Freitag, 29.05.2020

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AfD-Kandidatin ist Klinikseelsorgerin in Altmühlfranken

Weder das Klinikum noch das Katholische Dekanat wussten etwas von ihrem politischen Engagement. - 02.04.2020 06:04 Uhr

Gehen die glaubwürdige Verkündigung des Evangeliums und ein Engagement bei der AfD zusammen? Eine Diplom-Theologin, die als Seelsorgerin an der Weißenburger Klinik (im Bild die Krankenhauskapelle) arbeitet, hat in München für die Partei kandidiert. © Foto: WT-Archiv


Um jene Partei also, deren Vertreter die NS-Diktatur mal als "Vogelschiss der Weltgeschichte" bezeichnet haben und die wiederholt damit aufgefallen ist, Vorurteile zu schüren und Menschengruppen auszugrenzen. Deshalb handelt es sich auf der anderen Seite auch um eine sehr einfache, sehr praktische Frage. Und zwar dann, wenn man mit den Menschen spricht, die mit diesem Fall zu tun haben.

"Ich war entsetzt, als ich gehört habe, dass sie kandidiert", stellte Weißenburgs katholischer Dekan Konrad Beyerle fest. "Ich war entsetzt, als ich das gelesen habe", sagte ein Mitarbeiter des Klinikums Altmühlfranken als er von der Kandidatur erfuhr. Es geht um die Diplom-Theologin Eva-Maria Schneider, die seit rund 20 Jahren als Klinikseelsorgerin am Weißenburger Krankenhaus arbeitet. Sie kandidierte bei den Kommunalwahlen 2020 in München sowohl für den Stadtrat als auch für den Bezirksausschuss Schwabing/Freimann. Sowohl im Dekanat als auch im Klinikum waren ihre politischen Ambitionen unbekannt. Man erfuhr erst von Dritten über Schneiders Kandidatur.

Diözese München-Freising distanziert sich

Die Frage, die sich stellt: Kann man Menschen in ihrer Krankheit unterschiedslos zur Seite stehen, wenn man im Politischen sehr klar Unterschiede macht, was den Wert von Menschen angeht? Eine Krankenhaus-Seelsorgerin kann auch mit einem Syrer zu tun haben, der vor der Gewalt in seiner Heimat geflohen ist. Die Gruppe der Pastoralreferenten der Diözese München-Freising ist sich einig, was sie von dem Engagement der Kollegin hält. Sie distanzierte sich im Vorfeld der Wahl in einem Statement auf ihrer Homepage von der Kandidatur und wies darauf hin, dass Eva-Maria Schneider nicht in ihrer Diözese tätig sei. "Die politische Ausrichtung der Alternative für Deutschland (AfD) und deren Positionierung zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen widerspricht unseren christlichen Wertvorstellungen. Daher halten wir ein Engagement für diese Partei für unvereinbar mit unserem Berufsbild", heißt es dort.

Das Bistum Eichstätt reagiert vorsichtiger. Grundsätzlich sei politisches Engagement der Mitarbeiter erwünscht, schreibt man auf Anfrage unserer Zeitung. "Dieses Engagement darf aus Sicht des Bistums jedoch in keiner Weise christlichen und demokratischen Werten entgegenstehen oder widersprechen."

Deshalb beobachte man das Engagement der Mitarbeiterin mit Sorge, "da bestimmte Positionen von Teilen der Partei vom Bundesamt für Verfassungsschutz als rechtsextremistisch und als nicht mit dem Grundgesetz vereinbar angesehen werden." Man habe mit der Theologin ein Gespräch geführt, heißt es weiter. "Sie wird altersbedingt in diesem Jahr aus dem Dienst ausscheiden." Damit löst sich das Problem zeitnah von selbst, hört man zwischen den Zeilen heraus.

Gewählt wurde die Klinikseelsorgerin in beiden Fällen übrigens nicht. Trotzdem dürfte sie ihre Kandidatur wohl noch länger beschäftigen. Eine Theologin bei der AfD, das geht für viele einfach nicht zusammen. Angestellt ist die Frau beim Dekanat und wird als hauptamtliche Seelsorgerin geführt. Zunächst füllte sie die halbe Stelle in der Klinikseelsorge komplett aus und lebte in der Region. Auf eigenen Wunsch reduzierte sie später auf inzwischen acht Stunden die Woche, zog nach München und teilt sich die Stelle mit einer Religionspädagogin aus der Region.

Presseanfrage blieb unbeantwortet

Auf eine Anfrage unserer Zeitung zu ihrem Fall meldete sich die Klinikseelsorgerin nicht. Mit der grundsätzlichen Frage, ob AfD und Kirchenamt zusammengehen, muss sich im Übrigen auch die evangelische Kirche in der Region befassen. Gregor Bardeda, der stellvertretende Kreisvorsitzende des AfD-Verbands Nürnberg-Schwabach, arbeitet gerade an seiner Promotion als Theologe und will dann ins Vikariat und in ein Leben als Pfarrer.

Der Nürnberger Regionalbischof Stefan Ark Nitzsche sieht das skeptisch. Er könne sich schlichtweg nicht vorstellen, wie eine AfD-Mitgliedschaft und ein Leben als Seelsorgerin zusammengehen könne, ohne dass die Glaubwürdigkeit der Verkündigung des Evangeliums gefährdet werde, sagte er vor wenigen Tagen dem Bayerischen Rundfunk. Besonders problematisch sehe er das, wenn die jeweilige Person eine Funktion in der Kirche habe und damit nicht nur für sich, sondern auch für die Kirche spreche.

JAN STEPHAN

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