Casting für das große Theaterprojekt im Bergwald

Startschuss für das Glückskeks-Ensemble in Weißenburg

Jan Stephan
Jan Stephan

Weißenburger Tagblatt

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22.11.2021, 14:00 Uhr
Die ersten Casting-Termine gingen am Wochenende über die Bühne. Das Team des Glückskeks stellte dabei das Projekt vor und wie man sich daran beteiligen kann. Nämlich nicht nur als Schauspieler.

Die ersten Casting-Termine gingen am Wochenende über die Bühne. Das Team des Glückskeks stellte dabei das Projekt vor und wie man sich daran beteiligen kann. Nämlich nicht nur als Schauspieler. © Jan Stephan, NN

Es wirkt enttäuschend. Wenige Minuten vor Beginn verlieren sich eine Handvoll Menschen im Söller des Gotischen Rathauses. Dabei findet doch heute so etwas wie der Startschuss für das neue Weißenburger Großtheaterprojekt im Bergwaldtheater statt ...

Wo sind die Bürger, die sich auch diesmal wieder selbst auf die Bühne bringen sollen? Man muss sich Sorgen machen, dass dieser Auftakt für den Glückskeks ein mindestens holpriger, wenn nicht gar ein misslungener wird und wird sich damit täuschen.

"Theatrale Familienbildung"

Weil die Reihen auf den letzten Drücker noch voller werden. Und weil man im Verlauf der nächsten zwei Stunden mit Staunen einem Prozess zusehen darf, der das Weißenburger Theaterprojekt schon das letzte Mal ausgezeichnet hat: eine Art theatraler Familienbildung.

Bis es emotional wird, dauert es aber noch. Dieser Abend im Söller beginnt mit einem relativ drögen, mitunter konfusen Infoteil. „Also, wie das jetzt so ganz genau ablaufen soll, weiß ich eigentlich immer noch nicht“, meldet sich nach einer guten halben Stunde eine fragende Frau irritiert zu Wort. Sie hatte sich wohl konkrete Zeitpläne, Probentermine, zu vergebende Rollen etc. erwartet.

Die alten Hasen kichern

Die alten Hasen des Lebkuchenmann-Ensembles kichern - sie wissen, dass kreatives Chaos wesentlicher Teil dieses nach wie vor unerhört ambitionierten Theaterprojekts ist. Regisseur Georg Schmiedleitner wirkt aber ehrlich überrascht. „Ach so“, sagt er zu der fragenden Frau, und blickt nachdenklich zu Boden, wo er schließlich eine Erklärung gefunden zu haben scheint und stellt grinsend fest: „Das liegt daran, dass wir es selber noch nicht so genau wissen.“ Dieses Bekenntnis ist etwa zu einem Drittel Scherz, zu einem Drittel Wahrheit und zu einem Drittel ebenso charmant wie schamlos gelogen.

Denn eines wird bei dem Casting-Auftakt klar. In einem Punkt können die Darsteller sehr wohl wissen, was sie erwartet. Das Gleiche wie beim Lebkuchenmann. Ein Projekt, das sie für knapp zwei Monate mit Haut und Haaren verschlingt, und sie danach fürs Leben verändert wieder ausspuckt.

„Die werden eure Familie“

„Ab Juni brauche ich euch“, stellt Rebekka Gruber fest. „Abends und an den Wochenenden, also nehmt euch am besten nichts anderes vor.“ Rebekka Gruber war beim Lebkuchenmann Regieassistenz und ist nun zur Co-Regisseurin aufgestiegen. Sie ahnt jetzt, dass ihre Terminansage ein wenig scharf klang. „Also wir brauchen euch natürlich nicht jeden Abend ...“, rudert sie ein wenig zurück. „Und wenn ihr einen wichtigen Termin in der heißen Phase habt, und zu einer großen Probe nicht könnt, dann werden wir das auch hinbekommen.“

Die Hochzeit verschoben

Das ist der Moment, in dem sich Alex Seubert einschaltet, die gemeinsam mit Michael Gabler für die Musik verantwortlich ist. „Also ich hab für das Projekt meine Hochzeit verschoben“, bemerkt sie trocken und hat die Lacher auf ihrer Seite. Damit beginnt der Teil des Abends, bei dem es nicht um das geht, was man in dieses Projekt investieren muss, sondern um das, was man von ihm bekommt.

Regisseur Georg Schmiedleitner war bald wieder auf Betriebstemperatur und sorgte in einem kleinen Theater-Workshop für die ersten Gänsehautmomente. 

Regisseur Georg Schmiedleitner war bald wieder auf Betriebstemperatur und sorgte in einem kleinen Theater-Workshop für die ersten Gänsehautmomente.  © Jan Stephan, NN

„Man macht dann verrückte Sachen, wenn man in dem Projekt steckt“, sagt Alex Seubert mit Blick auf ihre verschobene Hochzeit. „Man ist dann da ganz viele Abende beschäftigt, aber das ist nicht schlimm, weil die Leute da, die werden zu deiner Familie, das ist, wie wenn du dich jeden Abend mit Freunden triffst.“ Der Lebkuchenmann sei für sie gewesen, wie mit einer Band auf Tour zu gehen. Eine ungeheuer intensive Zeit „und wenn alles rum ist, fällst du in ein Loch und fragst dich, wo jetzt noch der Sinn des Leben ist“, erzählt sie lachend.

Freundschaften sind entstanden

Durch den Lebkuchenmann habe sie so viele Menschen kennengelernt, die sie auch noch drei Jahre später in der Stadt grüßen und mit ihr plaudern. Im Zuschauerraum wird jetzt viel genickt, drei Frauen aus dem Sprechchor drücken sich spontan. Der Lebkuchenmann hat Freundschaften entstehen lassen, die das Projekt überlebt haben, und nun ins nächste Kapitel dieser Geschichte hineinwachsen.

Athmosphärisch ist man jetzt bei einer Art Klassentreffen angelangt. Es werden Anekdoten erzählt. Wie man bis halb zwei Uhr morgens die verschlammten Requisiten für den nächsten Tag geputzt hat, wie man das Bier der Ratsherren aus Kamillentee gebraut hat, wie aus einem Bühnenhelfer ein heimlicher Star der Produktion wurde ...

In dieser nostalgisch warmen Stimmung ruft Schmiedleiter zu einem kleinen Theaterworkshop zusammen und es zeigt sich im Kleinen, wie das wieder alles werden wird mit diesen verrückten Theaterleuten.

Ein Menschenfänger

Schmiedleitner lässt die Menschen sich vorstellen, die Statements nachsprechen. Im Chor, allein, übertrieben, mit Pausen, in Bewegung ... Er wirbelt durch den Saal, feuert hier an, lobt dort drüben, lacht hier. Die Menschen folgen ihm, machen nach wenigen Minuten Dinge, die außerhalb dieser speziellen Stimmung in diesem geschützten Raum als vollkommen wahnsinnig wahrgenommen würden. Und sie haben Freude daran. Schmiedleitner ist ein Menschenfänger, eine Art Jürgen Klopp des Theaterbetriebs, dessen Begeisterung für dieses Projekt so überbordend ist, dass man sich am einfachsten einfach ergibt.

Jetzt spricht die fragende Frau vom Anfang einen längeren Text. Schmiedleiter horcht auf, lässt sie wiederholen, langsamer, mit mehr Pausen, wieder und wieder. Immer begeisterter ist er jetzt und sein Ensemble mit ihm. Am Ende lobt er die Frau und es brandet Applaus auf. Man hat den Eindruck, dass da gerade jemand neu in die Familie aufgenommen wurde. Das Spiel hat wieder begonnen und es wird offenbar nicht minder wahnsinniger als beim letzten Mal. Schöne Aussichten eigentlich.