Treuchtlingen: Von der Eisenbahn- zur Altmühlstadt

20.9.2019, 06:04 Uhr
Fahrgäste verlassen den Treuchtlinger Bahnhof, vermutlich in den 1970er Jahren. Zu dieser Zeit war die Bahn noch der mit Abstand größte Arbeitgeber der Stadt. Mehr als 120 Reisezüge hielten damals täglich, Dutzende Tonnen Fracht wurden verladen.

Fahrgäste verlassen den Treuchtlinger Bahnhof, vermutlich in den 1970er Jahren. Zu dieser Zeit war die Bahn noch der mit Abstand größte Arbeitgeber der Stadt. Mehr als 120 Reisezüge hielten damals täglich, Dutzende Tonnen Fracht wurden verladen. © TK-Archiv

Vier Jahre dauerte es allein, bis die Kriegsschäden beseitigt waren. Davon hing in der Stadt viel ab, waren die mittlerweile rund 850 Arbeitsplätze bei der Bahn doch Existenzgrundlage für fast die Hälfte der Bevölkerung. Die Bahner hatten oberhalb der Gleise an der Ansbacher Straße eigene Wohnblocks und Gärten, eigene Sozialeinrichtungen und Gaststätten. Manche Betriebe wie die Schotterwerke oder die BayWa hatten im Bahnhof große Verladehallen. Zeitweise waren bis zu 30 Elektroloks und anfangs eine doppelt so hohe, aber sinkende Zahl an Dampfloks in Treuchtlingen stationiert.

Der erste große Einschnitt kam in den 1960er Jahren. Schon 1957 hatte die Bahn die einzige Außenstelle des Treuchtlinger Bahnbetriebswerks in Rennertshofen aufgelöst. Als dann nach der ersten, noch vor dem Krieg abgeschlossenen Elektrifizierung der Strecke Nürnberg-Donauwörth 1962 auch die Trasse nach Ingolstadt und 1965 nach Würzburg auf Elektrobetrieb umgestellt wurden, hatte das 1869 gegründete und 1906 erweiterte Betriebswerk zum Warten, Reparieren und Umspannen der Dampflokomotiven ausgedient.

Vier Jahre später, und damit genau 100 Jahre nach dem ersten Gleisanschluss, wurden die beiden Ringlokschuppen mit ihren Drehscheiben und insgesamt 38 Unterständen abgebrochen, die Schornsteine gesprengt. Dutzende Werkstätten, Verladerampen und Putzgräben, das Pumpwerk und auch das ausschließlich für das Betriebswerk zuständige Stellwerk V mussten ebenfalls dran glauben.

Nur die große Wagenhalle mit ihrem turmartigen Oberlicht und das dreigeschossige Gebäude der Lokleitung mit Wasserhaus und Nebengebäude blieben erhalten. Heute beherbergen sie kleinere Betriebe und Lagerhallen. Die Ziegelsteinbauten aus dem Jahr 1906 stehen unter Denkmalschutz – kaufen und zu neuem Leben erwecken mag sie aber wegen der vermutlich immensen Altlasten im Boden niemand.

Ferngesteuerte Bahnhöfe

1977 wurde der Bahnhof dann auch nicht mehr als Rangierknoten gebraucht. Ein Jahr später stellten die vier verblieben mechanischen Stellwerke den Betrieb ein und wurden durch ein neues "Spurplandrucktastenstellwerk" ersetzt, das sich in einem dreigeschossigen Bau nördlich des Bahnhofsgebäudes befindet. Von dort wurden bis zu dessen Stilllegung auch der Bahnhof in Möhren sowie bis heute der Bahnhof Otting-Weilheim ferngesteuert. Drei der alten Anlagen wurden abgerissen, nur das Stellwerk III blieb erhalten und noch einige Zeit vom Modell-Eisenbahn-Club 01 220 genutzt.

Ab dieser Zeit war zudem einer Bahnhofsvorsteher, den noch heute fast jeder Treuchtlinger kennt: Günter Grzega, später Vorstandsvorsitzender der aus den Eisenbahn-Spar- und Darlehenskassen hervorgegangenen Sparda-Bank München, ist heute unter anderem als Botschafter der Gemeinwohl-Ökonomie und des ESV-Tennisclubs unterwegs.

Von 2004 bis 2006 modernisierte die Deutsche Bahn den Treuchtlinger Bahnhof. Die vier überdachten, zwischen 141 und 372 Meter langen Bahnsteige wurden barrierefrei, das Empfangsgebäude saniert. Kurz darauf verlor die Stadt durch die Fertigstellung der Schnellfahrstrecke die meisten Fernverbindungen zwischen Nürnberg, Ingolstadt und München. Im Juni 2017 beantragte die Bahn schließlich den Rückbau etlicher alter Weichen und Gleise im Bahnhof, die in Zeiten von Kosteneffizienz und Autoboom nicht mehr gebraucht zu werden scheinen.

Eineinhalb Jahrhunderte nachdem die erste Dampflok durch das bis dato unbedeutende Dorf am südlichsten Zipfel Frankens schnaufte, ist so aus der einstigen "Eisenbahnerstadt" die heute geläufigere "Altmühlstadt" geworden. Und so klingt beim Jubiläumsfest am Sonntag, 29. September, neben einigem Stolz und Nostalgie auch Wehmut mit, wenn Treuchtlingen "150 Jahre Eisenbahn" feiert.

Auf Zeitreise in Dampfzug, Museum und auf Gleis 1

Das Jubiläum „150 Jahre Eisenbahn in Treuchtlingen“ feiert die Stadt am Sonntag, 29. September. Los geht es um 11 Uhr mit einer Zugtaufe samt Reden an Gleis 1 des Bahnhofs. Um 12 Uhr startet dort dann das Fest mit Musik, Aufführungen und Kinderprogramm.

Während des gesamten Nachmittags gibt es Fahrten mit dem „Dorfexpress“ zum Eisenbahn-Miniaturland und zum Volkskundemuseum, wo die Sonderausstellung „Geschichten aus der Dampflokzeit“ geöffnet hat. Im Halbstundentakt starten außerdem Führungen durchs Stellwerk, und auch der „Parkexpress“ dreht gegenüber der Denkmalslok seine Runden.

Drei „Nostalgiefahrten“ bietet die Bahn um 12, 14 und 16 Uhr an: Mit der historischen Dampflok 01 180 des Nördlinger Eisenbahnmuseums geht es durchs malerische Altmühltal nach Eichstätt und zurück. Karten dafür gibt es im Vorverkauf für 15 bis 25 Euro bei den örtlichen Touristinformationen, in den Geschäftsstellen von Treuchtlinger Kurier, Weißenburger Tagblatt und Altmühl-Bote sowie unter www.reservix.de.

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