Dorfentwicklung mit den Bürgern gestalten

19.3.2018, 06:05 Uhr
In 4500 Stunden ehrenamtlicher Arbeit haben die Grabener die alte Weißlein-Scheune in der Dorfmitte zum Gemeinschaftshaus umgebaut. Dort soll nach dem Willen der Bürger auch ein Jugendraum entstehen.

In 4500 Stunden ehrenamtlicher Arbeit haben die Grabener die alte Weißlein-Scheune in der Dorfmitte zum Gemeinschaftshaus umgebaut. Dort soll nach dem Willen der Bürger auch ein Jugendraum entstehen. © Benjamin Huck

Junge Menschen ziehen aus den Dörfern, Gebäude verfallen, die Lebensqualität sinkt. Dieses Schicksal ereilt viele Ortschaften auf dem Land und ist seit längerem ein Thema der Politik. Wie sich ein Dorf fit für die Zukunft machen kann, sah sich der CSU-Landtagsabgeordnete und Vorsitzende der Enquete-Kommission, Berthold Rüth, zusammen mit seinem Meinheimer Kollegen Manuel Westphal nun in Graben an.

Eine Enquete-Kommission ist eine Arbeitsgruppe aus Abgeordneten und externen Sachverständigen, die zur Vorbereitung von Entscheidungen über umfangreiche und bedeutende Angelegenheiten eingesetzt wird. Im Juli 2014 nahm die Kommission für gleichwertige Lebensverhältnisse des bayerischen Landtags ihre Arbeit auf, vor kurzem stellte sie ihren Abschlussbericht vor. Neben acht Sachverständigen tagten 13 Parlamentarier aus allen Fraktionen in den Gremium, darunter auch Manuel Westphal.

Zentrale Themen der Kommission waren Digitalisierung, Bildung und Infrastruktur, erklärt Berthold Rüth. Außerdem soll die Grundversorgung vor Ort gewährleistet werden, damit die Menschen in den Dörfern bleiben. Die Kommunen sollen ertüchtigt werden, um ihre freiwilligen Aufgaben auch weiterhin erfüllen zu können. Des Weiteren empfiehlt die Kommission, die Bewohner in eine aktive Bürgergesellschaft einzubinden.

„Die Handlungsempfehlungen in unserem Abschlussbericht stellen konstruktive Lösungsansätze dar, an denen wir im Landtag weiterarbeiten wollen“, sagt Rüth. Auch der demographische Wandel und das mancherorts damit verbundene Schrumpfen der Dörfer war ein Thema. In Graben scheint dies allerdings kein Problem zu sein, entsteht doch im Nordwesten des Ortes mit dem Mandlfeld gerade eine dringend benötigte Neubausiedlung.

Der CSU-Landtagsabgeordnete Berthold Rüth (links) aus Eschau bei Miltenberg ist Vorsitzender der Enquete-Kommission, in der auch sein Parteikollege Manuel Westphal aus Meinheim (rechts) Mitglied ist.

Der CSU-Landtagsabgeordnete Berthold Rüth (links) aus Eschau bei Miltenberg ist Vorsitzender der Enquete-Kommission, in der auch sein Parteikollege Manuel Westphal aus Meinheim (rechts) Mitglied ist. © Benjamin Huck

Und auch sonst hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten in dem Treuchtlinger Ortsteil viel getan. So machten sich die Abgeordneten zum Auftakt ein Bild vom 2013 fertiggestellten Gemeinschaftshaus in der Scheune des ehemaligen Weißlein-Anwesens. Rund 4500 Arbeitsstunden haben die Grabener in das Gebäude gesteckt und es selbst hergerichtet.

Privatleute investieren

Bereits zur Jahrtausendwende startete in Graben die Dorferneuerung unter dem Motto „Graben – ein Dorf im Schatten Karls des Großen mit hoher Lebensqualität auch in Zukunft“. Der Lohn für die Mühen der mehrjährigen Aktion war 2014 die Goldmedaille auf Bezirksebene beim Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“.

Neben der ehrenamtlichen Arbeit fürs Gemeinschaftshaus haben in Graben aber auch zahlreiche Privatleute in ihre Häuser investiert und sie auf Vordermann gebracht – unter teils erheblichem Einsatz von Zeit und Geld. Eines dieser Anwesen beherbergt die Karlsgraben-Ausstellung, die auf private Initiative in einem Flügel des ehemaligen Dreiseithofs der Familie Hüttinger entstanden ist.

Wie hoch das finanzielle Engagement war, weiß der Leiter des Amts für Ländliche Entwicklung (ALE), Gerhard Jörg, zu berichten. 37 Anträge auf Privatförderung seien gestellt worden, das Investitionsvolumen habe bei 2,1 Millionen Euro gelegen und insgesamt seien 360.000 Euro an Zuschüssen geflossen. Eine Antragsstellung für weitere Projekte im Zuge der Dorferneuerung sei momentan noch möglich, danach bestehe drei Jahre lang Zeit, die Baumaßnahmen abzurechnen. Die Öffentliche Hand investierte ebenfalls gut eineinhalb Millionen Euro und erhalte 700.000 Euro Förderung.

Architekt Reiner Bittner, der mit der Erneuerung befasst war und zusammen mit seiner Frau Michaela auch das historische Korbhaus neben dem Dorfgemeinschaftshaus hergerichtet hat, sprach allerdings auch von Widerständen. So wurde in Anlehnung an frühere Zeiten wieder ein Bach vom Karlsgraben zur Altmühl geführt, was zur Folge hatte, dass kleine Brücken zu den Grundstücken errichtet werden mussten. „Das hat am Anfang nicht jedem gefallen“, so Bittner. Doch nun gehöre das Bächlein zum Ortsbild.

Überhaupt der Karlsgraben: Der Namensgeber der Ortschaft zieht mittlerweile busweise Touristen an, die sich die Überreste des ersten Versuchs ansehen wollen, Donau und Main miteinander zu verbinden. Manch älterer Dorfbewohner erinnert sich noch daran, wie diese spannende Sehenswürdigkeit, die längst auch die Wissenschaft interessiert, fast in Vergessenheit geraten wäre – auch weil es keine Wegweiser zu dem über 1200 Jahre alten Denkmal gab. In der Dorfmitte zwischen Kirche und Gemeinschaftshaus erzählen nun Schilder die Geschichte des Ortes, und der Auslauf des Karlsgrabens erfreut sich im Sommer bei Besuchern und Radtouristen großer Beliebtheit.

Jugendraum geplant

Eine Bitte an die Politiker hatten die Mitglieder des Ortsausschusses: Fördergelder für eine Feuertreppe. Denn im Obergeschoss des Gemeinschaftshauses soll ein Jugendraum entstehen. Vorbereitet wurde er schon bei der Sanierung, allerdings ist ein zweiter Fluchtweg nötig, der außen ans Gebäude kommt. Für dessen professionelle Umsetzung müsste die Dorfgemeinschaft 10.000 Euro aufbringen.

Da könnte ein neuer Fördertopf helfen: Bis zu 2000 Euro gibt es zur Unterstützung des Bürger­engagements, ganz unbürokratisch ohne umfangreiche Anträge, erklärte Carolin Tischner, die im Landratsamt für die Lokale Aktionsgruppe (LAG) des EU-Förderprogramms „Leader“ zuständig ist. Denn das ist aus Sicht einer mit dem Thema vertrauten Dorfbewohnerin ein weiteres Problem: Manche Förderverfahren sind so kompliziert, dass schon die Antragsstellung abschreckt.

Keine Kommentare