"Süße" Lebensretterin: Warum die Polio-Impfung für Corona Mut macht

16.1.2021, 06:04 Uhr
„Kinderlähmung ist grausam, Schluckimpfung ist süß“: Dieser Satz wurde den Deutschen in den 1960er-Jahren zum ständigen Begleiter, der Würfelzucker zum Symbol. Zu Zeiten von Corona ruhen nun erneut die Hoffnungen auf der Wissenschaft.

„Kinderlähmung ist grausam, Schluckimpfung ist süß“: Dieser Satz wurde den Deutschen in den 1960er-Jahren zum ständigen Begleiter, der Würfelzucker zum Symbol. Zu Zeiten von Corona ruhen nun erneut die Hoffnungen auf der Wissenschaft. © NN-Archiv

Alle 70 Sekunden stirbt derzeit ein Mensch in Deutschland an Corona. In vielen Intensivstationen gibt es kaum noch freie Betten, dem Personal in Kliniken und Pflegeheimen geht die Kraft aus. Und bis die gerade anlaufenden Impfungen greifen, ist es wohl noch eine lange Durststrecke. Ein bisschen Hoffnung macht da der Blick zurück in eine Zeit, in der die Wissenschaft ein Gegenmittel gegen das ebenfalls hochgefährliche Poliovirus fand. Damals wie heute beweisen zudem gemeinnützige Organisationen wie Rotary oder Lions Weitblick und unterstützen weltweit die Erforschung und Verbreitung von Impfstoffen. Auch das gibt Zuversicht. Wenigstens ein bisschen.


Corona-Impfung: Welche Risiken und Nebenwirkungen gibt es?


Vor gut 100 Jahren waren die Pocken eine Geißel der Menschheit. Bis heute gibt es kein Heilmittel gegen das Virus, das im 19. Jahrhundert die Pest als tödlichste Krankheit ablöste und allein im 20. Jahrhundert schätzungsweise 400 Millionen Menschen das Leben kostete (zum Vergleich: In beiden Weltkriegen zusammen starben etwa 90 Millionen Menschen). Dank der um das Jahr 1800 entwickelten Impfung gelten die Pocken seit 1975 als ausgerottet.

In den 1950er-Jahren griff dann die Angst vor der Kinderlähmung um sich, drei Jahrzehnte später war Aids das große Thema, und aktuell lähmt Covid-19 die Welt. Seit einem Jahr kreisen die Hoffnungen um einen Impfstoff – und alles deutet darauf hin, dass das Vertrauen in die Wissenschaftler wieder einmal gerechtfertigt ist. So schnell wie nie gelang es den Forschern, einen Schutz gegen das Virus zu entwickeln.

Reicht die Mitmachquote?

Doch in das Aufatmen mischt sich Skepsis. Gefürchtet werden unliebsame Nebenwirkungen eines Impfstoffs, der so schnell entwickelt wurde wie kein anderer zuvor. Umfragen haben ergeben, dass sich nur zwei Drittel der Deutschen gegen das Coronavirus impfen lassen wollen. 16 Prozent sind unentschlossen, 19 Prozent lehnen die Impfung ab. Keine guten Voraussetzungen für die erhoffte Massenimmunität.

Absolut kein Verständnis für Impfverweigerer hat der ehemalige CDU-Generalsekretär und aktuelle Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Peter Tauber. "Das Impfen abzulehnen oder gar zu verteufeln, ist menschenfeindlich", erklärt er und fordert mehr Vertrauen in die Wissenschaft.


Erster Pikser: Gunzenhäuser Impfzentrum hat Arbeit aufgenommen


Tauber vergleicht die Situation bei Corona mit dem Beginn des Kampfes gegen die Kinderlähmung (Polio) Mitte der 1950er-Jahre. Anders als heute habe es damals jedoch eine regelrechte Euphorie in der Bevölkerung über die Entdeckung des Impfstoffs gegeben, blickt der Politiker und studierte Historiker zurück.

Und das zu Recht. Denn der Satz "Kinderlähmung ist grausam, Schluckimpfung ist süß" wurde von den Deutschen jahrzehntelang ohne Wenn und Aber beherzigt und führte am Ende zum Erfolg: 1990 wurden die letzten Fälle von Kinderlähmung in Deutschland registriert.

Impfen als Lernprozess

Zunächst zeigte die im April 1957 gestartete Massenimpfung allerdings nicht die erhoffte Wirkung. So griff Ende der 1950er-Jahre erneut eine Polio-Epidemie um sich. Schon 1953 und 1954 hatte es in Deutschland bei zwei Ausbrüchen fast 10.000 Tote gegeben - vor allem Kinder und Jugendliche. Dauerhaft zurückgedrängt wurde das Virus erst ab 1961 durch die Einführung des sogenannten Lebendimpfstoffs – abgeschwächte Erreger, die mit einem Stück Würfelzucker verabreicht werden.

Mitte Februar 1962 standen die Nürnberger zu Tausenden vor dem Gesundheitsamt Schlange, um sich und vor allem ihre Kinder gegen die Kinderlähmung impfen zu lassen. Anders als derzeit bei Corona war die Impfbereitschaft „stärker, als selbst bei größtem Optimismus erwartet werden konnte“.

Mitte Februar 1962 standen die Nürnberger zu Tausenden vor dem Gesundheitsamt Schlange, um sich und vor allem ihre Kinder gegen die Kinderlähmung impfen zu lassen. Anders als derzeit bei Corona war die Impfbereitschaft „stärker, als selbst bei größtem Optimismus erwartet werden konnte“. © TK-Archiv, Repro: Patrick Shaw

Der Andrang war riesig. So berichteten die Weißenburger Nachrichten, die in den 1960er-Jahren die Nürnberger Nachrichten im Landkreis vertraten, im Februar 1962 von einer mehr als 400 Meter langen Menschenschlange vor dem Nürnberger Gesundheitsamt. Rund 12 000 Bürger harrten dort stundenlang bei Schnee und Kälte aus, "um die begehrten drei Tropfen der Poliovakzine verabreicht zu bekommen", wie auf der Titelseite im Archiv des Treuchtlinger Kuriers zu lesen ist. Die Beteiligung der bayerischen Bevölkerung an der Schluckimpfung sei "stärker gewesen, als selbst bei größtem Optimismus erwartet werden konnte".

Weiter heißt es dort, dass das Bayerische Innenministerium wegen einer "Fehldisposition" von nur drei Millionen Impfdosen versuche, "in direkten Verhandlungen mit einer amerikanischen Firma noch eine Million Portionen des Sabin-Serums zu erhalten" – ebenfalls eine frappierende Parallele zur aktuellen Corona-Situation. Damals waren dem Bericht zufolge allerdings "die Aussichten fraglich". Zuerst wurden – anders als bei Corona – vorrangig die von Polio besonders gefährdeten Kinder und Jugendlichen geimpft.

Impftrupp blieb im Schnee stecken

In Niederhofen blieb einen Tag später ein mobiler Impftrupp im Tiefschnee stecken. "Obermedizinalrat Dr. Belz und seine Helfer mussten zuerst nach Weißenburg zurück und durch das Bärenloch nach Oberhochstatt fahren, wo die Schluckimpfung mit einiger Verspätung durchgeführt wurde", berichten die Weißenburger Nachrichten am 16. Februar 1962. Der anschließende Impftermin in Kaltenbuch fiel sogar ganz aus.

Im Februar 1962 waren die Polioimpfteam auch in Altmühlfranken unterwegs – und blieben teils im Schnee stecken.

Im Februar 1962 waren die Polioimpfteam auch in Altmühlfranken unterwegs – und blieben teils im Schnee stecken. © TK-Archiv, Repro: Patrick Shaw

1998 wurde die "süße Schluckimpfung" schließlich durch einen weiterentwickelten "Totimpfstoff" ersetzt, der gespritzt wird. Bei diesem sind die Viren nicht vermehrungsfähig, sodass die zwar sehr seltene, aber mögliche Erkrankung durch den Impfstoff ausgeschlossen ist. Allerdings ist der Totimpfstoff auch weniger wirksam, weshalb in Gebieten mit hohen Infektionszahlen nach wie vor der Lebendimpfstoff zum Einsatz kommen muss.

Inzwischen ist die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dank der weltweiten Impfungen ihrem Ziel schon sehr nahe, die Welt nach den Pocken auch von Polio zu befreien. Nord- und Südamerika sind seit 1994 poliofrei, der westpazifische Raum seit 2000, Europa seit 2002 und Afrika seit dem vergangenen Jahr. Derzeit tritt die Kinderlähmung in ihrer Wildform nur noch in Afghanistan und Pakistan auf, wo 2020 insgesamt gut 100 Fälle registriert wurden. Dort erschweren religiöse Vorbehalte bis hin zu Gewaltakten gegen Impfteams die Bekämpfung – und aktuell zusätzlich die Corona-Pandemie.

Von 350.000 auf 20 Infektionen

Dennoch: Vor nicht einmal 35 Jahren zählte die WHO weltweit jährlich 350.000 Polio-Infektionen. Täglich erkrankten rund 1000 Kinder. Die Viruserkrankung befällt vor allem Kleinkinder unter fünf Jahren. Sie greift das Nervensystem an und kann binnen Stunden zu lebensbedrohlichen Lähmungen führen. Die Todesrate liegt zwischen zwei (ähnlich wie bei Corona) und bis zu 20 Prozent. Etwa die Hälfte der Erkrankten behält bleibende Schädigungen. Sind Atemmuskulatur und Zwerchfell betroffen, müssen Patienten unter Umständen lebenslang künstlich beatmet werden. Die sogenannte "Eiserne Lunge" begleitete in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts viele Erkrankte.

Ohne eine ausreichend geimpfte Bevölkerung könnte die Kinderlähmung indes durch den internationalen Reiseverkehr auch heute noch zu uns zurückkehren. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung weist deshalb auf die Grundimmunisierung im Kindesalter hin – und darauf, dass diese auch nachgeholt werden kann. Denn mit Kinderlähmung können sich nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene anstecken.

Die vollständige Ausrottung der Kinderlähmung hat sich auch Rotary International auf die Fahnen geschrieben. Bereits 1985 startete der Serviceclub zusammen mit WHO, Unicef und den Centers for Disease Control und Prevention (CDC) das Programm "Polio Plus" (heute "End Polio Now"), durch das bis dato weltweit mehr als zweieinhalb Milliarden Kinder gegen Polio geimpft werden konnten. Rotary trug dazu mit einer Spendensumme von mehr als einer Milliarde US-Dollar bei.

Auch die hiesigen Rotary Clubs in Weißenburg, Roth, Schwabach und Eichstätt beteiligen sich seit vielen Jahren am Kampf gegen die Kinderlähmung – beispielsweise durch Geldspenden, die Unterstützung von Poliogeschädigten, das Sammeln von Plastikdeckeln für die Aktion "Deckel drauf" oder mit Informationskampagnen zum jährlichen Weltpoliotag am 28. Oktober.

Mehr zum Kampf gegen die Kinderlähmung unter rotary.de/endpolionow, weissenburg.rotary.de oder roth.rotary.de

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