Aus der nanu!?

Wenn die Kinderseele weint

13.7.2021, 12:49 Uhr
Thaddäus und Emma aus der Grundschule Bubenreuth hatten viele Fragen an Professor Gunther Moll mitgebracht. 

Thaddäus und Emma aus der Grundschule Bubenreuth hatten viele Fragen an Professor Gunther Moll mitgebracht.  © Harald Sippel, NN

Emma: Herr Professor, was bedeutet KJP?

Professor Moll: Die Buchstaben stehen für „Kinder- und Jugendpsychiatrie“. Hier kümmern sich Menschen um die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Also um alle Krankheiten, die über den Körper hinausgehen. Zur Psyche oder Seele gehören unsere Gefühle, unsere Wahrnehmungen, unser Verhalten. Es geht also um die Frage: „Wie geht es dir?“

Thaddäus: Welche Krankheiten haben Kinder, die zu ihnen kommen?

Professor Moll: Da gibt es leider viel zu viele. Es gibt kleinere Kinder, die ihre Gefühle nicht kontrollieren können und sehr oft sehr wütend sind. Es gibt Kinder, die innerlich extrem unruhig sind und deshalb immer zappeln. Es gibt Kinder, die kommen nicht mit anderen zurecht, Kinder, die süchtig sind nach einem Computerspiel oder Kinder, die so große Ängste haben, dass sie nicht mehr schlafen können. Es gibt auch Kinder, die finden sich zu dick und ernähren sich nicht gesund oder Kinder, die sehr einsam und traurig sind. Und es gibt Kinder, die etwas Schreckliches erlebt haben und Hilfe brauchen, um das zu verarbeiten.


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Thaddäus: Wir wollen an unserer Grundschule einen Spendenlauf machen und von dem Geld den Kindern, die hier behandelt werden, etwas kaufen. Was wünschen sich die Kinder denn?

Professor Moll: Am besten fragt ihr sie selbst. Schreibt ihnen doch einen Brief. Darüber freuen sie sich bestimmt sehr.

Emma: Wie sieht der Tag eines Kindes aus, das hier in der Klinik ist?

Professor Moll: Manche Kinder sind nur am Tag hier und verbringen die Nacht bei ihren Eltern. Andere sind einige Wochen lang Tag und Nacht bei uns. Wir geben uns große Mühe, dass sie sich wie zu Hause fühlen.
Jedes Kind hat einen eigenen Behandlungsplan. Meistens beginnt der Tag mit Sport, danach gehen die Schulkinder in die Schule für Kranke, die wir hier haben. Und anschließend haben sie Einzelgespräche oder Gruppentreffen, um darüber zu sprechen, wie es ihnen geht. Dazwischen bieten wir viele Sachen an, die Spaß machen: Musik, Kunst oder Sport zum Beispiel.

Thadddäus: Haben die Kinder, die ein paar Wochen hier leben, Kontakt zu ihren Eltern?

Professor Moll: In der ersten Woche nicht, danach gibt es Besuchstage. Und gegen Ende der Behandlung dürfen die Kinder übers Wochenende nach Hause.

Emma: Werden alle Kinder wieder gesund?

Professor Moll: Leider nein. Wir helfen vielen, würden gerne allen Kindern helfen – aber wir können nicht. Manche Krankheiten sind zu schwer und sitzen schon zu tief.

Emma: Warum?

Professor Moll: Das Problem sind meistens die Lebensumstände. An ihnen können wir hier nichts ändern. Wenn die Eltern zum Beispiel überlastet sind, selbst große Sorgen haben, dann haben sie nicht die Kraft oder das Geld, sich um ihr krankes Kind zu kümmern.

Thaddäus: Ich kann mir das nicht vorstellen.

Professor Moll: Stell Dir ein Kind mit Zappelphilipp-Syndrom vor. Dann stell Dir vor, es hat ein großes Haus, einen Garten, Freunde zum Toben, Eltern, die es in Sportvereine fahren und eine Lehrerin, die dem Kind in der Schule ausreichend Pausen erlaubt. Und jetzt stell Dir dasselbe Kind vor, das in einer kleinen, engen Hochhauswohnung mit zwei anderen Geschwistern lebt. Die Eltern haben kein Geld für Sport und keine Zeit, um mit dem Kind rauszugehen. Und in der Schule gibt es auch niemanden, der sich gut um das Kind kümmern kann. Was glaubst Du: Welches Kind kommt wohl besser mit seiner Situation zurecht?


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Thaddäus: Das Kind mit dem großen Haus. Wer kann denn dann den anderen Kindern helfen?

Professor Moll: Das müssen wir Erwachsene als Gesellschaft tun und die Politiker. Es gibt ja die Kinderrechtskonventionen, also Kinderrechte. Eines der Rechte lautet: Kinder haben das Recht gesund zu leben, Geborgenheit zu finden und keine Not zu leiden.

Emma: Also geht es gar nicht vielen Kindern so schlecht?

Professor Moll: Leider doch. Wir haben allein hier in der Psychiatrie zum Beispiel 72 Plätze. Ich könnte sie aber sofort doppelt belegen. Die Pandemie-Maßnahmen haben die Situation noch verschlimmert.

Thaddäus: Und warum wird nicht genug geholfen?

Professor Moll: Es ist eine ganz große Gemeinheit, dass ihr Kinder so ungerecht behandelt werdet und dass es in unserem reichen Land so vielen Kindern so schlecht geht. Dagegen müsst ihr ankämpfen, hört ihr? Sagt laut, was euch nicht gefällt und unterstützt euch gegenseitig. Sprecht mit euren Eltern und Lehrkräften. Seid mutig und hartnäckig. Traut euch! In dem ihr zum Beispiel den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder um ein Gespräch bittet, so wie mich. Fragt ihn: Warum geht es vielen Kindern bei uns so schlecht?

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