-4°

Dienstag, 09.03.2021

|

Wochenbettdepression: Dieses Projekt will erkrankten Müttern beistehen

Krisen nach der Geburt keine Seltenheit - In Mutter-Kind-Tagesklinik gibt es Hilfe - 13.12.2020 16:00 Uhr

Eine Schwangerschaft ist manchmal mit starken Stimmungswechseln verbunden. Ein Pilotprojekt will Müttern beistehen. 

01.12.2020 © imago/Paul von Stroheim


Viele Frauen verbergen ihr Leid aus Scham und Angst vor Stigmatisierung. „Ich empfinde keine Liebe für mein Kind, ich schade meinem Kind, ich kann es nicht beruhigen.“ Derartige dunkle Gedanken hätten manche Frauen permanent, wie Oberärztin Dr. Susanne Simen vom Klinikum berichtet. „Oft kommen die Betroffenen gar nicht auf die Idee, dass ihr Befinden Ausdruck einer Erkrankung ist, sondern sie sind überzeugt, eine schlechte Mutter zu sein“, sagt die Leiterin der Mutter-Kind-Tagesklinik. Dabei würden die Frauen alles tun, um ihr Baby gut zu versorgen. „Und genau das macht es so schwer, die peripartale Depression zu erkennen.


NZ-Klinikcheck: Hier kommen Babys gut zur Welt


Die Psychiaterin mit Schwerpunkt Wochenbettdepression weiß, dass Krisen nach der Geburt keine Seltenheit sind. In der Mutter-Kind-Tagesklinik gibt es Hilfe: So wird zum einen die psychische Erkrankung der Mutter behandelt, zum anderen der Umgang mit dem Kind unterstützt und gefördert. Die teilstationäre Behandlung wird werktags von 8 bis 15.30 Uhr geboten, die ganze Familie wie etwa der Partner oder Geschwisterkinder werden mit einbezogen. Außerdem gibt es auch in einer Mutter-Kind-Ambulanz Unterstützung und Hilfe am Klinikum.

Bilderstrecke zum Thema

Das sind Nürnbergs Babys von März bis Dezember 2020

Erst wenige Tage alt und schon haben sie ihren ersten großen Fototermin - die Babys, die im neuen Jahr in Nürnberg zur Welt gekommen sind. Ob mit dichtem Haar oder zerknautschtem Gesicht, die Bilder der kleinen Neu-Nürnberger sind einfach zum Dahinschmelzen.


Permanent erschöpft

Dunkle, tränenreiche Stunden oder Tage hat schon so manche Mutter nach der Geburt durchstehen müssen - bekannt auch als „Baby-Blues“, der wieder vergeht. Doch wie erkennen Familienangehörige eine Wochenbettdepression? Susanne Simen sagt: Dauert der Zustand länger als zwei Wochen an, ist die Mutter anhaltend tief erschöpft und zeigt wenig Freude oder zieht sich zurück, dann ist Hilfe nötig.

Susanne Simen, Oberärztin am Klinikum Nürnberg

02.12.2020 © Rudi Ott, NN


Eine Depression kann gut behandelt werden, wenn sie früh diagnostiziert wird. Und hier will ein Arbeitskreis unter der Federführung der Mutter-Kind-Tagesklinik am Klinikum ansetzen: Hebammen, Frauen-, Kinder- sowie Jugendärzte aus Nürnberg und der Region sollen mit eingebunden werden, um betroffene Frauen so früh wie möglich zu erkennen und ihnen Hilfe anzubieten.

Das Pilotprojekt will ein flächendeckendes, regelmäßiges Screening von Frauen in der Zeit der Schwangerschaft bis etwa vier Monate nach der Geburt etablieren. Dabei wird den Frauen — etwa beim Termin mit der Hebamme oder beim Arzt — ein Bogen mit einfachen Fragen zum persönlichen Befinden vorgelegt. Dieser Multiple-Choice-Fragebogen ist in der Fachwelt schon lange bekannt sowie international validiert — und wurde um zwei weitere Fragen ergänzt. So sollen die Frauen angeben, ob sie schon mal geschlagen oder körperlich misshandelt worden sind. Die Auswertung sei bitter, wie Oberärztin Simen berichtet: „Es ist erschütternd, wie viele Frauen schon Gewalt erlebt haben.“ Der Fragebogen enthält übrigens zusätzlich noch Kontaktdaten der wichtigsten Anlaufstellen in Nürnberg, an die sich Frauen wenden können.

"Eine große Erleichterung"

Es gibt schon erste positive Rückmeldungen zum Projekt, das auch wissenschaftlich begleitet werden soll. So sagt Franziska Frauendorfer, leitende Hebamme am Klinikum: „Für uns Hebammen ist es eine große Erleichterung, wenn psychisch belastete Frauen bereits während der Schwangerschaft erkannt werden. Wir können sie dann viel individueller betreuen.“

Die Nürnberger Frauenärztin Neslisah Yilmaz-Terzioglu ist auch mit dabei und zeigt sich beeindruckt, wie hilfreich der Fragebogen bei der Ersteinschätzung ist: „Vielen Frauen sieht man die Depression überhaupt nicht an. Sie lächeln und berichten dann von ihrer Niedergeschlagenheit und erschreckend oft auch von Gewalt.“ Die Frauen würden sehr offen und positiv auf die Befragung reagieren: „Wir haben den Eindruck, dass sie sehr froh darüber sind.“

Bei Neslisah Yilmaz-Terzioglu ist das Screening mittlerweile ganz selbstverständlich Teil des Praxisalltags: Beim Warten füllen die Frauen den Fragebogen aus, der dann sogleich der Frauenärztin vorgelegt wird — und wenn es nötig ist, wird das Thema Depression angesprochen. Die Frauenärztin kann übrigens diese Leistung nicht abrechnen: „Das ist unentgeltlich, aber mir ist das sehr wichtig.“

Hebammen, Frauen-, Kinder- und Jugendärzte erhalten bei Oberärztin Susanne Simen unter Susanne.Simen@klinikum-nuernberg.de weitere Infos.

Seite drucken

Seite versenden


weitere Meldungen aus dem Ressort: Region