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Den Bauern in Altmühlfranken vergeht die Lust an Schweinen

Die Haltung in Kastenständen ist bald nicht mehr erlaubt, was den BBV sehr ärgert - 29.08.2020 08:01 Uhr

BBV-Kreisobmann Erwin Auernhammer auf seinem Betrieb in Indernbuch. Der Ferkelerzeuger sieht düstere Zeiten auf seine Branche zukommen.

28.08.2020 © Foto: Jürgen Leykamm


Das Vorpreschen Deutschlands beim Tierschutz innerhalb der Europäischen Union bietet den Nachbarländern zweifelhafte "Vorteile". Werden die Vorgaben hier zu sehr verschärft, wandern ganze Tierhaltungsbereiche aus. Das sind die durch bittere Erfahrung genährten Befürchtungen der Agrarverbände. Laut Bundesratsbeschluss soll nun für Muttersauen der Kastenstand im Deckzentrum bald passé sein. Mit negativen Folgen für Tier und Landwirt, befürchtet auch der Bayerische Bauernverband (BBV) hier in Altmühlfranken.

Es gilt zwar noch eine achtjährige Übergangsregelung, dann aber wird Wirklichkeit, was Bundes-Grünen-Chef Robert Habeck in einer Videobotschaft gefordert hat: Darin wollte er "die Sau rauslassen!". Nun ist sie auch bald heraußen. Die Frage ist nur: Woraus? So stellt sie BBV-Kreisobmann Erwin Auernhammer aus Indernbuch: "Raus aus dem Kasten? Oder raus aus Deutschland?"

Letzteres müsse eigentlich eher erwartet werden. Sei Deutschland doch das einzige Land mit solch kurzfristigen Ausstiegsplänen im wahrsten Sinne des Worte. In der Tat sind die acht Jahre streng gestaffelt – drei Jahre nach Inkrafttreten der neuen Tierschutz- und Nutztierhaltungsverordnung, welcher der Rat nun zustimmte, müssen die bäuerlichen Betriebe Umbaukonzepte vorlegen, weitere zwei Jahre später einen Bauantrag stellen.

Fünf Quadratmeter

Was auch für Kopfzerbrechen sorgt, ist die Bodenfläche von mindestens fünf Quadratmetern, die der Sau nach dem Absetzen der Ferkel bis zur nächsten Besamung in Gruppenhaltung zur Verfügung stehen muss. Und der Bundesrat will zusätzliche Aktivitätsbereiche und Rückzugsmöglichkeiten. Strengere Bestimmungen gibt es auch bezüglich des Liege- und Ruhebereichs für Saugferkel. "Ob das alles noch viele Ferkelerzeuger in Deutschland mitmachen", fragt sich mit Auernhammer einer von ihnen.

Die Vorgaben bei gleicher Sauenzahl wie gefordert umzusetzen, würde ihn stolze 400 000 Euro kosten. Fürs Deckzentrum ließe sich noch eine Lösung finden. Für die Ferkel-aufzucht aber bräuchte es wohl einen Neubau. Und für einen solchen dürfte am Ortsrand von Indernbuch aufgrund der Emissionen nur schwer eine Genehmigung zu erhalten sein. "Das lässt sich alles wirtschaftlich überhaupt nicht darstellen," beklagt der Kreisobmann.

Kastenstände einst empfohlen

Zumal es auf der Einnahmenseite mehr als hapert. Die Erzeugerpreise im Schweinebereich befinden sich gerade im freien Fall. Probleme, die viele Schweinehalter in Deutschland mit Auernhammer teilen. Deren Zahl ist ohnehin schon extrem gesunken. Allein in Bayern haben im Vergleich zu 1970 veritable 98,4 Prozent von ihnen die Stalltüre für immer geschlossen. Nun gibt es noch 4500.

Mit der Einrichtung von Kastenständen sind sie einst dessen Empfehlungen und jenen des landwirtschaftlichen Bildungszentrums Triesdorf gefolgt – "um der Verletzungsgefahr vorzubeugen", so sei damals das Argument gewesen. Nun also die lang diskutierte Kehrtwende. Dass sie zu mehr Tierschutz oder gar mehr Tierwohl führt, bestreitet der Kreisobmann vehement. Er befürchtet eher "die Verlagerung des gefühlten Tierleids ins Ausland".

Es würden sich eben beispielsweise mehr Sauen in den tschechischen Kastenständen wiederfinden. Weite, klimaschädliche Transportwege seien da nur ein Problem. Der regionalen Lebensmittelversorgung werde ein weiterer Riegel vorgeschoben. "Die Politik hat wohl nichts dazugelernt", kommentiert der 54-Jährige bissig mit Blick auf die Legehennenhaltung in Käfigen.

Europaweite Lösungen gefragt

Die seien nach dem entsprechenden Verbot in Deutschland ab- und im benachbarten Osten wieder aufgebaut worden. Ähnliches lasse sich nun in Sachen Kastenstände befürchten. "Es hat einfach keinen Sinn, die Vorgaben nur in Deutschland zu verschärfen. Wenn die Grünen etwas für den Tierschutz erreichen wollen, dann sollten sie sich für eine europaweite Lösung starkmachen", wettert Auernhammer.

Mit ihm ist ein ganzer Berufsstand wütend. "Die Empörung über den Beschluss ist nach wie vor groß. Er ist ein weiterer Sargnagel für die deutsche Ferkelerzeugung", weiß der BBV-Funktionär. Dabei gibt es seiner Ansicht nach sehr wohl einen Weg, der den Schweinen und ihren Haltern eine Zukunft hierzulande ermöglichen könnte: über eine letztlich vom Verbraucher zu entrichtende Tierwohlabgabe auf die entsprechenden Produkte, wie sie derzeit auch im Gespräch sei.

Profitieren sollen von ihr dann jene Betriebe, die auf freiwilliger Basis Maßnahmen ergreifen, die den Tieren zugutekommen – mehr Platz im Stall etcetera. Wenn der Einzelhandel pro verkauftem Kilo Schweinefleisch oder Wurst einen gewissen Obolus in einen Fonds einzahle, könnten hieraus die Mehrleistungen finanziert werden. "Das ist der einzige Weg, der funktioniert", ist Auernhammer überzeugt.

Klare Kennzeichnung

Allerdings würde dies wohl die Verkaufspreise steigen lassen. Was wiederum den Importeuren nicht schmecken dürfte. Den Appetit völlig verlieren könnten sie, wenn ein weiterer Vorschlag des Indernbuchers Gehör fände: die Herkunftsauszeichnung für Schweinefleisch, aus der klar hervorgehen müsse, wo das Tier gezüchtet, aufgezogen, gemästet und geschlachtet wurde. Für Fleisch, das hier viermal ein D für Deutschland auf der Verpackung stehen habe, würden die Verbraucher dann auch tatsächlich mehr ausgeben wollen.

 

JÜRGEN LEYKAMM

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