Freitag, 21.02.2020

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Weißenburg ist Kläranlagen-Vorreiter in Bayern

13.10.2017 15:33 Uhr

Symbolische Inbetriebnahme: Wasserwirtschaftsamts-Leiter Thomas Keller, Ministerialrat Erich Englmann, Oberbürgermeister Jürgen Schröppel und Diplom-Ingenieurin Regine Schatz durchschnitten vor dem Gebäude mit der vierten Reinigungsstufe ein Band. © Rainer Heubeck


Bislang werden bayernweit in den dreistufigen Kläranlagen rund 95 Prozent der organischen Stoffe aus dem Abwasser gefiltert. Die restlichen fünf Prozent waren entweder zu klein oder konnten in den biologischen Prozessen nicht abgebaut werden. Arzneimittelreste, Hormone wie etwa aus der Antibabypille oder der tierischen Erzeugung sowie Rückstände von Pflanzenschutzmitteln, gingen so fast völlig in die Bäche und Flüsse.

Die Folge: eine „Verweiblichung der Fische“, wie Englmann auf diverse Untersuchungen aus den vergangenen Jahre verwies. „Die Wirkung dieser Stoffe auf die Lebewesen im Wasser und die Natur ist noch immer nicht genau erforscht.“ Deshalb sollten die Rück­stände erst gar nicht in die Bäche und Flüsse gelangen.

In Weißenburg wird nun in einer vierten Reinigungsstufe das Abwasser mit Ozon belüftet. Dieser aus reinem Sauerstoff und mit hohem Energieaufwand erzeugte Stoff ist ein starkes Oxidationsmittel und spaltet einen großen Teil der Arzneimittel und Hormone auf. Die so entstehenden Spaltprodukte und vorhandenes Mikroplas­tik werden dann in zwei großen Filterstraßen mittels Aktivkohle und Sand aus dem Abwasser entfernt. Bislang ist das auch in Deutschland eine einmalige Kombination zweier Techniken, wie bei der Einweihung deutlich wurde.

Weißenburgs Oberbürgermeister Jürgen Schröppel freute sich vor zahlreichen Gästen nicht nur über den Zuschuss von 2,3 Millionen Euro für das laut Umweltministerium rund drei Millionen Euro teure Pilotprojekt, sondern auch über die Vorreiterrolle der Stadt. „Der Stadtrat hat aus umweltpolitischer Sicht großen Weitblick bewiesen“, lobte Schröppel. Das Pilotprojekt war 2015 einstimmig beschlossen worden. Die Vorreiterrolle habe die Stadt gerne übernommen. „Wenn das Pilotprojekt erfolgreich ist, wird die vierte Reinigungsstufe ir­gendwann in Bayern verpflichtend“, schätzt Schröppel. Aktuell sei Weißenburg bei der Abwasserreinigung „an der Spitze im Freistaat“.

Im Innern erläuterte Kläranlagen-Chef Friedel Ihmig den Stadträten die technischen Einrichtungen für die Ozonierung und Filterung. © Rainer Heubeck


Geplant wurde die Anlage vom  Fachbüro Dr. Resch & Partner zusammen mit weiteren spezialisierten In­genieurbüros in ganz Südeutschland. Das Weißenburger Ingenieurbüro war im Rahmen einer bundesweiten Ausschreibung ausgewählt worden.  Resch-Geschäftsführerin Regine Schatz sah in der nun realisierten vierten Reinigungsstufe einen „wesentli­chen Beitrag zur Verbesserung der Wasserqualität“. Ziel ist es, 80 Prozent der biogenen Stoffe zu eliminieren.

Zwölf Monate Testphase

In den nächsten zwölf Monaten wird getestet, ob dies mit einer Großanlage wie in Weißenburg zu erreichen ist. „Wir erwarten uns daraus wichtige Indizien, wie und ob das möglich ist. Zudem wollen wir auch technische Erfahrung sammeln“, sagte Englmann, bevor er zusammen mit Wasserwirtschaftsamts-Leiter Thomas Müller, Oberbürgermeister Schröppel und Diplom-Ingenieurin Schatz ein symbolisches Band durchschnitt. Die begleitenden Messungen und die wissenschaftliche Auswertung des Pilotversuchs finanziert das Bayerische Umweltministerium.

Die 18 000 Einwohner zählende Stadt Weißenburg war als Standort für die Pilotanlage aus sechs Kommunen im Freistaat ausgewählt worden, da die Schwäbische Rezat, in die das gereinigte Weißenburger Abwasser geleitet wird, relativ wenig Wasser führt und deshalb die Belastungen mit den biogenen Stoffen im Verhältnis sehr hoch sind. Zudem befinden sich im Weißenburger Abwasser auch jene der Kreisklinik mit entsprechenden Arzneimittelrückständen, sodass die Pilotanlage hier Sinn macht, wie Englmann im Gespräch verdeutlichte. Allerdings können in der neuen Anlage die bei Untersuchungen verwendeten Kontrastmittel nicht ausgefiltert werden.

Mit dem Bau der vierten Reinigungsstufe hat die Stadt Weißenburg ihre Kläranlage auch energietechnisch optimiert und ein neues Blockheizkraftwerk gebaut. Der Energieverbrauch ist trotz der neuen vierten Reinigungsstufe deutlich geringer als vorher. „Da haben sie Nägel mit Köpfen gemacht“, sagte Ministerialrat Englmann in Richtung von Oberbürgermeister Schröppel und der zahlreich anwesenden Stadträte.

Rainer Heubeck

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