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Büttelbronn im Buch

Hanns Zischler schöpft aus seiner Jugend - 28.08.2020 14:04 Uhr

Der zerrissene Brief

© Cover: Verlag Galiani Berlin


Dass darin Büttelbronn vorkommt, hat biografische Gründe: Hanns Zischler ist in dem Gäu aufgewachsen, sein Vater besaß einen Steinbruch in Langenaltheim.  Und obwohl Zischler so viel von der Welt gesehen hat und schon lange in Berlin lebt, ist er für seinen Roman nach Mittelfranken zurückgekehrt. In Gedanken, aber auch in persona: nämlich mit einem Filmteam des Bayerischen Rundfunks, das ihn zu den Schauplätzen seiner Erzählung begleitet hat. „Es ist hier eine so ungewöhnliche Landschaft“, sagt der Autor, fast schon schwärmerisch. „Eine sehr aufgewühlte Tagebaulandschaft. Das hab‘ ich damals aber nicht gewusst als Kind, dass es im Rest der Welt anders aussieht.“  Und so kommt es, dass so kontrastreiche Orte wie Büttelbronn und New York, Graben und die Kamtschatka, Treuchtlingen und St. Petersburg zwischen zwei Buchdeckel gepackt sind.

Die Protagonistin Pauline ist eine betagte und viel gereiste Dame, die 1966 in einem Dorf bei Treuchtlingen ihre wesentlich jüngere und sehr enge Brieffreundin Elsa empfängt. Es entwickelt sich ein Gespräch über Männer und die Liebe. Anhand von Briefen und Fragmenten faltet die Seniorin Stück für Stück ihre Vergangenheit auf: Wie sich die 17-jährige, unerfahrene Pauline und der 30 Jahre ältere Max im Jahr 1899 auf der Treuchtlinger Kirchweih begegnen und wie sie das Fest hinter sich lassen und fasziniert voneinander die (heute geteerte) Chaussee entlang nach Graben schlendern. Er beeindruckt sie mit seinem Wissen über den Karls-
graben, und anschließend kommt es zu einer prickelnden Sexszene auf einer Sandbank in der Altmühl irgendwo zwischen Graben und Bubenheim …

Mehr möchten wir an dieser Stelle aber auch gar nicht spoilern. Schließlich soll es sich lohnen, das Buch selbst zur Hand zu nehmen. Das tut es schon allein wegen der Landschafts- und Detailbeschreibungen des Altmühltals: von den  „kühl-modrigen Geruchsschwaden von feuchtem Lehm“, die über dem Steinbruch aufsteigen, bis hin zu den Überresten des Limes, der aussieht, „als hätte eine Riesenhand ein Lineal tief ins Erdreich gedrückt“. Dabei benutzt Zischler eine bildhafte Sprache mit vielen zauberhaften, unverbrauchten Metaphern und Vergleichen. Gleichzeitig geht er niemals verschwenderisch damit um und läuft nicht in Gefahr, schwulstig zu werden.                  

Zischler wird die Weißenburger Bücherschau im Wildbadsaal am 17. November mit einer Lesung aus „Der zerrissene Brief“ abschließen.

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