Tierschutz

Langenaltheimer retteten mehrere Hundert Kaninchen

Miriam Zöllich
Miriam Zöllich

Weißenburger Tagblatt

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20.5.2022, 05:35 Uhr
Über 200 Kaninchen haben Yvonne Ströbel und ihre Tochter gerettet.

© Miriam Zöllich, NN Über 200 Kaninchen haben Yvonne Ströbel und ihre Tochter gerettet.

Der Fall sorgte vergangene Woche nicht nur bei Tierliebhabern für Entsetzen: Das Tierheim in Roth nahm knapp 100 Kaninchen von einer völlig überforderten Frau aus dem Gunzenhausener Raum auf. Die Nager waren teils krank und abgemagert.

Das Ausmaß des Falls ist aber noch viel größer. Die Tierfreunde Langenaltheim haben schon im Februar begonnen, die Kaninchen zu retten und zu vermitteln. Zu Beginn waren es an die 400 Stück.

Damals, vor rund drei Monaten, erhielt Yvonne Ströbel aus Langenaltheim einen Anruf. Die Frau am anderen Ende der Leitung erklärte, sie müsse etwa 50 Kaninchen abgeben. Sie habe aus Versehen einen unkastrierten Rammler gehabt, es kam zur unkontrollierten Vermehrung, und nun sei sie mit der Haltung der Tiere überfordert, das Veterinäramt sitze ihr im Nacken.

"Komplett überfordert"

Für die ehrenamtlichen Tierschützer aus Langenaltheim eine ambitionierte Aufgabe: Die Gruppe hat keine festen Vereinsstrukturen, es gibt kein Tierheim, wo man mal eben 50 Hasen unterbringen könnte. Trotzdem organisierten Yvonne Ströbel und ihre Tochter binnen einer Woche etliche Transportboxen und machten eine Liste mit Pflegestellen, wo die Tiere direkt hingebracht werden sollten.

„Wir haben einen Aufruf auf Facebook gestartet, und es haben sich schlagartig etliche Leute gemeldet, die helfen wollten.“ Optimistisch fuhren sie Richtung Gunzenhausen. Doch als Mutter und Tochter bei der Kaninchenbesitzerin ankamen, folgte der Schock: Auf dem Grundstück waren keine 50 Tiere untergebracht, sondern mehrere Hundert.

Im Keller, in einer Gartenlaube, in einem Verschlag: Überall stapelten sich die Käfige, und in den Käfigen die Kaninchen. „Ich war komplett überfordert“, sagt Yvonne Ströbel noch immer schockiert von den Eindrücken. „Der Geruch nach Kot und Urin hat sogar in den Augen gestochen.“

Schlimmer Zustand

Vor allem die Haltungsbedingungen und der Zustand der Kaninchen haben die Tierschützerin erschüttert. Die Hasen saßen in ihrem Kot, waren abgemagert, teilweise schwer krank. Das Fell eines Tieres war an den Beinen so verfilzt, dass es nicht mehr aufstehen und laufen konnte. Ein anderes Kaninchen hatte einen eitrigen Abszess am Auge, der sich bis zum Kiefer gefressen hatte.

Ein Rammler hatte Parasiten im Hirn und konnte aufgrund der Gleichgewichtsstörungen nicht mehr fressen und nur noch im Kreis laufen. Und etliche Tiere hatten schlimme Bissverletzungen – denn auf engem Raum und mit begrenztem Futterangebot richteten sich die Aggressionen gegen die Artgenossen.

Die Kaninchen waren teils in einem schlimmen Zustand, hatten Schnupfen, eitrige Verletzungen und Parasiten.

Die Kaninchen waren teils in einem schlimmen Zustand, hatten Schnupfen, eitrige Verletzungen und Parasiten. © Tierfreunde Langenaltheim

„Ich hab‘ zwar schon viel gesehen, aber das hat mich umgehauen“, erzählt die Langenaltheimerin mit Tränen in den Augen. Es brach ihr das Herz, in der ersten Fuhre nur etwa 35 Tiere retten zu können. „Dass es solche Ausmaße annimmt, war mir nicht bewusst. Aber mir war auch klar: Wir müssen helfen, die müssen da raus. Überall ist es besser als da.“

Wahre Zahl der Tiere lange ungewiss

Yvonne Ströbel setzte ihr Netzwerk in Bewegung und konnte weitere ehrenamtliche Helfer in der Region gewinnen. Ein Gnadenhof aus Franken funktionierte kurzerhand eine Pferdebox um und brachte dort rund 100 Kaninchen unter. Und etliche private Pflegestellen, Freunde und Bekannte erklärten sich bereit, ein paar der völlig verwahrlosten Tiere aufzunehmen.

Als großes Problem stellte sich heraus, dass nie wirklich klar war, wie viele Kaninchen die Frau aus dem Gunzenhausener Raum eigentlich hielt. Denn abgeben wollte sie die Tiere eigentlich nicht, hatte für viele von ihnen Kosenamen, versuchte, die Kranken zu versorgen. Erfolglos, denn etliche haben trotz Rettungsaktion nicht überlebt und mussten von der Tierärztin erlöst werden.

Die Halterin jedoch war sich keiner Schuld bewusst, erzählt Yvonne Ströbel. Sie habe immer wieder versucht, Dutzende Kaninchen vor den Tierschützern und dem Veterinäramt zu verheimlichen, um sie zu behalten. Einmal versteckte sie rund 50 Hasen – darunter viele Junge – stundenlang im Auto, das war an einem frühsommerlichen Wochenende im April. Nicht alle überlebten die Aktion.

"Animal Hoarding"

„Animal Hoarding“ lautet der Fachbegriff für das suchtartige Sammeln von Tieren. „Es beschreibt ein Krankheitsbild, bei dem Menschen Tiere in einer großen Anzahl halten, sie aber nicht mehr angemessen versorgen“, erklärt der Deutsche Tierschutzbund. „Die Halter erkennen nicht, dass es den Tieren in ihrer Obhut schlecht geht.“

Und die Halter zeigen keine Einsicht, dass der Tierbestand reduziert werden muss. Im Nachhinein kam auch im hier berichteten Fall heraus, dass die Frau aus dem Gunzenhausener Raum im Internet gezielt nach unkastrierten Rammlern gesucht hatte.

Etwa fünfmal war Yvonne Ströbel mit ihrer Tochter bei der Kaninchen-Besitzerin vor Ort, oft gemeinsam mit dem Veterinäramt, das sich sehr dankbar für die Hilfe der Tierschützer zeigte. Über 200 Hasen konnten die Tierfreunde Langenaltheim retten und – zumindest zeitweise – unterbringen. Weitere rund 100 Hasen sind nun zuletzt im Tierheim in Roth untergekommen.

Hohe Belastung, hohe Tierarztkosten

Die vergangenen Monate waren für Familie Ströbel eine Zerreißprobe. „Man hat das den ganzen Tag im Kopf“, sagt Yvonne. Mehrere Wochen lang waren sie oder ihre 18-jährige Tochter fast täglich bei der Tierärztin, mussten Entscheidungen treffen, ob Kaninchen eingeschläfert werden sollen oder noch eine Chance bekommen. Die Tierarztkosten belaufen sich mittlerweile auf mehr als 2500 Euro.

Viele Häsinnen waren bei der Rettung trächtig und haben in der Pflegestelle Junge geworfen. In Langenaltheim musste Familie Ströbel die kleinen Kaninchen mit der Flasche aufziehen - die Mutter starb kurz nach dem Wurf.

Viele Häsinnen waren bei der Rettung trächtig und haben in der Pflegestelle Junge geworfen. In Langenaltheim musste Familie Ströbel die kleinen Kaninchen mit der Flasche aufziehen - die Mutter starb kurz nach dem Wurf. © Miriam Zöllich, NN

Etliche Häsinnen waren trächtig und bekamen in der Pflegestelle Junge, auch bei den Ströbels in Langenaltheim. Die Häsin verstarb kurz nach dem Wurf an Entkräftung, die Jungen wurden mit der Flasche aufgezogen. „Zum Glück durfte ich die Jungen sogar mit auf die Arbeit nehmen“, erzählt Yvonne Ströbel, die in einer Zoohandlung arbeitet und ihrem Chef sehr dankbar für sein Verständnis ist.

Die Tierfreunde Langenaltheim hoffen nun, dass der ehemaligen Besitzerin geholfen wird – und dass sie nicht wieder an Tiere herankommt. Und natürlich, dass die Kaninchen, die sich derzeit noch in Pflegestellen befinden, bald ein dauerhaftes Zuhause finden. „Die Hasen sind wirklich alle so lieb. Es klingt komisch, aber irgendwie hat man das Gefühl, dass sie dankbar sind.


Info: Wer Zwergkaninchen ein dauerhaftes, artgerechtes Zuhause schenken will, kann sich bei den Tierfreunden Langenaltheim unter Tel. 01525/1 47 52 60 melden. Wer die ehrenamtliche Tätigkeit mit Spenden unterstützen will, kann dies über Paypal tun: www.paypal.me/tierfreundela

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