Fulminanter „Weißenburger Jedermoo“

1.8.2016, 08:09 Uhr
Gott ist genervt vom Hedonismus der Menschen: Deshalb schickt er den „Toud“, um den Jedermoo vors jüngste Gericht zu zitieren.

Gott ist genervt vom Hedonismus der Menschen: Deshalb schickt er den „Toud“, um den Jedermoo vors jüngste Gericht zu zitieren. © Maurer

Da dürften sich ziemlich alle rund 150 Zuschauer wiedergefunden haben, die sich den „Jedermoo“ in der Version der Weißenburger Luna Bühne im Innenhof des Neuen Rathauses ansahen. Dieses Wiederfinden begann schon auf dem Weg zu den Sitzplätzen. Diverse Standspiegel zeigten den Besuchern ihr eigenes Abbild. Irgendwie ist jeder von uns der Jedermoo.

Fitzgerald Kusz hat Hugo von Hofmannsthals Theaterstück „Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ ins Fränkische übertragen und Brigitte Brunner hat diese nach Weißenburg übertragen und mit einem fulminanten Ensemble umgesetzt. Wenn im zweiten Teil gelacht wird, dann nicht, weil es wirklich so lustig wird, sondern weil das beklemmende Gefühl sonst kaum auszuhalten ist, das sich da breit macht im Publikum.

Jeder von uns ist ein bisschen Jedermoo: Jedermoo (Stephan Hausner) genießt das Leben in vollen Zügen gleich mit zwei „Herzerle“. Doch wer mit ihm Geschäfte macht, braucht nicht auf besondere Mildtätigkeit warten. Das bekommt die Mutter von drei Kindern zu spüren, die ihn dafür gallig angiften.

Jeder von uns ist ein bisschen Jedermoo: Jedermoo (Stephan Hausner) genießt das Leben in vollen Zügen gleich mit zwei „Herzerle“. Doch wer mit ihm Geschäfte macht, braucht nicht auf besondere Mildtätigkeit warten. Das bekommt die Mutter von drei Kindern zu spüren, die ihn dafür gallig angiften. © Maurer

Brunner, die selbst als „Gwissn“ mitspielt, setzt auf eine karge Kulisse. Ein paar Bierzeltgarnituren genügen völlig. Und auch die Kostüme beeindrucken durch die schlichte Ausdruckskraft. Ein weißer Anzug ohne Hemd für den „Deifl“ (Harald Nießlein), ein rosafarbener Kaftan für „Godd“ (Mathias Böhner), an fränkische Trachten angelehnte Kleidung für die Menschen auf Erden. Brunner setzt vollkommen auf ihre engagierten Amateurdarsteller – und die setzen den „Jedermoo“ auf absolutes Profi-niveau. Alle Darsteller sind schlicht famos.

In vorderster Linie ist aber natürlich Stephan Hausner in der Titelrolle zu nennen, der das ganze Stück tragen muss. Er steht fast zwei Stunden permanent im Rampenlicht, ist in jeder Szene präsent und hat dabei nicht nur einen extrem schweren Text rüberzubringen, sondern auch noch die Wandlung des hedonistischen zum geläuterten Menschen. Nachdem der „Toud“ (Thomas Hausner) ihm offenbart, dass sein im wahrsten Sinn des Wortes letztes Stündlein geschlagen hat, versucht der Jedermoo erst noch mit seinen bisherigen Verhaltens­mustern einen Gefährten für seinen letzten Weg zu finden. Doch er muss einsehen, dass sich mit Geld eben nicht alles kaufen lässt. Und in buchstäblich letzter Minute entdeckt er sein „Gwissn“ und seinen „Glaum“ (Anja Tiede) wieder. Damit springt er dann dem „Deifl“, der sich schon über einen Neuzugang in der Hölle gefreut hat, nochmal von der Schippe.

Viel Handlung hat das Stück nicht und am Ende wird auch der Weißenburger „Jedermoo“ pathetisch und für die heutige Zeit ein wenig sehr kirchenfreundlich. Das liegt aber natürlich an der Vorlage aus dem beginnenden 20. Jahrhundert. Aber es geht ja um die innere Wandlung, die Stephan Hausner und seine Mitstreiter mit derartiger Wucht auf die Zuschauer knallen lassen, dass man ein wenig benommen den Heimweg antritt. Eine Inszenierung, die das von sich behaupten kann, hat zweifellos alles richtig gemacht. Man muss ja nicht gleich den Vergleich mit dem berühmten „Salzburger Jedermann“ bemühen – aber die Weißenburger Version hat zweifellos das Zeug zum Klassiker.

„Jedermoo“ und der „Brandner“

Der „Jedermann“ gilt als das protestantische Gegenstück zum katholisch inspirierten „Brandner Kaspar“, der seit vielen Jahren fest zum Repertoire im Bergwaldtheater gehört. Es kommt auch nicht von ungefähr, dass Thomas Hausners als „Toud“ und als „Boanlkramer“ genau gleich aussieht, nur der krächzend-scherzhafte Ton in der Stimme fällt weg. An einer Stelle nimmt Brunner charmanten Bezug auf den Brandner. Als Jedermoo sich noch mehr Zeit vom „Toud“ erbittet und ihn einlädt, etwas zu essen und zu trinken, reagiert der darauf mit einem „Haupdsach, du willst net Koardn spuin mid mir.“

Im vergangenen Jahr feierte „Der „Weißenburger Jedermoo“ Premiere. Schon damals kündigten Brigitte Brunner und Thomas Hausner an, dass sie das Stück gerne als festen Bestandteil im Theatersommer der Stadt etablieren möchten. Mit der Neuauflage in diesem Jahr haben sie gezeigt, dass der „Jedermoo“ zweifellos das Zeug hat, ein solcher Dauerbrenner zu werden. Auch wenn er nicht so einfach zu konsumieren ist wie der „Brandner“. Auch die Besucherzahlen hinken dem großen Vorbild natürlich hinterher. Das hat alleine schon Platzgründe. Bei mehr als rund 150 Menschen im Rathausinnenhof würde die Sicht zur „Bühne“ zu sehr leiden. Schon jetzt braucht man in den hinteren Reihen beim Dialog zwischen Jdermoo und „Mammon“ (Pia Oßwald) ein wenig Fantasie.

Am kommenden Wochenenende spielt das Luna Ensemble den „Weißenburger Jedermoo“ nochmal am Freitag und Samstag, 5. und 6. August, jeweils um 20.00 Uhr im Innenhof des Neuen Rathauses. Wer von Theater mehr als nur ein paar Schenkelklopfer erwartet, sollte sich das nicht entgehen lassen. Grandios!

Die weiteren Darsteller: Florian Huber und Kevin Burns („Freind“), Nina Gerbig und Diana Sturm („Herzerle“), Beate Ziegler (Mutter), Sebastian Hausner und Dennis Bock (Vettern), Rainer Scheibe (armer Nachbar), Franziska Hüttmeyer (Schuldnerin), Florian Gerbig (Hausmeister und Büttel), Ingrid Schebitz (Köchin), Lena Sturm, Anna Uellendahl und Gamze Souleiman (Kind, Magd, Madla und Engel) sowie Arthur Rosenbauer als Musikant.

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