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Donnerstag, 09.07.2020

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Corona-Folgen für Familien: Aufarbeitung wird dauern

Die Fachdienstleiterin des Jugendamts Weißenburg-Gunzenhausen über die Pandemie-Folgen für Familien - 30.06.2020 08:45 Uhr

Wenn es daheim Schläge gibt, ist das schrecklich. Bisher hat das Jugendamt wegen der Ausgangsbeschränkungen in der Corona-Pandemie keine steigenden Fallzahlen bei häuslicher Gewalt registriert. Experten gehen aber davon aus, dass einige Fälle erst noch bekannt werden. © Foto: Bodo Marks


 

Frau Liegel, Experten haben schon gleich zu Beginn der Pandemie vor schweren Folgen für Familien, Alleinerziehende und Kinder gewarnt. Vor allem ja auch, weil wegen der Kontaktbeschränkungen keine Besuche mehr in den Brennpunktfamilien mehr möglich waren. Können Sie schon abschätzen, was die Krise bei der von Ihnen und Ihrem Team betreuten Klientel angerichtet hat?

Die Folgen sind derzeit für uns noch nicht richtig absehbar. Erst nachdem die Kinder jetzt nach und nach wieder in den Kindertagesstätten und Schulen auftauchen, sind die Belastungen erkennbar. Bislang haben wir noch keine Steigerung der Meldungen, die eine Kindeswohlgefährdung beinhalten, festgestellt. Im vergangenen Jahr hatten wir 138 Gefährdungsmeldungen, bislang sind es 45. Wir gehen derzeit aber davon aus, dass die Fallzahlen noch ansteigen werden und befürchten, dass die Welle noch kommt.

Gibt es neben den genannten negativen Folgen der Corona-Krise unter Umständen auch positive Begleiteffekte?

Ja, die gibt es wirklich. So sind unseren Beobachtungen zufolge viele Familien auch enger zusammengerückt. Es ist auf jeden Fall ein positiver Effekt, dass die Krise Menschen auch zusammengeschweißt hat.

Normalerweise haben Sie und Ihr Team ja regelmäßig Kontakt zu den betreuten Familien und Kindern und schauen dort immer wieder vorbei. Wie konnten Sie denn während der Quarantäne Kontakt halten?

Wir haben uns, wie viele andere auch, neue Wege der Kommunikation überlegt und haben mit vielen Familien telefoniert oder Videokonferenzen abgehalten. Wo es notwendig war, gab es auch persönliche Kontakte, dann oft im Freien. Das hat mit vielen gut geklappt, aber leider nicht mit allen.

Welche Folgen wird aus Ihrer Sicht die Pandemie langfristig auf Familien und Kinder haben?

Neben der unsicheren Perspektive durch Arbeitslosigkeit oder wirtschaftliche Nöte ist davon auszugehen, dass es auch zu einem Abfall der schulischen Leistung und Schwierigkeiten im Sozialverhalten der Kinder kommt, da es vielen Familien aus den unterschiedlichsten Gründen nicht möglich war, die Kinder entsprechend zu unterstützen und zu fördern. Bereits bestehende Elternkonflikte und Probleme bei Umgangsregelungen haben sich durch die Ausgangsbeschränkungen teils massiv verschärft und werden vermutlich lange Zeit brauchen, um aufgearbeitet zu werden. Beziehungen müssen neu aufgebaut werden. Kinder, die bereits individuell durch Unterstützungssysteme gefördert wurden, müssen Rückschritte verkraften und neu erarbeiten. Die Aufarbeitung der Krise wird seine Zeit brauchen, wobei die Jugendhilfe sicher sehr gefragt sein wird.

Gab Auskunft über die Corona-Folgen für Familien: Britta Liegel. © Foto: Markus Steiner


Die Sozialpädagogin Britta Liegel (52) leitet am Landratsamt in Weißenburg den Fachbereich Sozialpädagogischer Fachdienst und ist auch die Stellvertretende Leiterin des Sachgebiets Jugend und Familie. Zu ihren Aufgaben gehören die Bezirkssozialarbeit, die Eingliederungshilfe, die Hilfen für junge Volljährige, die Stationären Hilfen, Jugendgerichtshilfe, die Koordinierende Kinderschutzstelle sowie der Pflegekinderfachdienst, und sie hat die Leitung über insgesamt über 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Frau Liegel ist seit 2001 im Jugendamt tätig und seit über fünf Jahren in leitender Funktion. Sie ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

INTERVIEW: MARKUS STEINER

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