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Mit 78 zum Youtuber geworden

Helmut Baer aus Lichtenau begann in der Corona-Pandemie Videos über Sagen zu drehen - 03.03.2021 06:15 Uhr

Helmut Baer aus Lichtenau hat in der Corona-Pandemie nach einer sinnvollen Aufgabe gesucht. Der 79-jährige kam auf die Idee, Sagen in Kuzrfilmen zu erzählen und diese auf die Internetplattform Youtube zu stellen. Der Kreisheimatpfleger für Volksmusik und Brauchtum im Landkreis Ansbach hat Wurzeln im Weißenburger Land und erzählt daher auch Sagen aus dieser Region.

02.03.2021 © Helmut Baer


Helmut Baer wohnt in Lichtenau und ist Kreisheimatpfleger im Landkreis Ansbach, aber er hat etliche Wurzeln in der hiesigen Region. Und so beschäftigt er sich in seinen Videos auch mit Themen wie "Die weiße Frau vom Römerbrunnen", "Der Weißenburger Fenstersturz", "Das Mordbeil auf der Wülzburg", "Die Kinder der Kohlmühle zu Treuchtlingen", "Der Karlsgraben und die Götter" und "Die Schlüsseljungfrau von Möhren".

Doch der Reihe nach. Helmut Baer hat am Weißenburger Gymnasium 1965 sein Abitur gemacht – damals noch im Gebäude an der Wildbadstraße, der heutigen FOSBOS. Er studierte Soziologie in München und war nach verschiedenen Arbeitsstellen schließlich lange beim Arbeitsamt Ansbach beschäftigt, zunächst als Abiturientenberater, dann als Abteilungsleiter der Berufsberatung und schließlich als Geschäftsführer.

Die traurige Geschichte der Kohlmüller-Buben

Sein Herz aber gehört der Volksmusik. Baer spielt einige Instrumente, in Weißenburg war er ein paar Jahre Saxofonist bei den Clarks. Sein musikalischer Weg mündete ins Ehrenamt des Kreisheimatpflegers für Volksmusik und Brauchtum beim Landkreis Ansbach. "Den Dienstausweis besitze ich nun seit dem 16.1.1992", erzählt er.

Als vor rund einem Jahr Corona auftauchte, stand plötzlich auch die Brauchtumspflege still. Das Musizieren bei Vereinsfeiern war genauso passé wie Sänger- und Musikantentreffen. Aber Baer wollte nicht untätig sein. "Auf der Couch sitzen und Löcher in die Luft starren kann ich nicht", bekundet er. Und so entwickelte er die Idee, auf Youtube Sagen weiterzugeben.

Ein Fernkurs in Sachen Social Media

Schon als Jugendlicher erzählte er gerne Geschichten, während seiner Gymnasialzeit schrieb er Theaterstücke. Doch um die Sagen und Legenden auf Youtube zu bekommen, braucht man auch ein bisschen technisches Know-how. Also musste sich Baer erst einmal fortbilden.

Er absolvierte er einen Fernkurs in Sachen Social Media bei der Hochschule Bamberg/Schweinfurt und lernte das Handwerkszeug, um Filme zu machen. "Zunächst besorgte ich mir ein gutes Handy, eine Halterung, an der man es befestigen kann, ein Handymikrofon und die erforderlichen Kabel", blickt der Hobbyfilmer zurück.

Dann richtete er sich zu Hause einen Aufnahmeplatz ein und lud sich ein Programm auf den Computer, mit dem er "auf vielen Spuren die Aufnahmen gestalten kann", erklärt Baer. Und er startete seinen Youtube-Kanal unter dem Titel "Sagen Legenden Bräuche".

Start im Landkreis Ansbach

Als Grundlage für sein Sagenmaterial diente zunächst Alfred Kriegelsteins "Sagen Legenden Geschichten aus Mittelfranken" aus Baers Bücherbestand. Vom Verlag holte er sich die Genehmigung für das Nacherzählen. In der Folge besorgte sich der Kreisheimatpfleger immer mehr Sagenbücher und las sich über die Staatsbibliothek Ansbach in die Materie ein.

Zunächst konzentrierte er sich auf den Landkreis Ansbach. "Da bin ich jetzt einigermaßen durch und jetzt folgen die Stadt und der Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen", sagt er. Bei der Grundlagenarbeit zum Weißenburger Land sei der Kontakt zu Weißenburgs Stadtarchivar Reiner Kammerl "sehr fruchtbar" gewesen, freut sich der Geschichtenerzähler, der sich vor allem Sagen, die ihn "gefühlsmäßig ansprechen", widmet.

Mit klarem Konzept

Für seine Erzählungen hat er sich ein Konzept zurechtgelegt. Als erstes beschreibt er den Ort. Dazu informiert er sich unter anderem im jeweiligen Internetauftritt. "Es ist allerdings jedes Mal eine hohe Herausforderung, diese riesigen Datenmengen in ein paar wenige Filmminuten hineinzuzwängen", weiß er mittlerweile aus Erfahrung. Um die meist trockenen Daten zu veranschaulichen, nutzt Baer – natürlich mit Genehmigung – Bilder aus den jeweiligen Internetseiten.

Hernach erzählt er die Sage in eigenen Worten und versucht sie zu deuten oder einen Bezug zur heutigen Zeit herzustellen. Jeden Film unterlegt er mit Geräuschen und Musik, wobei er Volksmusik bevorzugt. "Weil sie nach meiner Auffassung der Sagenerzählung am nächsten liegt, die ja auch eine Volksdichtung ist", begründet Baer.

Vor die Kamera tritt er stets in der gleichen Aufmachung. Sein Hut stammt vom Großvater seiner Frau aus Bieswang. Die Weste ist handgenäht von einer fränkischen Schneiderin. "Die Lederhose hat schon viele Musikantenauftritte hinter sich", schmunzelt er.

Geheimnisvolles Licht

Er möge es, eine Kerze während seiner Erzählung brennen zu lassen, und Musikanten seien "in Gestalt der Puppenmusiker" immer bei ihm. Den Vasenschmuck gestaltet er je nach Jahreszeit. "Und: Der Schatten hinter mir macht das Ganze geheimnisvoll", erläutert er seine Filmkulisse. 

Mittlerweile sind gut 30 Kurzfilme von ihm auf Youtube zu finden. "Überwiegend sind es Sagen, aber auch Heiligenlegenden sind darunter. 

Von Juni 2020 bis Januar 2021 wurden seine Videos, die in der Regel zwischen acht und 20 Minuten lang sind, rund 4000 Mal aufgerufen. "Das finde ich schon ganz ordentlich", freut sich der Kreisheimatpfleger. Aus diesen Aufrufen seien bis jetzt aber erst 60 Abonnenten geworden. "Daraus ersehe ich: mühsam nährt sich das Eichhörnchen", sagt Baer und fügt an: "Andererseits sind meine Filme eben gerade kein Riesenspaß, sondern neben dem Event durchaus eine Herausforderung auch an den Zuschauer."

Noch viele Geschichten

Für 2021 hat der 78-Jährige sich viel vorgenommen, denn in Altmühlfranken gibt es offenbar "eine ganze Menge wunderbarer Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. Das wird wahrscheinlich auch wieder ein Paket von etwa 30 Kurzfilmen bis zum Jahresende werden", schaut er voraus.

Die Videos produziert er übrigens nicht nur, um in Corona-Zeiten eine sinnvolle Beschäftigung zu haben. Der Kreisheimatpfleger meint, selbst von dem Sagenthema am meisten zu profitieren, und zwar nicht nur an Geschichtswissen. Helmut Baer: "Ich bekomme auch viele schöne Kontakte, zum Beispiel mit Archivaren oder auch mit Menschen, die an dem Thema interessiert sind."

ROBERT RENNER

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