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"Abgrund" gewinnt Filmpreis: Ingwer Productions im Interview

14-köpfiger Filmteam aus Weißenburg räumte erneut mit Produktion ab - 13.07.2020 11:40 Uhr

Die Dreharbeiten zu „Abgrund“ fanden auf dem Flachdach der Arbeiterwohlfahrt in Weißenburg statt. Dass sie dort unentgeltlich drehen durften, ist „nicht selbstverständlich“, erklärt Jonas Schmidt.

© Foto: Ingwer Productions


Ingwer Productions, das ist "ein kleines großes Team aus Teilzeitverrückten, die in ihrer Freizeit gerne Kurzfilme produzieren" – so beschreiben sich die 14 jungen Erwachsenen zumindest selbst. Sie stammen aus Altmühlfranken und aus Wien und tun das, was sie tun, ziemlich erfolgreich. Seit acht Jahren nehmen sie sich einmal im Jahr alle gleichzeitig Urlaub, um in Weißenburg und Umgebung Filme zu drehen. Produktionen, die schon mehrfach prämiert worden sind, obwohl niemand von ihnen professionell im Film tätig ist.

Kai Uffelmann (22) ist in Weißenburg geboren und zur Schule gegangen. Im Jahr 2017 verließ er die Heimat, um in Erlangen Gymnasiallehramt zu studieren. Seine Wochenenden und die Ferien verbringt er aber weiterhin hier. Er ist der Produzent von Ingwer Productions und übernimmt außerdem den Schnitt sowie die Kontrolle der Postproduktion.

© Foto: Ingwer Productions


2018 erhielt "Lea" bei den Mittelfränkischen Jugendfilmfestspielen den zweiten Preis. 2019 wurde "Crash" mit dem ersten Preis ausgezeichnet. In diesem Jahr hat mit "Abgrund" ein Film, in dem der frischgebackene Abiturient Linus auf ein Hochhausdach steigt, um Suizid zu begehen, erneut abgeräumt. War das für das Sie beide persönlich eine Überraschung?

Kai Uffelmann: Dass wir ausgezeichnet wurden, wussten wir schon einen Monat vorher, dadurch war es am Tag der Verleihung keine Überraschung (lacht). Wir haben uns aber auch insgesamt damals mit "Crash" ein wenig mehr gefreut, und zwar einfach, weil das der erste erste Platz gewesen ist.

Jonas Schmidt: Ich hab‘ eigentlich von vornherein gesagt, dass ich nicht glaube, dass wir dieses Jahr gewinnen. Mit den Festspielen sollen ja gerade neue Talente ermuntert werden. Wenn es aber jedes Mal wir sind, ist das ja demotivierend für alle anderen. Aber wir haben uns im Vergleich zum letzten Jahr gesteigert und es ist schön, dass die Jury das anerkennt.

Abgedreht wurde "Abgrund" bereits im vergangenen Sommer, seine Premiere hatte der Film im Dezember. Wenn Ihr Filmteam heute auf die getane Arbeit zurückblickt: Haben Sie dann schon wieder Dinge festgestellt, die Sie hätten besser machen können?

Jonas Schmidt (24) ist in Weißenburg geboren und zur Schule gegangen. Er hat soeben sein Staatsexamen als Lehrer an der Mittelschule an der FAU in Erlangen abgeschlossen und arbeitet nebenberuflich als Fotograf. Heute lebt er in Weißenburg und Bamberg. Bei Ingwer Productions ist Schmidt Director of Photography und erster Kameramann.

© Foto: Ingwer Productions


Schmidt: Weil ich der Kameramann bin, fällt mir hinterher immer etwas auf. Das merkt wahrscheinlich nur einer von Tausend Zuschauern, aber ich sehe die Kamerafehler. Etwa, wenn da ein Schatten im Bild ist, der da nicht sein sollte, oder etwas nicht optimal belichtet war.

Uffelmann: Es ist immer schön, am Ende im Kino zu sitzen und zu sehen, dass das Produkt, das wir geschaffen haben, Leuten gefällt. Gerade das spornt aber auch an, besser zu werden. Ich denke, gerade wenn man so viele Stunden an einem Film sitzt, fallen einem zwangsläufig hinterher viele Dinge auf, die man hätte anders machen können.

Bei der aktuellen Auszeichnung habt Ihr ein Preisgeld von 400 Euro erhalten. Decken diese Gelder die Ausgaben der Produktion ansatzweise?

Uffelmann: Nicht wirklich, deshalb sammeln wir bei den Kinovorstellungen zusätzlich Spenden und sind für jede Unterstützung dankbar. Unser Budget ist aber insgesamt relativ gering. Wir haben uns gutes Equipment angeschafft, aber darüber hinaus bleibt nicht mehr viel Geld.

Schmidt: Wir haben eine gute technische Ausstattung für unsere Drehs. Weil ich selbstständiger Fotograf bin und Volker (Vater von Kai Uffelmann, Anm. d. Red.) auch, haben wir da einfach Glück.


So waren die Dreharbeiten zum Kurzfilm "Abgrund"


Es gibt also wenig Geld, die Filme werden neben dem Vollzeitstudium oder Vollzeitjob gemacht. Niemand aus dem Filmteam hat das Produzieren von Filmen professionell gelernt. Fühlen Sie sich dadurch bei der Arbeit eingeschränkt?

Schmidt: Im Gegenteil. Eigentlich ist unser Dreh von vorne bis hinten Improvisation, was klasse ist. Das fordert permanent kreatives Denken. Sei es, weil uns die richtige Technik fehlt . . .

Uffelmann: Aber ich finde, das hat schon auch seinen Reiz. Wenn man in unserer Situation Drehbücher schreibt, hat man eben nicht unbegrenzte Möglichkeiten. Wir können in einem Haus drehen, aber mehr ist nicht drin. Gerade diese Begrenzung führt dann eben dazu, dass man mit den Mitteln, die man hat, kreativ werden muss.

Schmidt: Wir haben außerdem starken lokalen Support. Bei "Abgrund" hat uns die Awo zwei Tage auf ihrem Flachdach herumrennen lassen – und das unentgeltlich. Das ist nicht selbstverständlich. Oder bei "Crash", da haben wir ein Kranken-hauszimmer zur Verfügung gestellt gekommen. Wir durften eine Straßensperre errichten, bekamen Rettungskräfte für den Dreh.


Tosender Applaus bei der Premiere von "Abgrund" im Weißenburger Kino


Wie erklären Sie diese Hilfsbereitschaft?

Uhlmann: Es liegt vielleicht daran, dass wir hier aus der Gegend kommen und auch kein Geld damit verdienen. Wenn sie mitbekommen, dass das, was wir machen, ein Leidenschafts-Projekt ist, dann merken wir schon, wie die Leute auf uns zukommen.

Gegründet wurde Ingwer Productions 2012, seitdem haben Sie viele unterschiedliche Sachen gemacht. Würden Sie sagen, dass sich nun so langsam ein fester Stil herauskristallisiert hat?

Uffelmann: Der Stil hängt natürlich vom Drehbuch ab. Gerrit (Raabe; schrieb das Drehbuch zu "Abgrund" und führte Regie, Anm. d. Red.) hat einen eher düsteren Stil, würde ich sagen. Es gibt aber auch viele wichtige ernste Themen, Suizid ist eines davon. Wenn man bei Youtube "Suizid" eingibt, erscheinen Filme mit teilweise katastrophalen Botschaften.

Inwiefern?

Uffelmann: Da wird das Thema meines Erachtens nicht ernst genug genommen. Acht Minuten Film, in denen am Ende jemand vom Hausdach springt . . . Diese Filme haben nicht wirklich eine Aussage und vor allem keine, die Hoffnung macht. Das finden wir schwierig, gerade wenn Jugendliche sich das anschauen.

Hinzu kommt, dass Youtube eine Plattform ist, die viele Jugendliche benutzen.

Uffelmann: Genau, hauptsächlich Jugendliche. Da das Thema viele von ihnen betrifft, haben wir uns vorgenommen, das Ganze mal aus einer anderen Perspektive zu zeigen. Mit einer ein wenig positiveren Note.

Auch beklemmende Szenen wie eine Beerdigung gehören zum Film „Abgrund“, mit dem die jungen Weißenburger Filmemacher das Tabuthema Suizid aufgreifen und eindrucksvoll in Szene setzen. Zu finden ist der Film auf Youtube.

© Foto: Ingwer Production


Als Erstplatzierte der Mittelfränkischen sind Sie nun auch für die Bayerischen Jugendfilmfestspiele nominiert, die vom 16. bis 22. Juli stattfinden. Wie rechnen Sie sich hierfür die Chancen aus?

Schmidt: Wir haben zwar den Vorteil, dass wir zwei Filme eingereicht haben – "Crash", aus dem Vorjahr, ist auch nominiert –, aber ob‘s was wird . . . keine Ahnung. (lacht)

Uffelmann: Dort werden etwa 20 Filme mit uns konkurrieren, wir kennen aber die Konkurrenz aus den anderen Bezirken nicht.

Lassen Sie uns noch weiter in die Zukunft blicken: Wie gehen die Pläne für das aktuelle Jahr voran?

Uffelmann: Wegen der Corona-Pandemie haben wir unser eigentlich geplantes Filmprojekt auf 2021 verschoben. Das hätte mit den Drehorten, die wir uns überlegt hatten, einfach nicht funktioniert. Wir haben es aber alle geschafft, uns auch in diesem Jahr zehn Drehtage freizuschaufeln, und werden heuer ein spontaneres Projekt umsetzen. Jetzt soll jeder mal die Chance bekommen, das zu machen, was er unbedingt schon einmal in einem Film ausprobieren wollte.

Also zum Beispiel, die Rollen zu tauschen?

Uffelmann: Nicht unbedingt. Aber wenn die Maske zum Beispiel schon immer mal ganz aufwendiges Make-up umsetzen wollte, dann darf sie das jetzt. Oder wir drehen einfach mal eine Verfolgungsjagd, was sonst bisher nicht in unserem filmischem Spektrum vorkam und auch sehr aufwendig ist.

Wird auch dieser Kurzfilm wieder im Weißenburger Kino präsentiert und im Anschluss bei Wettbewerben eingereicht – obwohl er aus dem Rahmen fällt?

Schmidt: So ist der Plan. Wir haben aber auch nicht den Anspruch, dass nächstes Jahr der nächste Blockbuster rauskommt. Es geht mehr darum, dass wir üben können.

Uffelmann: Nicht das Produkt, sondern der Prozess wird also dieses Jahr spannend.

Ich möchte dennoch noch einmal auf mögliche Preise zurückkommen. Könnte es Ingwer Productions langfristig langweilig werden, "nur" in dem Mittelfränkischen Wettbewerb Erster zu werden?

Schmidt: Schwer zu sagen. (grinst) Wir machen das wirklich nicht dafür, um ein Festival nach dem anderen abzuräumen.

Uffelmann: Unser langfristiges Ziel ist, weiter Spaß zu haben und besser zu werden.


Den Kurzfilm "Abgrund" können Sie hier ansehen.


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