Pilotprojekt: Paten für insektenfreundliche Blühflächen gesucht

26.4.2021, 06:01 Uhr
Hohe Gräser und wild blühende Blüten, um die herum es kreucht und fleucht: Blühwiesen wie diese hier (li. im Bild) im mittleren Schambachtal sollen nun nach und nach im gesamten Gemeindegebiet entstehen. Für die Pflege werden Paten gesucht.

Hohe Gräser und wild blühende Blüten, um die herum es kreucht und fleucht: Blühwiesen wie diese hier (li. im Bild) im mittleren Schambachtal sollen nun nach und nach im gesamten Gemeindegebiet entstehen. Für die Pflege werden Paten gesucht. © Foto: Informationszentrum Naturpark Altmühltal

Das Treuchtlinger Naturpark Informationszentrum unterstützt im Jahre 2021 Bürger und Institutionen, die für mehr Blühen in Stadt und Landschaft sorgen wollen. Der Startschuss dazu ist bereits gefallen: In Graben und Möhren haben die Mitglieder der Gartenbauvereine Flächen umgebrochen und mit regionalem Saatgut eingesät. Hier werden in den nächsten Jahren blühende Areale entstehen, die Nektar und Pollen für die heimischen Insekten liefern.

Kleine Gärtner, große Walze: In Möhren machten sich Familien aus dem Gartenbauverein bereits ans Anlegen der neuen Blühwiesen.

Kleine Gärtner, große Walze: In Möhren machten sich Familien aus dem Gartenbauverein bereits ans Anlegen der neuen Blühwiesen. © Umweltstation Treuchtlingen

In den vergangenen Wochen hat das Naturpark-Team auch in vielen weiteren Treuchtlinger Ortsteilen gemeinsam mit den Ortssprechern und Gartenbauvereinen Referenzflächen ausgesucht, die in diesem Jahr später gemäht und insektenfreundlich bewirtschaftet werden sollen.

Stadt sucht Helfer

Nun sucht die Stadt Treuchtlingen weitere sogenannte Paten, welche die insektenfreundliche Pflege einer Blühfläche vor Ort übernehmen möchten. Blühen können auch Baumscheiben, kleine Staudenbeete auf öffentlichen Grünanlagen sowie Weg- oder Straßenraine. Wer die Pflege einer solchen städtischen Fläche in seiner Nachbarschaft übernehmen möchte oder Hilfe und Rat bei der Anlage einer blühenden Fläche auf privatem Grund benötigt, kann sich unter der Telefonnumer 09142/96 00 64 mit dem Naturpark Informationszentrum Treuchtlingen in Verbindung setzen.


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Treuchtlingen strebt in diesem Jahr eine Umstellung auf extensive Pflege in großem Rahmen an. "Extensiv" bedeutet im wesentlichen, dass Grünflächen weniger gemäht und gepflegt werden, damit Insekten, Kleintiere und Pflanzen besser geschützt sind.

Zahlreiche Wildbienenarten gefährdet

Eine dieser schützenswerten Insekten ist die Wildbiene. In ganz Deutschland leben etwa 580 Arten, von denen wiederum knapp 520 Arten in Bayern heimisch sind. Gleichzeitig gelten aber bereits 64 Prozent aller in Bayern lebenden Wildbienenarten als gefährdet. "Es ist also an der Zeit, etwas gegen dieses leise Artensterben zu tun", heißt es in einer Pressemitteilung des Naturparks und der Stadt.

Nach langen Jahren der Gefährdung von Insekten müsse nun ein Paradgimenwechsel eintreten, denn: "Insekten brauchen Menschen, Menschen brauchen Insekten". Insekten brauchen zum Überleben vor allem Nektar und Pollen, den sie in Blüten sammeln. Gleichzeitig bestäuben sie dabei die Blüten und sorgen so für reiche Erträge, die auch für uns Menschen wichtig sind.


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Denn in Deutschland werden 2000 bis 3000 heimische Nutz- und Wildpflanzen für die Ernährung genutzt. Etwa 80 Prozent davon werden von Bienen bestäubt. Geschieht dies nicht, drohen zum Beispiel bei Obstsorten wie Apfel, Birne, Kirsche oder Pflaumen und vielen weiteren pflanzlichen Lebensmitteln extreme Ernte-Ausfälle.

Was Honigbienen leisten

Welch gigantische Leistung unsere heimischen Insekten vollbringen, zeigen Untersuchungen an Honigbienen. Deren Honigblase fasst circa 20 Milligramm Nektar. Um sie zu füllen, sind mindestens 100 Blütenbesuche nötig. Die Biene legt dabei eine Strecke von etwa einem Kilometer zurück. Für ein 500-Gramm-Glas Honig fliegen Bienen circa zweimal um die Erde. Sie besuchen dabei etwa 7,5 Millionen Blüten. Gleichzeitig sorgen sie damit auch für einen Großteil unserer Ernten und somit für unsere Ernährung.

An jeder Blühfläche steht künftig ein Pult, das das Projekt erklärt. Ganz vertieft in ihren Beitrag halfen die Kinder der Gartenbau-Familien beim Aufstellen und Säen.

An jeder Blühfläche steht künftig ein Pult, das das Projekt erklärt. Ganz vertieft in ihren Beitrag halfen die Kinder der Gartenbau-Familien beim Aufstellen und Säen. © Umweltzentrum Treuchtlingen

"Ohne Bienen gibt es keine vitaminreiche Ernährung, keine bunten Wiesen und kein abwechslungsreiches Futter für unsere Nutztiere", heißt es von Seiten des Informationszentrums Naturpark Altmühltal. "Besonders dramatisch ist die Lage unserer heimischen Wildbienen, da oft nicht das ganze Jahr über vielfältige Blüten zur Verfügung stehen", führen die Naturexperten weiterhin aus.

Und hier kommen die aktuellen Projekte in Treuchtlingen und den Ortsteilen ins Spiel: Blühende Wiesen, Heckenzeilen und Streuobstwiesen helfen Insekten, zu überleben. Hierbei sind auch der Verzicht auf Pestizide und die insektenfreundliche Bewirtschaftung wichtig.

Das Treuchtlinger Informationszentrum erarbeitet deshalb im Rahmen eines vom Umweltministerium geförderten Projektes erste Umstellungen bei der Pflege der städtischen Grünanlagen. Das übergeordnete Ziel ist die Entwicklung eines neuen Pflegeplans für die gesamte Stadt, bei dem auch der Bauhof, das Bauamt und die Untere Naturschutzbehörde mitarbeiten.

Später gemäht - oder neu ausgesät

Es geht darum, die Pflege einiger städtischen Grünflächen so zu gestalten, dass heimische Insekten eine Überlebenschance bekommen. Gleichzeitig werden im Projekt auch die verwendeten Mähgeräte festgelegt und der zur Pflege nötige Aufwand erfasst. In einem ersten Schritt wurden und werden Pilotflächen ausgewählt. Für diese wird nun die Pflege optimiert und hiernach mit Pflegeplänen genau überwacht.

Diejenigen Flächen, auf denen derzeit noch heimische Blütenpflanzen vorhanden sind, werden 2021 erst nach dem 16. Juni gemäht. Sie haben dadurch Zeit zum Blühen und Samen bilden. Grünflächen, auf denen fast nur noch Gras wächst, werden schon jetzt umgebrochen. Dort wird zertifiziertes, regionales Saatgut ausgebracht, das im Rahmen des Projektes vom Informationszentrum beschafft wurde. Die ausgebrachten Mischungen enthalten Saatgut von etwa 40 heimischen Blütenpflanzen, die so auch Nektar und Pollen für unsere heimischen Insekten liefern können.


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An der Pflege beteiligen sich je nach Ortsteil Gartenbauvereine, aber auch engagierte Einzelpersonen und Gruppen. Sie helfen dabei, die Flächen vorzubereiten und einzusäen. Viele von ihnen übernehmen danach auch die spätere insektenfreundliche Pflege der Wiesen. Mitarbeiter des Naturpark Informationszentrums leiten dazu gerne an. Informationen zur Umstellung und Pflege insektenfreundlicher Wiesen können Interessierte auch per Mail unter infozentrum@treuchtlingen.de einholen und so einen Teil beitragen.

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