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Donnerstag, 05.12.2019

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Fossilientage in Solnhofen: In Stein gemeißelte Auffahrunfälle

Eine Zeitreise mit aktuellen Bezügen - 13.08.2019 15:14 Uhr

Bringt verborgene Fossilien aus dem Stein: Der Präparator Ulrich Sauerborn aus Aalen zeigte, wie man einen Weißjura-Ammoniten präpariert. © Foto: Jürgen Leykamm


Bei ihnen scheute er sich nicht vor Bezügen zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen wie etwa der nach dem Klimawandel. So konnte er es sich nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, dass der Abbau des Solnhofener Plattenkalks lange Zeit ohne jede Kohlendioxid-Emission vonstattengegangen sei.

Die gewonnenen biologischen Produkte seien zudem absolut vegan, spielte der Leiter auf den aktuellen Ernährungstrend an. Gar in den prähistorischen Kontext stellte er die heutige Angst vor einem steigenden Meeresspiegel. Denn der sei vor 150 Millionen Jahren schon einmal 150 Meter höher gewesen als heute. Damals eben, zu Zeiten der Solnhofener Lagune.

Dem Hackstockmeister über die Schulter schauen: Erich Regler zeigte den Besuchern der Fossilientage in Solnhofen, wie man Juramarmorplatten mit dem Werkzeug kunstvoll in Form bringt. © Foto: Jürgen Leykamm


Deren Kalkfüllung sei es, die nun die steinernen Schätze berge, die auch an den Fossilientagen besichtigt werden konnten. Darunter Exponate, die wahre Dramen der Urzeit erzählen. "Wer findet zuerst den Fisch, der an seiner Beute erstickt ist?", forderte Röper beispielsweise zur Fossiliensuche im Museum auf. Auch so mancher "Auffahrunfall" von Meereslebewesen von einst ist hier in Stein abgebildet. Bei Strömungsgeschwindigkeiten von sechs Metern pro Sekunde sei ein solches Ereignis keine Seltenheit gewesen.

Steingeschichte zum Anfassen

In der Einrichtung selbst tummelt sich neben einem Saurierjungtier "mit der primitivsten Form der Protofeder" der Archäopteryx mit einem sehr hoch entwickelten Federkleid. Wieder im Freien gab es für die Besucher "Steingeschichte zum Anfassen". Quarzformen einmal zu berühren und sie zuzuordnen oder mit den eigenen Sinnen den Weg eines Felsbrockens zum Sandkorn zu verfolgen, machte den Besuchern sichtlichen Spaß.

Zur Belohnung gab es einen echten Achat mit nach Hause, der aber erst freigebuddelt werden musste. Anneliese Wendel, Leiterin des Bonner Freundeskreis für Mineralogie und Geologie, erklärte, warum so mancher Stein über recht eigenwillige Formen mit Löchern und Aushöhlungen verfügt. Die Bohrmuscheln seien hierfür verantwortlich. Beim Feuerstein, wie er sich im Plattenkalk von Solnhofen wiederfindet, habe hingegen die Kieselsäure etwas nachgeholfen. 60 Buben und Mädchen hätten sich bei ihrem Stand täglich in die Steingeschichte hineingefühlt, "und ebenso viel erwachsene Kinder", fügte sie hinzu.

Ein paar Meter weiter musste der Besucher stutzen – eine fossile Versteinerung und daneben ein steinerner Menschenkopf? Doch dabei handelte es sich nicht um den eines versteinerten Urzeitmenschen, sondern um ein Kunstwerk von Wolfgang Lindner.

Vom Urweltmuseum aus Aalen hingegen war Ulrich Sauerborn angereist, der sich beim Präparieren eines Weißjura-Ammoniten über die Schulter schauen ließ. Mit filigranen Instrumenten, die kaum ein Geräusch machten. Schon sehr viel lauter tönte es bei den Vorführungen der Steinbrecher. Wie etwa bei Erich Regler, der es verstand, Steinplatten maßgerecht zu bearbeiten.

An beiden Tagen war zudem nicht nur für das leibliche Wohl bestens gesorgt, sondern auch für musikalische Umrahmung. So rief die Gruppe "Next Generation" zum "Tanz der Fossilien" auf – früher hieß die Veranstaltung in Biergartenatmosphäre mal "Tanz auf der Gass'". Ein musikalischer Frühschoppen durfte auch nicht fehlen. In Aktion trat zudem der Malteser Hilfsdienst mit einem Flohmarkt, einer Spickerbude und einem Tattoostand. Mit dem Erlös wird das "Hollerhaus" in Ingolstadt unterstützt.

JÜRGEN LEYKAMM

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