Wasserstoff in Treuchtlingen: Kommt 2022 die erste Tankstelle?

2.3.2021, 06:01 Uhr
Die Aufnahme zeigt eine Anlage, wie sie von GP Joule in Nordfriesland gebaut worden ist. Samt Elektolyseur und Wasserspeicher (zwei davon sind links im Bild zu sehen) wird sie in Treuchtlingen zunächst nur halb so groß sein – sie ist aber beliebig ausbaubar.

Die Aufnahme zeigt eine Anlage, wie sie von GP Joule in Nordfriesland gebaut worden ist. Samt Elektolyseur und Wasserspeicher (zwei davon sind links im Bild zu sehen) wird sie in Treuchtlingen zunächst nur halb so groß sein – sie ist aber beliebig ausbaubar. © Foto: GP Joule

In die Zukunftstechnologie Wasserstoff einzusteigen, ist für die Altmühlstadt eine Mammutaufgabe. Ohne externes Wissen und planerische Unterstützung von außen ist sie kaum zu stemmen. Deshalb stellte sich in der vergangenen Stadtratssitzung ein externer Partner vor, der die Verwaltung in den kommenden Jahren in eben dieser Hinsicht unterstützen wird.


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Insgesamt hat das Unternehmen GP Joule in den vergangenen zwölf Jahren über 120 Projekte mit Sonnenenergie und rund ein Dutzend mit Windkraft umgesetzt und wird nun auch Treuchtlingen beim Aufbau einer "Sektorenkopplung" unter die Arme greifen (siehe Infos am Ende des Artikels).

Was sind die nächsten Schritte?

Der konkrete Zeitplan sieht dabei vor, dass noch in der ersten Jahreshälfte 2021 eine Gesellschaft gegründet und von Seiten der Firma und der Stadt je 12 500 Euro in den Projektstart investiert werden. Dann werden sowohl auf Bundes- als auch auf bayerischer und auf europäischer Ebene Fördermittel beantragt.

Bei einer Förderzusage beginnt ab Mitte 2021 die Konzeptphase, in der eine Machbarkeitsstudie durchgeführt wird. Treuchtlingen wird hier 10 000 bis 30 000 Euro einbringen müssen, den selben Anteil bringt GP Joule auf. Der Betrag hängt von der Förderung der Machbarkeitsstudie ab, die grundsätzlich zu 70 bis 90 Prozent bezuschusst werden kann.

Was ist konkret geplant?

In einem Jahr könnte dann bereits die konkrete Umsetzung des Projekts beginnen und eine erste Wasserstofftankstelle schon Ende 2022, spätestens Mitte 2023 an den Start gehen. In der Phase des Aufbaus steuert die Stadt Eigenmittel in Höhe von zehn bis 20 Prozent der Kosten bei – in der Summe werden das zwischen einer und drei Millionen Euro sein. Zu diesem Zeitpunkt dürfen sich dann aber auch die Bürger mit Eigenkapital beteiligen.


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Für den Anfang soll es eine Sektorenkopplung im kleinsten Rahmen geben, die bei wachsender Nachfrage nach Wasserstoff beliebig erweitert werden kann. In Phase eins reicht demnach eine Photovoltaik-Fläche von zehn Hektar, also in etwa so groß wie 14 Fußballfelder. Für die sechs bis acht Gigawatt Strom, die dort entstehen, genügt dann zunächst ein einzelner Elektrolyseur, der den Strom in Wasserstoff umwandelt. Der Speicher für diesen wäre in etwa so groß wie der Anhänger eines Lastwagens und könnte auch auf diese Weise zur ersten Wasserstofftankstelle transportiert werden.

Wo wird Wasserstoff genutzt?

In der Anfangsphase wird der Wasserstoff wohl vor allem in der Logistik (im Schwerlastverkehr) und im ÖPNV genutzt. Die Fahrzeuge können dann mit Hilfe der Brennstoffzellentechnik mit Wasserstoff betankt werden und fahren emissionsfrei. Im nordfriesischen Husum hat GP Joule ein solches Projekt im Juli 2020 umgesetzt: Dort wird die überschüssige Energie aus Windkraftanlagen in Wasserstoff gespeichert, der wiederum zwei Wasserstoffbusse permanent antreibt, die zwischen Husum und der Nachbargemeinde Niebüll verkehren.

Denkbar ist neben dieser Antriebstechnik auch in Treuchtlingen eine Nutzung in der Industrie, denn dort wird Wasserstoff in sehr vielen Produktionsprozessen verwendet. Grundsätzlich möglich ist freilich auch, dass Privatautos mit Wasserstoff betankt werden, sofern es in der Zukunft diesen Bedarf gibt. Zudem ist es technisch möglich, Wasserstoff in das Erdgasnetz mit einzuspeisen und dort mit einem Anteil von bis zu zehn Prozent beizumischen. Wie ein Sprecher von GP Joule auf Anfrage des Treuchtlinger Kuriers mitteilte, ist dieser Bereich aber bislang noch nicht wirtschaftlich rentabel.

Keine Lösung für das Umspannwerk

In der Sitzung des Stadtrats waren sich die Mitglieder über die Förderung der neuen Technologie einig und diskutierten eher in fachlicher Hinsicht. So ging es etwa darum, ob sich der Standort Treuchtlingen für Sonnenenergie grundsätzlich eignet (was laut GP Joule der Fall ist).

Bürgermeisterin Kristina Becker hatte indes direkt zu Beginn der Sitzung klargestellt, dass sich der Fortschritt im Bereich Wasserstoff nicht als Problemlösung für das benötigte Umspannwerk herausstellen werde. Die Speichertechnik helfe zwar, die Netzlasten durch den Ausbau von PV-Anlagen besser zu steuern, sie sei aber eher als zusätzlicher Baustein auf dem Weg in eine "grüne Zukunft" zu begreifen.

Zum Thema:

Wer ist GP Joule?

Die Firma GP Joule hilft seit ihrer Gründung im Jahr 2009 bei der Entwicklung von Ideen und der Umsetzung von Projekten mit erneuerbarer Energie. Zudem betreut das Unternehmen fertige Anlagen auch nach ihrer Inbetriebnahme weiter. Der Schwerpunkt verlagerte sich im Laufe der Jahre von der Erzeugung der Energie zur Förderung der Infrastruktur für dieselben.

Im Grunde genommen beschäftigt sich GP Joule mit der Frage: "Wie bringe ich grüne Energie da hin, wo sie gebraucht wird?" Für Treuchtlingen besteht die technische Lösung, um überschüssige Sonnenenergie an Ort und Stelle zu nutzen, in ihrer Speicherung mit Hilfe der Umwandlung in Wasserstoff. Dieser wird wiederum für den Antrieb von Verkehrsmitteln mittels Brennstoffzellentechnik genutzt.

Weltweit hat die Firma GP Joule rund 290 Mitarbeiter. Unternehmensstandorte sind unter anderem Nordfriesland und Berlin, aber auch Bayern, die Projekte werden europaweit umgesetzt. Der nächstgelegene Standort ist Buttenwiesen im schwäbischen Landkreis Dillingen an der Donau, rund 50 Kilometer von Treuchtlingen entfernt. Auch in den USA und in Kanada gibt es zahlreiche Projekte und mehrere Standorte von GP Joule.

In den nächsten zwei Jahren wird das Unternehmen die Stadt Treuchtlingen beim Ausbau von Photovoltaikanlagen und dem Aufbau einer Wasserstoff-Sektorenkopplung sowohl finanziell als auch technisch unterstützen. Als Sektorenkopplung bezeichnet man die Verschränkung von Strom, Wärme, Mobilität und Industrieabläufen zum Zweck der Senkung von Kohlendioxid-Emissionen. Im Endeffekt geht es also um eine effizientere Ausschöpfung der unterschiedlichen Energiequellen – im konkreten Fall Sonnenstrom und Wasserstoff, die in einer Art Kreislauf miteinander verknüpft werden. Ziel ist dabei die Abkehr von fossilen Brennstoffen wie Erdgas, Kohle und Erdöl.

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