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Warum lässt Nürnberg einen "Eishockey-Star" ziehen?

Wirth strebt nach Mannheim: NN-Sportredakteur Sebastian Böhm kommentiert - 22.10.2019 11:21 Uhr

Abschied von Nürnberg: Moritz Wirth, einst beim EHC 80 ausgebildet, sieht seine Zukunft in Mannheim. © Thomas Hahn/Zink


Es war zu reizvoll: Da überzeugte ein junger Verteidiger bei seinem Debüt in der Deutschen Eishockey Liga durch sein selbstbewusstes, souveränes Auftreten. Es war nahezu unmöglich ob seiner Statur, seiner Haarfarbe und seines Vornamens nicht an Moritz Seider zu denken. Genau ein Jahr zuvor hatte dessen erstaunliche Entwicklung von einem Gitterspieler zum besten deutschen Verteidiger bei der WM begonnen, weil die Adler Mannheim dem 17 Jahre jungen Seider unter den Augen der Späher eines jeden NHL-Teams alle Möglichkeiten gegeben hatten, inmitten der besten Mannschaft der DEL zu reifen, Fehler zu machen, zu brillieren. Und während sich Seider im Trainingscamp der Detroit Red Wings um einen Platz in der besten Liga der Welt bewarb, nahm Eishockey-Deutschland genau gegen diese Adler erstmals Notiz von Moritz Wirth aus Egloffstein. Im Notizbuch von Mannheims Trainer Pavel Gross wurde sein Name offensichtlich mehrmals unterstrichen.

Dass mit diesem Moritz Wirth nun ein junger Spieler innerhalb der DEL während der Saison den Arbeitgeber wechselt, ist gar nicht mehr so ungewöhnlich. Die Adler Mannheim verpflichten aggressiv und im Bewusstsein, dass diese verpflichteten Spieler gar nicht unbedingt zu Stammspielern werden. So haben sie das frühzeitig beim Iserlohner Lean Bergmann gemacht, der sich derzeit ebenfalls darum bemüht, sich in der NHL durchzusetzen, so haben sie das beim Straubinger Stefan Loibl gemacht und so machen sie das nun bei Moritz Wirth. So ist das auch legitim und redlich, gerade weil Pavel Gross in Mannheim beweist, dass er junge Spieler wie Seider, Markus Eisenschmid und aktuell den großartigen Tim Stützle fördert, ohne dass die Mannschaftsleistung darunter leidet. Und doch ist das Vorgehen bei Moritz Wirth seltsam.

Bemerkenswert selbstbewusst

27 Minuten und 58 Sekunden war Wirth bislang in fünf Spielen für die Ice Tigers auf dem Eis gestanden, so viel wie gestandene DEL-Verteidiger mitunter in einem Spiel. Er ist bereits 20 Jahre alt, dass er sich körperlich unter Männern hat durchsetzen können, ist nicht annährend so sensationell, wie es das beim drei Jahre jüngeren Seider war. Und als Seider die U20-Nationalmannschaft wieder zurück in die WM-Erstklassigkeit führte, war Wirth ein wichtiger Rollenspieler, aber eben auch nicht mehr. So reizvoll der Vergleich also erschien, so unfair war er gegenüber Wirth. Nun aber scheint man Wirth mit genau diesem Vergleich von der Sinnhaftigkeit eines sofortigen Wechsels nach Mannheim überzeugt zu haben.

In Nürnberg hatte man Wirth nach 27:58 Minuten in die DEL an den Kooperationspartner abgegeben. Nicht weil man nicht mehr, sondern gerade weil man an ihn glaubte. Nachdem die ersten Verletzten wieder zurückgekommen waren, wollte Coach Kurt Kleinendorst seine Ice Tigers lieber mit sechs Verteidigern spielen lassen. Für Wirth musste das kein Nachteil sein, in der zweiten Liga hätte er in Bayreuth Erfahrungen in Über- und Unterzahl sammeln können oder in den letzten Minuten eines engen Spiels. In vier Einsätzen für die Tigers soll Wirth allerdings kaum aufgefallen sein, zumindest nicht positiv. Von einem Karriereweg, der Geduld erfordert, schien er nicht überzeugt zu sein. Sein Berater offenbar auch nicht. Das Selbstbewusstsein, trotz drei deutscher Nationalverteidiger und drei namhafter Importspieler und mehrerer Talente beim Kooperationspartner Heilbronn auf mehr Eiszeit im Team des Meisters zu hoffen, ist zumindest bemerkenswert.

+++ Mannheim statt Heimat: Wirth verlässt die Ice Tigers +++

Die Ice Tigers ließen Wirth auf dessen Wunsch gegen die Zahlung einer Ablösesumme ziehen und müssen sich deshalb vorwerfen lassen, das Vorhaben, junge deutsche, im besten Fall fränkische Talente in die Profi-Mannschaft zu integrieren, nicht mit voller Konsequenz zu verfolgen. Und die Adler Mannheim und Wirths Berater werden beweisen müssen, dass es auch im Sinne junger Spieler ist, zu einem der beiden besten und finanzkräftigsten deutschen Klubs zu wechseln, nachdem sie gerade einmal eine denkbar kleine Probe ihrer Begabung abgegeben haben. Der Vergleich mit Moritz Seider war unfair, jetzt aber hat sich Moritz Wirth selbst dafür entschieden, immer wieder mit dem größten deutschen Verteidigertalent verglichen zu werden.

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