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Altmühlfranken: Selbstgenähte Schutzmasken boomen

Immer mehr Menschen tragen einen Mund-Nase-Schutz, um die Infektionskette zu unterbrechen. - 01.04.2020 10:33 Uhr

Schutzmasken made in Weißenburg: Claudia Simon näht täglich an die 20 Stoffmasken, die sie an verschiedene Einrichtungen und Privatpersonen schickt. © Foto: Claudia Simon


Herbert Wagner aus Holzingen etwa hat vor knapp zwei Wochen angefangen, aus Bettlaken Mundschutzmasken zu nähen. "Ich habe eine Original-Maske hier und habe ausprobiert, wie luftdurchlässig der Stoff sein muss", erklärt Wagner. Bettlaken erschienen ihm am passendsten, und dann hat er angelehnt an das Original ein eigenes Schnittmuster erstellt. Der 79-Jährige weiß, was er tut: Viele Jahre lang hat er beim Herrenschneider Regent als Ausbilder gearbeitet.

In Holzingen hat der pensionierte Schneider Herbert Wagner viele Masken genäht und verschenkt diese an Taxifahrer oder Kassiererinnen. © Foto: Privat


Vier bis sechs Masken am Tag näht der Rentner, mehr schafft er aufgrund seiner körperlichen Verfassung nicht. "Aber ich möchte einen Beitrag leisten, auch wenn er noch so klein ist. Das macht mir Freude", sagt Wagner. "Wenn ich vielleicht nur einen Menschen retten kann, dann hat es sich gelohnt." Die Masken verschenkt er in seinem Familien- und Bekanntenkreis, aber auch an Taxifahrer oder medizinisches Personal.

Wurden Mundschutzträger zu Beginn der Coronavirus-Ausbreitung noch müde belächelt, so scheint sich das Blatt mittlerweile zu wenden. In Österreich ist es seit Kurzem Pflicht, beim Einkaufen einen Mundschutz zu tragen, und auch Ministerpräsident Markus Söder schließt eine ähnliche Regelung nicht aus. Denn so sinnlos, wie es zu Beginn hieß, ist diese Vorsichtsmaßnahme gar nicht, bestätigt auch das Robert-Koch-Institut (RKI). "Nach derzeitigem Kenntnisstand erfolgt die Übertragung vor allem über respiratorische Sekrete, in erster Linie Tröpfchen, etwa beim Husten und Niesen", so das RKI.

Vor allem für Mitarbeiter im Medizin- und Pflegebereich, die mit Covid-19-Patienten zu tun haben, empfiehlt das Institut einen sogenannten "Mund-Nasen-Schutz", kurz MNS. Dieser kann "die Freisetzung erregerhaltiger Tröpfchen durch den Träger behindern. Ebenso behindert er die direkte Übertragung von Tröpfchen auf den Träger."

Kein hundertprozentiger Schutz

Allerdings gebe es keine eindeutigen Beweise dafür, dass das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes das Risiko einer Ansteckung für gesunde Personen signifikant reduziert, räumt das RKI ein. Auch die Deutsche Lungenstiftung warnt: "Wenn man von einem Mitmenschen direkt angehustet oder angeniest wird, können Atemschutzmasken zwar einen Großteil der Tröpfchen abfangen, hundertprozentigen Schutz bieten sie aber nicht." Außerdem können die Masken ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln und dazu führen, dass etwa die Handhygiene vernachlässigt wird.

Für die allgemeine Bevölkerung gilt also, dass die Schutzmasken vor allem eine unbewusste Ansteckung der Mitmenschen verhindern soll. Denn nicht jeder, der SARS-CoV-2 in sich trägt, hat auch Symptome. Zudem könnte das Tragen von Masken das Risiko einer mögliche Schmierinfektion verringern, da man sich nicht mit schmutzigen Händen an Mund und Nase greift. Die Lungenstiftung ist also insgesamt der Auffassung: Wer einen – auch selbst genähten Mundschutz – verwendet, kann helfen, die Ausbreitung des Virus einzudämmen.

"Ich weiß nicht, ob‘s was nützt – aber es ist zumindest etwas, das man versuchen kann", sagt Claudia Simon. Seit einer guten Woche näht sie MNS-Stoffmasken im Akkord, mit einer Bekannten zusammen produziert sie 30 bis 40 Stück am Tag.

Nachfrage steigt

Die Nachfrage ist riesig: Das Gunzenhausener Krankenhaus hat 40 Stück bestellt, ein Beerdigungsinstitut in Treuchtlingen hat ebenfalls etwas geordert. Ambulante Pflegedienste, Apotheker und Speditionsfirmen aus Weißenburg – sie alle wollen Masken für ihre Mitarbeiter. Verdienen will Claudia Simon, die normalerweise beim Nähzentrum Regner in Weißenburg arbeitet und derzeit in Kurzarbeit ist, nichts mit der Herstellung der Masken. Über eine kleine Spende zur Deckung ihrer Material- und Portokosten freut sie sich natürlich trotzdem.

Auch im Hause von Ulrike Häcker in Weißenburg läuft derzeit die Nähmaschine. Produziert werden in Heimarbeit die aktuell viel gebrauchten Mund-Nase-Schutzmasken. © Foto: Privat


Ulrike Häcker verkauft ihre selbst genähten Schutzmasken für fünf Euro das Stück. In Corona-Zeiten ist der Schneiderin einiges an Einkommen weggebrochen, daher nutzt sie die Möglichkeit, hier zumindest ein bisschen was zu verdienen. Am Anfang nähte sie hauptsächlich für Bekannte, jetzt aber gehen Bestellungen im Akkord bei "Ullis Nähstube" ein. Bis zu 20 Exemplare produziert sie täglich an ihrer Nähmaschine. Auch das Altenheim in Ellingen hat schon Kontakt aufgenommen, weil hier dringend MNS-Masken gebraucht werden. "Wichtig ist, dass wir die Masken nicht als Atemschutzmasken verkaufen", weiß Häcker. Denn das seien sie rein rechtlich gesehen nicht.

Mit der Stoffmaske bekommt jeder Käufer von Ulrike Häcker ein Merkblatt, auf dem steht, wie der Schutz getragen und gewaschen werden muss. Auch die Deutsche Lungenstiftung ermahnt: Der Träger soll unbedingt darauf achten, dass der Mundschutz korrekt sitzt, damit Erreger nicht seitlich eindringen können. "Und je nachdem, wie viel man spricht und wie feucht der Mundschutz wird, sollte man ihn mindestens zwei bis dreimal täglich wechseln."

MIRIAM ZÖLLICH

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