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Keine Monologe vor der Webcam

Christian Pfliegel hat einen Leitfaden über digitale Bildung geschrieben - 20.03.2021 12:54 Uhr

Ein Handbuch am Puls der Zeit: Weil durch die Einschränkungen der Corona-Pandemie immer mehr Bildungsformate online stattfinden müssen, wie hier an der Altmühlfranken-Schule, hat Christian Pfliegel aus Weißenburg ein E-Book darüber geschrieben. Es soll helfen, digitale Seminare zu konzipieren und durchzuführen.

19.03.2021 © Foto: Tina Ellinger/Archiv


Schon seit vielen Jahren beschäftigen Sie sich beruflich mit digitaler Bildung, also e-Education. Auf welchem Stand war das Thema denn in Deutschland vor Corona?

Christian Pfliegel: Das war schon eine Nische. Viele konnten damit nichts anfangen, etwa mit Videokonferenzen und digitalen Lernplattformen.

Wahrscheinlich, weil man es nicht gebraucht hat . . .

Ja. Viele andere Länder sind da weiter als wir. Das habe ich etwa gemerkt durch die internationalen Partnerschaften der evangelischen Landeskirche. In Brasilien zum Beispiel gibt es viel größere Entfernungen, da braucht man digitalen Zugang zu Bildung. Oder in Tansania, da hat man das Telefonzeitalter einfach übersprungen und es gibt an jeder Ecke gutes Internet. Einmal hatten wir ein Projekt mit dem Kongo, dort hatten die bei den Videokonferenzen alle eine gute Internetverbindung. Probleme mit dem Internet gab es eher auf unserer Seite in Neuendettelsau.

Und dann musste alles ganz schnell gehen.

Meine Stelle als E-Learning-Entwickler bei der Mission EineWelt war zunächst nur eine Projektstelle. Es ist gut, dass die Stelle zum 1.1.2020 verstetigt wurde und mit digitaler Bildung aufs richtige Pferd gesetzt wurde. Ich bin stolz, dass wir deswegen keine größere Veranstaltung absagen mussten, sondern online durchführen konnten.

Was sind denn die größten Probleme bei Online-Seminaren und -Unterricht?

Man kann Präsenzveranstaltungen nicht 1:1 auf online übertragen. Das war auch der Grund für das Handbuch. Und man braucht jemanden, der das methodisch und didaktisch ordentlich konzipiert. Jemand, der auch die zeitlichen Ressourcen dafür hat und bei dem man das nicht einfach auf den normalen Aufgabenbereich mit oben draufpackt. Das zeigt sich ja an den Schulen: Es gibt motivierte Lehrkräfte, die ihr Bestes geben. Aber wo sollen sie die Zeit herbekommen, sich komplett neue Konzepte zu erarbeiten? Man müsste eigentlich Ressourcen aufwenden und dafür sorgen, dass sich jemand vernünftig drum kümmert. Wichtig ist auch das Thema Vernetzung. Der Austausch mit anderen. Man muss ja das Rad nicht neu erfinden.

Was ist denn der Unterschied zwischen Online-Bildung und "analog"?

Man muss online darauf achten, dass man die Teilnehmer aktiver einbindet. Außerdem sollte man die Input-Phasen kürzer machen. Man sagt, eine Stunde bis maximal anderthalb bei Präsenzseminaren – online sind es 30 Minuten. Dann lässt die Konzentration nach, das ist wissenschaftlich erwiesen. Mein Tipp ist also, die Online-Zeit so kurz wie möglich zu halten. Eine Möglichkeit wäre, den Input vorher schon aufzuzeichnen und zur Verfügung zu stellen, damit man dann im Seminar die Online-Zeit auch wirklich für den Austausch nutzen kann.

Welche didaktischen Möglichkeiten hat man denn bei digitaler Bildung?

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen synchron und asynchron. Viele sind sehr stark auf den Videocall fokussiert, der ist synchron, das heißt, alle sind gleichzeitig anwesend. Die asynchronen Anteile werden aber total unterschätzt! Denn da können sich die Leute in ihrer Geschwindigkeit mit dem Lernstoff befassen und dann in den synchronen Teil gehen und sich austauschen. Oft ist nämlich in den Videocalls die Zeit um, bevor die Diskussion überhaupt erst richtig spannend wird.

Wie kann man denn das Interesse der Teilnehmer aufrechthalten?

Erst mal sollten alle gemeinsam ankommen, vielleicht ein wenig Smalltalk machen. Dann braucht man einen guten Einstieg, zum Beispiel könnte in der Vorstellungsrunde jeder einen Gegenstand aus seinem Zimmer holen und etwas darüber erzählen. Wichtig ist, dass durch die Interaktionen eine Gruppendynamik entsteht. Gerade bei kleinen Gruppen, die mehrere Tage intensiv miteinander arbeiten, ist das sehr wichtig. Gut sind auch die sogenannten Breakout-Räume, in denen maximal fünf Teilnehmer untergebracht werden und jeder mal was sagt. Es gibt aber auch ein Risiko in der anderen Richtung: nämlich dass man übertreibt und ein regelrechtes Tool-Feuerwerk abschießt. Man sollte sich für einige wenige Tools entscheiden und diese aber immer wieder verwenden.

Was ist noch zu beachten, wenn man online Wissen vermitteln will?

Wichtig ist die Rollenverteilung der Leitung. Am besten sorgt einer für den Input, einer für die Moderation und einer für die Technik. Es ist schlimm, wenn Technikprobleme den Fortgang des ganzen Seminars unterbrechen. Oder wenn Kleinigkeiten den Inhalt stören, das ist nervig. Wichtig ist außerdem: das Unterrichts- oder Seminarprogramm einhalten, klare Arbeits- und Pausenzeiten vereinbaren. Es sollten auch alle mal zwischendurch vom PC weg und sich bewegen.

Immer wieder hört man ja gerade bei Schülern, dass sie in Videocalls die Kamera ausschalten. Was kann man dagegen tun?

Man könnte zum Beispiel mit spielerischer Interaktion die Scheu vor der Kamera nehmen. Alle müssen den Daumen auf die Kamera halten, dann gibt‘s eine Fragerunde, und wer die Frage mit "Ja" beantwortet, nimmt seinen Daumen weg. Man kann das mit der Kamera aber auch einfach thematisieren am Anfang, und erklären, dass es einfach fair ist, wenn man alle sieht. Es kann ja auch gute Gründe geben, die Kamera auszulassen, zum Beispiel bei Studenten, die nur über das mobile Internet online sind und Datenvolumen sparen müssen. Das gilt aber vor allem für den nichtschulischen Bereich. In der Schule ist das Thema ein wenig schwieriger, weil die Privatsphäre von Jugendlichen berührt wird. Das ist ein sensibles Thema und auch eine pädagogische Frage.

Wie kam es zu dem Leitfaden?

Beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 kam es zu einem ganzen Haufen Videokonferenzen, auch wir stellten unsere Seminare und Veranstaltungen komplett auf digital um. Da regte sich in mir das Bedürfnis, meine Erfahrungen aufzuschreiben. Ich hatte dann zufällig Kontakt zu einer Kollegin, die an einem ähnlichen Projekt arbeitete, also haben wir kollaborativ unsere Arbeiten zusammengeführt. Ich habe mich schon viel mit offenen Bildungstools beschäftigt und möchte den Leitfaden auch bewusst kostenlos zur Verfügung stellen. Die Zielgruppe sind vor allem Einsteiger, die gerade erste Online-Seminare planen. Aber auch für die Weiterbildung kann das E-Book dank der offenen Lizenz verwendet werden, es darf gerne kopiert und angepasst werden. Das ist ja das Schöne an digitaler Bildung: Zwei Menschen, die sich noch nie gesehen haben, können gemeinsam so ein Handbuch schreiben und damit anderen Menschen helfen.

Haben Sie eine Zukunftsvision? Wird digitale Bildung ihren festen Platz bekommen?

Es kommt auf den Kontext an. Bei Sport- oder Fitnessthemen wird man eher wieder zurückgehen zu Präsenzveranstaltungen. Und was man auch nicht unterschätzen darf, ist das gemeinsame Bier am Abend nach dem Seminar. Das ist online schwerer. Aber als Zusatzangebot wird digitales Lernen bestimmt bleiben. Man kann Dienstreisen reduzieren oder auch eingeschränkten Personen die Teilnahme am Seminar erleichtern. Oder internationale Kontakte einfacher pflegen. Zum Beispiel bei unseren Seminaren über Tansania: Da schalten wir jetzt einfach jemanden aus dem Land direkt hinzu. Wir reden also nicht mehr über die Leute, sondern mit ihnen. Ich bin gespannt, wohin die Entwicklung geht: In 30 Jahren ist ja das, was wir heute machen, wahrscheinlich ein Fall fürs Museum. Es ist wichtig, dass man immer dranbleibt und die Entwicklungen im Blick hat.

 

Das Handbuch für digitale Bildungsformate gibt es auf www.pfliegel.net kostenlos als PDF zum Download.

INTERVIEW: MIRIAM ZÖLLICH

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