Mittelschule

Das Frischluft-Fitnessstudio in Weißenburg

27.9.2021, 05:28 Uhr
Treffpunkt für Sportler und Familien: Das Gelände rund um die Mittelschule ist außerhalb der Unterrichtszeiten gut besucht.

Treffpunkt für Sportler und Familien: Das Gelände rund um die Mittelschule ist außerhalb der Unterrichtszeiten gut besucht. © Miriam Zöllich

Bis zu 50 Personen tummeln sich an manchen Wochenenden auf dem Gelände, unter ihnen auch René Mößner. Der muskulöse 36-Jährige ist in Weißenburg bestens bekannt als mehrfacher Sieger des Steinhebens, nun findet man ihn häufig an den sogenannten Calisthenics-Geräten an der Mittelschule beim Krafttraining. „Das hat mich durch Corona gerettet“, sagt Mößner. Denn die Fitnessstudios, wo viele den sportlichen Ausgleich suchen, waren über Monate geschlossen.

Da traf es sich gut, dass die Stadt Weißenburg bei der Renovierung der Mittelschule auch die Calisthenics-Sportgeräte auf dem Pausenhof verbaut hat. Die kennt man eigentlich eher aus größeren Städten, wo der Trend längst angekommen ist. Auch an Stränden von Urlaubsorten findet man die Geräte oft.

Übungen mit Eigengewicht

Im Prinzip sind sie nicht mehr als ein paar waagrecht und senkrecht miteinander verbundene Eisenstangen in unterschiedlichen Höhen, ohne großartige Spezialeffekte. Wie Barren und Reck, die man aus dem Sportunterricht kennt und an denen Millionen Schülerinnen und Schüler schon bei Klimmzügen, Felgaufschwung und Hüftumschwung verzweifelt sind.

Calisthenics kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „Gute Kraft“. Und die braucht man, denn an den Geräten macht man – anders als im Fitnessstudio, wo man viel mit Gewichten trainiert – ausschließlich Eigengewichtsübungen. „Das ist eine ganz andere Belastung, eine ganz andere Art von Training“, erklärt René Mößner. „Man kann im Prinzip jeden Muskel trainieren, aber viele Übungen sind unglaublich schwer.“

Ganzer Körpereinsatz: Beim Calisthenics-Training machen die Atlethen ausschließlich Eigengewichtsübungen. Für die

Ganzer Körpereinsatz: Beim Calisthenics-Training machen die Atlethen ausschließlich Eigengewichtsübungen. Für die "Fahne" hat René Mößner ein halbes Jahr üben müssen. © Miriam Zöllich

Und tatsächlich: Wenn René Mößner sich nach dem Aufwärmen waagrecht zur sogenannten „Flag“ an eine Stange hängt, perlen ihm schon nach wenigen Sekunden die Schweißperlen von der Stirn. Ein halbes Jahr hat der sportliche Mann gebraucht, bis er diese Übung ausführen konnte. Wohlgemerkt: Der Rekord-Steinheber von Weißenburg.

Beliebter Freizeit-Treffpunkt

Es sind aber nicht nur die Calisthenics-Kraftsportler, die sich rund um die Mittelschule treffen. Eltern und Großeltern kommen mit ihren Kindern zum Tischtennis spielen in den Pausenhof. In der Wiese recken die Teilnehmer von Yoga-Gruppen ihre Arme beim Sonnengruß dem Himmel entgegen. Jugendliche fahren mit ihren Fahrrädern, Rollern und Inline-Skates auf dem Verkehrsübungsplatz ihre Runden. Und vor den großen, verspiegelten Glasfenstern der Klassenzimmer trainieren immer wieder die Tanzgruppen von Azmi Hani ihre Choreografie unter freiem Himmel.

Die Mittelschule in der Mitte Weißenburgs ist außerhalb der Unterrichtszeiten zum Ort für Bewegung und Begegnung geworden. Ein Umstand, der Schulleiter Markus Scharrer freut: Die Schülerinnen und Schüler bekommen mit, dass die Schule in die Stadt integriert ist, und werden vielleicht durch die Vorbilder ebenfalls animiert, Sport zu machen. „Das Gelände ist ja offen gestaltet und es ist schön, wenn die Menschen kommen. Die einzigartige Lage direkt am Seeweiher hat eben auch ein besonderes Flair.“

Innenstadtnah, kostenlos, inmitten einer Grünanlage: Das scheint tatsächlich das Geheimrezept dieses neuen Trendortes in Weißenburg zu sein. Etliche, vor allem jüngere Menschen, filmen und fotografieren ihr Training und stellen die Ergebnisse in die sozialen Netzwerke.

Müll als Problem

Jogger drehen ihre Runden und machen Pause für ein kurzes Krafttraining. Und immer wieder tauschen die Sportler Tipps untereinander aus und zeigen sich gegenseitig neue Übungen.

Allerdings tauchen dort, wo sich viele Leute tummeln, zunehmend auch deren Hinterlassenschaften auf. Oft beginnt René Mößner daher seine Trainingseinheit erst einmal mit einer Runde Müll aufsammeln. Er appelliert an die Weißenburger, den Ort aufgeräumt zu hinterlassen – denn nur so können die Geräte auch weiterhin ohne Umzäunung von allen genutzt werden.

Auch wenn die Fitness-Studios mittlerweile wieder geöffnet haben, wird René Mößner auf das zusätzliche Calisthenics-Training an der frischen Luft nicht verzichten wollen. „Früher war ich auch beim schönsten Sonnenschein im Studio – jetzt weiß ich es vielmehr zu schätzen, mich draußen zu bewegen.“