Als die Bomben in der Heimat einschlugen

23.2.2020, 05:52 Uhr
Ein einzelner B-17-Bomber hatte seine tödliche Fracht über Weißenburg abgeladen. Im Bereich Am Hof starben 21 Menschen, etliche Häuser wurden zerstört oder schwer beschädigt.

© Foto: Stadtarchiv Weißenburg Ein einzelner B-17-Bomber hatte seine tödliche Fracht über Weißenburg abgeladen. Im Bereich Am Hof starben 21 Menschen, etliche Häuser wurden zerstört oder schwer beschädigt.

Es sollte eigentlich ein kleiner Festtag werden im ausgehenden sechsten Kriegswinter vor 75 Jahren. Hinter dem Anwesen in Weißenburger Straße 18, in der Glaser- und Uhrmachermeister Franz Höck wohnte, hatte der Brandmetzger ein Schwein geschlachtet. Der 74-jährige Höck und seine Frau Babette waren frühmorgens aufgestanden zum Schlachttag, der die seit Jahren eher kargen Mahlzeiten etwas üppiger machen sollte. Bratwürste und Preßsack wurden gefüllt, die Schinken zum Räuchern eingesalzen. Zum Mittagstisch waren auch die beiden Höck-Töchter Franziska und Babette von der Arbeit aus Weißenburg heimgekommen, um Würste, Fleisch und Kraut zu genießen. Kaum jemand dachte da an den Krieg, der längst auf deutschem Boden angekommen war – oder an den Bombenterror, der zuletzt Nürnberg und Dresden in Schutt und Asche gelegt hatte. Alles schien friedlich an jenem 23. Februar 1945, der ungewöhnlich sonnig war.

Dafür kam der Krieg plötzlich und massiv über Ellingen. Es war kurz nach Mittag, als die 20 und 25 Jahre alten Töchter mit Franz und Babette Höck gemeinsam aßen. Dumpfes Brummen und dann ein infernalisches Heulen kündigte das Unheil an, dem die Familie Höck und 90 weitere Menschen in Ellingen nicht entfliehen konnten. In rund 4500 Metern Höhe hatten 24 B-17G-Bomber der auf dem US-Fliegerhorst in Glatton/England gestarteten 457. Bomber-Group der 1. US-Air-Division ihre tödliche Fracht ausgeklingt. Glücklicherweise verfehlten wegen eines Fehlers in der Führungsstaffel etliche der Sprengkörper ihr Ziel. Die Bombenschützen der Führungsflugzeuge hatten die Zielgeräte auf die Anhöhe des Römerkastells eingestellt, sodass viele der 250-Kilo-Sprengkörper über das tiefer liegende Ellingen hinweg in die feuchten Wiesen Richtung Schmalwiesen einschlugen und wenig Schaden anrichteten. Die höher fliegende dritte Staffel konnte nicht mehr nachjustieren drehte nach Oettingen ab und lud dort ihre todbringende Last ab.

Mitten in die Altstadt

In Ellingen trafen jedoch die beiden Bombenteppiche der zweiten Staffel voll ins Ziel: 28 Häuser in der Weißenburger Straße, der Hinteren und neuen Gasse, der Pleinfelder und der Schlossstraße barsten durch Volltreffer, viele andere Gebäude, darunter St. Georg und das Rathaus wurden durch die Wucht der Detonationen der etwa 90 Bomben schwer beschädigt, die Apotheke brannte. Durch die Staub- und Rauchwolken hallten die Schrei e der verwundeten, eingeklemmten oder verschütteten Ellinger. Viele von ihnen hatten nie daran gedacht, dass die 1500 Einwohner zählende Stadt an der Reichsstraße zwischen Nürnberg und Augsburg einmal Ziel eines Bombenangriffes sein würde – die Munitionsfabrik in Langlau war weit weg und gut getarnt, in der fränkischen Barockstadt gab es keinerlei kriegswichtige Fertigung, keine militärischen Anlagen, nur die Reichsstraße führte durch und die Bahnstrecke war nahe.

Gegenüber dem Ellinger Rathaus in Richtung des Schlosses hatten die Bomben mehrere Häuser vernichtet und viele andere schwer beschädigt. Unter anderem brannte die Apotheke komplett aus.

Gegenüber dem Ellinger Rathaus in Richtung des Schlosses hatten die Bomben mehrere Häuser vernichtet und viele andere schwer beschädigt. Unter anderem brannte die Apotheke komplett aus. © Foto: Stadtarchiv Weißenburg

Doch die US-Bomber hatten im Januar und Februar 1945 die Verkehrswege innerhalb Deutschlands zum Ziel – das Unternehmen "Clarion", wie die Serie der Luftangriffe getauft worden war, sollte wichtige Straßenkreuzungen Brücken, Bahnhöfe (wie jener in Treuchtlingen) zerstören. So wollten die Westmächte den deutschen Rückzug in Richtung der nicht vorhandenen "Alpenfestung" wie auch die Verlegung von Truppen in Richtung Front verzögern. Eigentlich war die der Verkehrsknotenpunkt Bamberg auserkoren an jenem Februartag. Doch eine dichte Wolkendecke verhinderte einen Zielanflug auf Sicht, sodass sich die Bomber-Groups Ausweichziele suchten. Ein "Target of opportunity" war Ellingen, das aus Nordosten angeflogen und bombardiert wurde.

Der ohrenbetäubende Schrecken dauerte nur kurz, die riesige Staubwolke war wie nach dem vormittäglichen Angriff auf Treuchtlingen weithin sichtbar. 94 Menschen lagen tot in den Trümmern – vom 25 Tage alten Säugling bis zum 87-jährigen Greis. Viele Opfer waren von den Explosionen grausam entstellt worden. Alex Westinger hatte an diesem Tag als Lehrling in der Metzgerei Hofmann gearbeitet, als das Haus durch einen Volltreffer zerstört wurde. "Er ist so entsetzlich verstümmelt worden, dass ihn unsere Mutter zuerst nur an seinem Pullover erkannte. Ein Bein fehlte", erinnerte sich seine Schwester Zita Güttler-Westinger.

Bürgermeister starb auf der Straße

Auch Ellingens Bürgermeister Franz Grüll, der noch nach Hause laufen wollte, wurde Opfer der Bomben. Er starb auf der Straße vor dem schwer getroffenen Anwesen der Familie Winkler. Dort hatte Herta Winkler zusammen mit ihrer Schwester Schutz unter einem Küchentisch gesucht – und überlebt. Die Eltern der beiden Mädchen waren von den Trümmern erdrückt worden.

Nachdem Kreisleiter Michael Gers-tner nach dem verheerenden Bombenangriff auf den Treuchtlinger Bahnhof (siehe Seite 3) alle verfügbaren Kräfte des Reichsarbeitsdienstes (RAD) und des "Hilfszuges Fuchs" (er wurde vor allem bei Aufräumarbeiten eingesetzt) dorthin beordert hatte, konnten Helfer erst in den Abendstunden in Ellingen anrücken.

Sie fanden auch die drei französischen Kriegsgefangenen Jules Pardieu, Rene Lelongt und Viktor Pascal sowie zwei Belgier, die im "Hilfszug Fuchs" Dienst taten, tot in den Trümmern. Die beiden Belgier waren offensichtlich mit einem Fuhrwerk nach Ellingen geschickt worden, um aus dem Großdepot im Ellinger Schloss Decken für die unzähligen Bombenopfer in Treuchtlingen zu holen.

Die Aufräumarbeiten am Rathaus, in der Weißenburger Straße und rund um die St.-Georgs-Kirche begannen wenige Tage nach dem Luftangriff.

Die Aufräumarbeiten am Rathaus, in der Weißenburger Straße und rund um die St.-Georgs-Kirche begannen wenige Tage nach dem Luftangriff. © Foto: Stadtarchiv Weißenburg

Überall in Ellingen machten sich die Überlebenden daran, den Verletzten und Eingeklemmten zu helfen. Im Spital war ein Behelfslazarett eingerichtet, in denen die vielen Verwundeten notdürftig versorgt wurden. Die überlebenden Ellinger wie Bewohner der Nachbarorte suchten in den Schuttbergen und Hausruinen stunden- und tagelang nach Angehörigen. Bei vielen kam die Hilfe zu spät, von Altsitzer Josef Krauß fand sich nichts mehr.

Vom Turm der Weißenburger Andreas-Kirche hatte Flugbeobachter Hans Mutzbauer die Staubwolke über Ellingen gesehen, es herrschte eine letztlich trügeriche Stille, als die Turmuhr 12.35 Uhr anzeigte. Plötzlich erschütterten schwere Explosionen den Bereich Am Hof und verwandelten ihn in eine Trümmerlandschaft. Eine einzelne Boeing B-17 hatte ihre tödliche Fracht über Weißenburg abgeladen. Sie war wohl ein Nachzügler der 457. Bomber-Group und hatte den Angriff auf Ellingen verpasst – warum auch immer. Der Bombenschütze öffnete über Weißenburg die Schächte des viermotorischen Flugzeugs und traf mit tödlicher Präzision mitten in die Altstadt: 21 Menschen starben in den fünf völlig zerstörten Häusern. 17 weitere Anwesen waren mehr oder weniger stark von den Druckwellen in Mitleidenschaft gezogen worden. Glücklicherweise hatten schon viele Weißenburger angesichts der Bomber-Meldungen und der Angriffe auf die Nachbarstädte Zuflucht in den Felsenkellern sowie im Schutzraum im fünfeckigen Turm gesucht.

Hans Mutzbauer erinnerte sich ein Leben lang vor allem die gewaltige Staubwolke nach dem Bombeneinschlag. Die Stille nach dem Angriff war schnell vorüber: Schreie der Verletzten mischten sich mit den Kommandos, die die Hilfsdienste dirigierten. Als erster Überlebender soll damals ein kleiner Schüler aus den Trümmern eines Hauses gerettet worden sein. Für viele kam jedoch jede Hilfe zu spät. Die Opfer in Ellingen wie in Weißenburg wurden aufgebart und dann in großen Gräbern auf den jeweiligen Friedhöfen beigesetzt. Dort erinnern heute Mahnmale an das schreckliche Geschehen.

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