Corona-Skeptiker: Die arrangierte Mehrheit im Netz

17.8.2020, 05:00 Uhr
Gesteuerte Kampagne: Über 600 Facebook-Nutzer zeigten sich solidarisch mit dem Weißenburger Polizisten, der bei einer Kundgebung die Corona-Maßnahmen kritisierte. Doch Recherchen zeigen, dass es sich um eine gezielte Aktion handelte, um die Meinungen ins Ungleichgewicht zu bringen.

Gesteuerte Kampagne: Über 600 Facebook-Nutzer zeigten sich solidarisch mit dem Weißenburger Polizisten, der bei einer Kundgebung die Corona-Maßnahmen kritisierte. Doch Recherchen zeigen, dass es sich um eine gezielte Aktion handelte, um die Meinungen ins Ungleichgewicht zu bringen. © Foto: Miriam Zöllich

Immer wenn jemand einen Kommentar auf der Facebook-Seite des Weißenburger Tagblatts postet, hören die Redakteure als Seiten-Administratoren an ihren Computern ein "ping". Als wir am Dienstagnachmittag gegen 17 Uhr den Artikel über den Weißenburger Polizisten Bernd Bayerlein online stellten, der sich auf einer Kundgebung in Augsburg kritisch zu den Corona-Maßnahmen geäußert hatte (siehe auch unten stehenden Text), pingte es zunächst nur sehr verhalten. Ein erster Kommentar trudelte gegen 18 Uhr ein, ein zweiter folgte um viertel vor sieben, und in den folgenden zwei Stunden gab es eine Handvoll weiterer Reaktionen.

Doch plötzlich pingt es im Sekundentakt. Ping, ping, ping. Ab etwa halb zehn wird die Kommentarspalte unter dem Artikel über Bernd Bayerlein mit Solidaritätsbekundungen geflutet. Bis dato (Stand Freitagmittag) haben rund 670 Facebook-Nutzer den Beitrag kommentiert – ein ungewöhnliches Besucheraufkommen. Zwar wird auf der Seite des Weißenburger Tagblatts häufig meinungsfreudig diskutiert, doch die Anzahl der Kommentare bewegt sich meistens im zweistelligen Bereich – auch bei kontroversen Themen wie etwa dem Muna-Gelände in Langlau.

Viele Solidaritätsbekundungen für Polizeibeamten

Die erdrückende Mehrheit der Kommentare sind Solidaritätsbekungungen mit dem Polizisten, verbunden mit Wut und Ungläubigkeit in Bezug auf die Konsequenzen, die der Beamte nun möglicherweise dienstrechtlich zu befürchten hat. "Danke, danke, danke! Der erste der wirklich Eier in der Hose hat . . . Echt traurig, dass seine Kollegen so vor dem System kuschen . . .", schreibt etwa eine Nutzerin. "Die Menschheit hatte immer ihre Helden und Märtyrer . . . vielleicht wird man sich in 5 Jahren immer noch an ihren Namen erinnern und Sie plötzlich hochleben lassen!", schreibt ein anderer User in seiner Lobrede.

Nur zwei Beispiele von vielen Kommentaren, die sich im Grunde recht ähnlich sind. Es sind Begriffe wie Zivilcourage, Gewissen, Mut, Kampf, Stolz, Meinungsfreiheit und Grundrechte, die immer wieder fallen. Immer wieder wird Bayerlein als "Held" bezeichnet, seine Rede sogar als "historisch" eingestuft.

"DDR 2.0" und Schlimmeres

Was man mitunter auch liest, sind heftige Parolen. "Raus aus der Dikatur!", fordert eine Nutzerin. Man lebe in einer "DDR 2.0", konstatiert eine andere. Politik und Medien müssen sich den Vorwurf der Lüge und Manipulation gefallen lassen. Und auch so etwas muss man lesen: "Hätten wir 1933 mehr mutige Menschen gehabt, wäre das Schlimmste vielleicht verhindert worden."

Die wenigen Facebook-Nutzer, die konträrer Meinung sind, werden regelrecht zerpflückt und gehen im Kommentarhagel der anderen 650 User unter. "Ich weiß nicht, ich habe irgendwie das Gefühl, dass Sie mit Ihrer Meinung hier irgendwie, ganz leicht, in der Unterzahl sind, ganz leicht natürlich nur", spöttelt eine Kommentatorin gegen einen anderen Nutzer und versieht die Aussage noch mit einem lässigen Sonnenbrillen-Emoticon. Ja, es scheint, als ob die blanken Zahlen für sich sprechen: Die überwältigende Mehrheit steht auf der Seite des Weißenburger Polizeibeamten, kritisiert die Cornona-Maßnahmen der Regierung, misstraut den Medien und glaubt – zum Teil – an eine große Verschwörung und die Einschränkung der Meinungsfreiheit und Bürgerrechte.

Ganz so einfach ist es aber nicht. Denn bei näherem Hinsehen fällt auf: Viele der Nutzer, die sich in der Kommentarspalte tummeln, kommen nicht wie gewohnt aus dem Verbreitungsgebiet des Weißenburger Tagblatts. Sie kommen aus Köln, Föhr, Mannheim, Mülheim an der Ruhr. Viele von ihnen haben ihr Profilbild mit einem Slogan versehen: #Stay awake – Für Freiheit und Selbstbestimmung." Und auch die Tatsache, dass die Reaktionen wie auf Kommando ab einer bestimmten Uhrzeit auf den Zeitungsartikel einprasselten, macht stutzig.

Eine lautstarke Minderheit beherrscht die Debatte

Es gibt einen Verdacht: Hier wurde systematisch vorgegangen. In einer wissenschaftlichen Untersuchung von Philip Kreißel, Julia Ebner und weiteren Autoren aus dem Jahr 2018 wird erklärt, wie koordinierte Kampagnen im Internet gesteuert werden. Die Autoren werteten mehr als 16 000 Facebook-Kommentare aus und stellten fest, dass eine lautstarke Minderheit in sozialen Netzwerken mit gezielten Aktionen die Kommentarspalten – insbesondere von Nachrichten- und Medienseiten – dominiert. Durch Absprachen in einer sehr aktiven Community werden gezielt Beiträge kommentiert und Likes für die Gleichgesinnten verteilt – auch mit sogenannten E-Sympathisanten, also Accounts, hinter denen keine echten Menschen stecken.

In der Studie geht es zwar insbesondere um sogenannte Hatespeech, also Hasskommentare. Doch das Prinzip der gezielten Meinungskampagnen lässt sich immer dann beobachten, wenn eine Gruppe den öffentlichen Diskurs zugunsten ihrer Interessen bestimmen möchte. Auch der Verein #ichbinhier, der mit Gegenrede die Diskussionskultur positiv beeinflussen und Meinungsvielfalt stärken möchte, bedient sich dieser Kniffe und ruft seine Mitglieder dazu auf, in den Kommentarspalten aktiv zu werden.

Bei unserer Recherche stoßen wir auf eine Facebook-Gruppe mit dem Titel "CORONA-Diskussion Soforthilfe." Sie dient nach eigenen Angaben dazu, "Mitgliedern und Bekannten sofort zur Hilfe zu eilen, wenn diese von Leuten mit anderen Meinungen fertig gemacht werden". Es ist eine geschlossene Gruppe mit rund 1800 Mitgliedern, zu der man den Zutritt erst beantragen muss. Damit die Administratoren einschätzen können, ob man gleichgesinnt ist, muss man zunächst erklären, wie man zum Lockdown und den Verordnungen in Bezug auf das Coronavirus steht. Nach (oder trotz?) ehrlicher Beantwortung wurde die Beitrittsanfrage akzeptiert und wir konnten das Rätsel um die 650 Facebook-Kommentare auflösen.

Stadtratskandidatin initiierte die Meinungskampagne

Um 21.23 Uhr postete dort eine ehemalige Stadtratskandidatin der Weißenburger Linken, den Link zu unserem Artikel mit folgenden Aufruf: "Es wird Unterstützung für den tollen Polizisten meiner Stadt gebraucht, welcher als erster als Polizist seine Meinung auf der Augsburger Demonstration kund tat. Hier braucht es einfach ein paar positive Feedbacks. Ich bitte euch im Namen des tollen Polizisten, der der erste war der Eier in der Hose hatte, recht herzlich um Zuspruch, ich weiß, dass er das liest. Bitte unter diesem link kommentieren. Ich danke euch."

Spott für die angebliche Minderheit

Mehrmals bedankt sie sich später bei den Unterstützern in der Gruppe und schreibt: "Das Weißenburger Tagblatt dürfte schwer verwirrt sein, sieht man was die sonst an Feedback bekommen." Mehrmals weisen Mitglieder der Gruppe darauf hin, wie wichtig es ist, direkt in der Kommentarspalte unserer Zeitung zu kommentieren. "Die haben langsam Angst", freut sich ein Gruppenmitglied über die initiierte Beitragsflut. Es war übrigens auch die Stadtratskandidatin, die als Nutzerin weiter oben in diesem Artikel zitiert wird und ihren Gesprächspartner spöttisch auf die überwältigende Mehrheit hinwies – die aber, wie sich nun herausstellt, eine arrangierte Mehrheit ist. Eine gezielte Steuerung des öffentlichen Diskurses.

"Hunderttausende Bürger stehen direkt hinter Ihnen!", kommentierte einer der mobilisierten Nutzer unter dem Artikel über den Weißenburger Polizisten. "Wir sind die vielen", hat eine andere Userin in ihrem Profilbild stehen. Nach den hier dargelegten Recherchen erscheint das zumindest extrem fragwürdig.

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