Weißenburger Kunstpreis geht nach Thaining

19.6.2018, 06:00 Uhr

© Robert Maurer

Rund 250 Bewerbungen aus ganz Deutschland gingen ein, erinnerte Kulturamtsleiterin Andrea Persch. 25 wählte eine Jury aus. Deren Werke waren nun eine gute Woche in der Kunstschranne zu sehen. Es habe sich gezeigt, dass das zu kurz ist, bekannte Oberbürgermeister Jürgen Schröppel in seiner Begrüßung. Er versprach, dass die Ausstellungszeit beim nächs­ten Mal (also 2020) auf zwei Wochen verlängert wird. Schröppel und Persch bedankten sich beim ehrenamtlichen Orgateam um Roland Ottinger für die Arbeit im Hintergrund. „Ohne sie wäre das nicht zu machen“, sagte Persch. Nicht nur, dass sich die Künstler bei der Auswahl der Werke eingebracht haben, sie bauten auch die Stellwände auf und sorgten für eine Aufsicht während der Öffnungszeiten.

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Der Publikumspreis bleibt sogar in Altmühlfranken. Ute Kreuzer hat das Gedicht „Invictus“ von William Ernest Henley grafisch umgesetzt. Er beschreibt darin den Kampf gegen Knochentuberkulose. Nelson Mandela hat aus dem Gedicht während seiner Jahre in Haft viel Kraft aus den Zeilen gezogen. Ute Kreuzer hat es zum einen kalligrafisch in Szene gesetzt, es aber auch mit bildlichen Elementen ergänzt und so ihre eigene Krankheitsgeschichte künstlerisch aufgearbeitet. Die gebürtige Coburgerin wohnt erst seit wenigen Monaten in Treuchtlingen. Der Publikumspreis ist mit 100 Euro dotiert.

Dr. Harald Tesan stellte in seiner Laudatio die Bedeutung des Weißenburger Kunstpreises in der Region und seine „bundesweite Ausstrahlung“  heraus. Aber er konstatierte auch schlicht: „Viele Kunstpreise gibt es nicht in Mittelfranken.“ Voll des Lobs war er insgesamt über die Qualität der gezeigten Arbeiten, die sich auf irgendeine Art alle mit der Befreiung von Zwängen des Alltags befassen. Oft seien es nur wenige Punkte gewesen, die die eine Arbeit aufs Siegertreppchen beförderten und eine andere auf einen der nicht mehr prämierten Plätze.

© Robert Maurer

Gerade in Zeiten des erstarkenden Populismus sei es wichtig, dass sich Künstler dem Mainstream verweigern und sich an ihm reiben, befand der Kunsthistoriker aus Nürnberg. Die Ausstellung in der Weißenburger Kunstschranne lebte auch von einer großen Vielfalt an Techniken und einer „breit angelegten Experimentierlust“.

Die zeigt sich auf eine ganz besondere Weise beim 3. Preis, der mit 250 Euro dotiert ist. Helene Tschacher aus Mainburg (hinter Ingolstadt) bearbeitet Bücher auf ihre ganz eigene Weise. Sie schneidet sie auseinander und setzt sie zu Endlosschleifen aneinander, die sie wiederum zu dreidimensionalen Skulpturen arrangiert. So schafft es sogar das Steuerhandbuch, spannende Faszination auszuüben, stellte Tesan fest, der den Arbeitsprozess der Preisträgerin als „schöpferisches Recycling von Printmedien“ beschrieb.

„Würde“

Der zweite Preis (500 Euro) ging an Nadine Elda Rosani aus Heideck. Sie hat die Holzskulptur einer alten Dame geschaffen und sie „Würde“ genannt. Tesan zog in seiner Laudatio Parallelen zum Jugendwahn unserer Gesellschaft, in der „Botoxlippen und Silikonbrüste“ allgegenwärtig sind. Mit der Darstellung der nackten, alten Frau habe die Künstlerin „jenseits von Schönheitsidealen“ gearbeitet und so „ein verdrängtes Kapitel“ aufgegriffen.

Der erste Preis ist ein besonders „schweres“ Werk. Joachim Maria Hoppe und Karl-Hartmut Lerch (er konnte bei der Preisverleihung nicht anwesend sein) aus Thaining bei Landsberg am Lech haben nämlich aus einem wuchtigen Marmorblock mehrere ineinander verdrehte Körper herausgearbeitet. Die Haltung dieser Körper mit angezogenen Beinen zieht sich durch das ganze Leben, erläuterte Hoppe im Gespräch mit dem Weißenburger Tagblatt: Von der Embryonalstellung im Mutterleib über das arbeitsreiche Hocken bis zum demutsvollen Knien. Und auch das Thema Sexualität taucht immer wieder auf. Bei genauerer Betrachtung entdeckt man Dinge wie einen Kopf, der sich als Spermium entpuppt, einen versteckten Penis oder auch eine angedeutete Vagina. Die Detailfülle ist unglaublich. Das Ganze präsentiert sich als „goldenes Dreieck des Seins“. Eine durchdringende Stange ermöglicht die Rotation des Kunstwerks. „Ecce homo“ haben die beiden Künstler das Werk genannt. Der lateinische Begriff („Siehe, der Mensch“) kommt aus der christlichen Kunst und bezieht sich auf Darstellungen von Jesus vor der Kreuzigung.

Laudator Tesans Interpretation lief ein wenig in eine andere Richtung. Er sah in den verschiedenen Körpern ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, in der das Individuum austauschbar ist und leicht zwischen alle Räder gerät. Ganz so wie einst Charly Chaplin in „Modern Times“ in dem Zahnradgefüge. Für den 1. Preis gibt es für die beiden Künstler 1000 Euro.

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