoher Anteil von jungen Bäumen durch Rehwild verbissen wurde, herrscht demnach auch ein relativ hohes Risiko von Wildunfällen. Das dokumentierten die Mitarbeiter dieser Studie auch in einer Bayernkarte, in der für jede Gemeinde das jeweilige Wildunfall-Risiko pro Kilometer Straßenlänge dokumentiert wurde.

"Man muss den Rehwild-Bestand regulieren, aber nicht mit dem Auto", bilanziert Ralf Straußberger. Mit erhöhten Abschüssen würde nicht nur der Verbiss reduziert, sondern auch vielfaches tierisches Leid verhindert. Angefahrenes Wild werde oft nicht sofort getötet, sondern verende langsam und qualvoll, wenn es nicht schnell von einem von der Polizei verständigten Jäger aufgefunden werden kann. Dazu kommt das menschliche Leid. Laut dem bayerischen Innenministerium wurden 2019 über 500 Personen bei Wildunfällen verletzt, vier Menschen starben.

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