Auf dem Jura 23.000 Euro gesammelt

Der Dank der Flutopfer ist riesig

17.10.2021, 08:21 Uhr
Der katholische Frauenbund Raitenbuch übergab beim Jura-Ökumenegottesdienst an der Hirschspringquelle bei Nennslingen 1100 Euro für die Flutopferhilfeaktion der evangelischen Kirchengemeinden Oberhochstatt und Burgsalach. Pfarrer Reinhold Friedrich freute sich sehr über die Unterstützung.

Der katholische Frauenbund Raitenbuch übergab beim Jura-Ökumenegottesdienst an der Hirschspringquelle bei Nennslingen 1100 Euro für die Flutopferhilfeaktion der evangelischen Kirchengemeinden Oberhochstatt und Burgsalach. Pfarrer Reinhold Friedrich freute sich sehr über die Unterstützung. © Robert Renner, NN

Teile des Schreibens hat Friedrich jüngst im Erntedankgottesdienst verlesen. Ihn bewegt immer noch das Schicksal der Flutopfer, vor allem jetzt, wo die betroffenen Gebiete aus den tagesaktuellen Fernsehberichten verschwunden sind, die Menschen dort aber immer noch unter den Folgen massiv leiden und Pfarrerin Smidt-Kulla tagtäglich mit diesem Leid konfrontiert wird.

So manche Straße habe bis heute keinen Strom, viele Menschen würden sich seit der Katastrophe mit kaltem Wasser duschen und waschen. Und seit Kurzem ist bekannt, dass die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler erst Anfang nächsten Jahres, eventuell sogar erst im März, wieder mit Gas versorgt werden kann, berichtet die Geistliche. So lange dauere es also noch, bis viele der Menschen wieder mit Wärme versorgt werden können.

Die Martin-Luther-Kirche in Bad Neuenahr, in der das Wasser gut einen Meter hoch stand, ist mittlerweile ausgeräumt und wartet nun auf ihre Sanierung.

Die Martin-Luther-Kirche in Bad Neuenahr, in der das Wasser gut einen Meter hoch stand, ist mittlerweile ausgeräumt und wartet nun auf ihre Sanierung. © Privat, NN

Derzeit sei man auf der Suche nach einer „Ersatzlösung für die Heizperiode, auf der Suche nach Handwerkern und Trocknungsgeräten und auf der Suche nach einem Stück Normalität“, berichtet Smidt-Kulla, und die Anstrengungen und die Angespanntheit schwingen in ihren Worten mit.

In ihrer Gemeinde stand die große Kirche in Bad Neuenahr unter Wasser. Sie ist so beschädigt, dass sie ein bis zwei Jahre nicht benutzt werden kann. Auch die Jugendräume, der Kindergarten, die Verwaltung und Materialräume sind zerstört. Sie werden nun in den Rohbauzustand versetzt, um sie dann zu trocknen. „Zum Glück haben wir unsere kleine Kirche in Ahrweiler noch, die unversehrt geblieben ist. Dort findet nun jeden Sonntag der Gemeindegottesdienst statt, die Taufen, Konfirmationen und alle anderen besonderen Festgottesdienste“, beschreibt die Pfarrerin.

7000 Kinder im Tal gehen ihr zufolge „nun nicht mehr zu der Schule, die ihre Schule ist, sondern sind zu Gast an anderen Schulen“. Viele Kinder gingen nachmittags in den Unterricht, wenn jene Kinder, die die Schule eigentlich besuchten, mit dem Unterricht fertig seien. „Was das für Kinder bedeutet, die nun schon mit eineinhalb Jahren Corona kaum normalen Schulalltag hatten, können wir uns alle kaum vorstellen“, macht Smidt-Kulla deutlich.

Kindergartengruppen seien in ganz unterschiedlichen Räumlichkeiten untergebracht, aber alle sicher auf lange Zeit in Provisorien. „Viele, viele Familien und auch ältere Menschen wohnen nun nicht mehr in ihrem Zuhause, sondern weit verstreut. Der Bürgermeister sagte, ein Drittel der Bevölkerung unserer Stadt lebt nicht mehr vor Ort“, berichtet die Pfarrerin.

Vieles läuft noch im Notbetrieb

In der Innenstadt von Bad Neuenahr-Ahrweiler hat jedes Geschäft einen Totalschaden erlitten, alle sind geschlossen. Es gibt noch wenige Supermärkte und eine Apotheke. Mittlerweile gibt es einen Notbetrieb eines Friseurs, eines Metzgers, einer Apotheke und eine Bäckerei in einem Container. Bis die Geschäfte in der Innenstadt wieder benutzbar sind und öffnen, wird es Frühjahr oder Sommer 2022 werden.

„Und dann überall die Zerstörung: So viele kaputte Häuser, so viel zerstörte Infrastruktur (Straßen, Brücken und Eisenbahnschienen)“, schildert die Seelsorgerin. In der ganzen Stadt führen nur noch zwei Brücken über die Ahr und sind zu Nadelöhren geworden. Der Anblick der Zerstörung sei „für viele Menschen eine Belastung“. Sie seien „noch ganz gefangen von den Erlebnissen“ und kämen „nicht zur Ruhe“. „Wir werden noch viel Hilfe und Unterstützung benötigen“, ist sich die Pfarrerin sicher.

Das ganze Tal trauert außerdem um die vielen Menschen, die in der Flut gestorben sind. Immer noch finden jede Woche viele Beerdigungen von Flutopfern statt auf unterschiedlichen Friedhöfen, die nicht zerstört sind. Diese liegen oftmals entfernt vom eigentlichen Wohnort der Hinterbliebenen, weiß Pfarrer Friedrich. Die Verlegung der Gräber sei aber zugesagt, wenn die zerstörten Friedhöfe wieder nutzbar seien.

Seine Amtskollegin Smidt-Kulla schreibt an die eifrigen Spender in den Kirchengemeinden Oberhochstatt und Burgsalach sowie darüber hinaus: „Vielen Dank, dass Sie an uns denken!“ Die über 23 000 Euro seien an die Menschen weitergegeben worden, „die unmittelbar dringende Unterstützung gebraucht“ hätten. Bei der Verteilung der Spenden seien „die ganz konkrete Situation berücksichtigt und je nach Betroffenheit die Menschen unterstützt“ worden.

Die Flut hat im Ahrtal unglaubliche Zerstörungen hinterlassen. Auch der Friedhof in Bad Neuenahr ist nicht mehr nutzbar. Die Toten wurden und werden in Friedhöfen umliegender Orte beigesetzt.

Die Flut hat im Ahrtal unglaubliche Zerstörungen hinterlassen. Auch der Friedhof in Bad Neuenahr ist nicht mehr nutzbar. Die Toten wurden und werden in Friedhöfen umliegender Orte beigesetzt. © Privat, NN

In den über 23.000 Euro sind auch eine Einzelspende in Höhe von 8000 Euro enthalten sowie 1100 Euro, die der Zweigverein Raitenbuch des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB) beim Jura-Ökumenegottesdienst an der Hirschspringquelle an Pfarrer Friedrich überreicht hat. Es sei „ein starkes Zeichen von Ökumene“, wenn ein katholischer Frauenbund einen Basar veranstaltet und den Erlös dann an eine Aktion evangelischer Gemeinden übergebe“, freute sich der Seelsorger, wohl wissend dass so etwas vor einigen Jahren am Jura noch undenkbar gewesen wäre.

Doch auch die Solidarität mit den Flutopfern, die immer noch unbeschreibbare Zustände ertragen müssen, ließ diese Grenzen überwinden. Pfarrerin Smidt-Kulla berichtet, dass viele Soldaten, die im Ahrtal geholfen haben, gesagt hätten, dass es dort an so mancher Stelle schlimmer aussehe als in Kriegsgebieten. Die Seelsorgerin: „Es war eben nicht ein Hochwasser, was wir erlebt haben, sondern eine Flutkatastrophe!“

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