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Der vergessene Expressionist

Das Leben des Gunzenhäusers Ludwig Weninger - 09.03.2020 08:13 Uhr

Der vergessene Expressionist


Die Rede ist von Ludwig Weninger, der 1904 in der Altmühlstadt das Licht der Welt erblickte. Der hochtalentierte, zurückhaltende Mann führte ein Leben voller Möglichkeiten, das jäh von der Zeitgeschichte überfahren wurde. Wie lange er in Gunzenhausen lebte, ist unklar, in Würzburg jedenfalls absolvierte er die Schule, ließ sich in München ausbilden und wurde später in Wasserburg heimisch.

Mit seinen sehr modernen Werken, die Expressionismus, Kubismus und Neue Sachlichkeit in sich vereinen, machte er früh auf sich aufmerksam. Er verfügte dabei über ein bemerkenswertes Gespür für Farben, Formen und Linien.

In seinem Werdegang gibt es – neben der Geburt – noch einen weiteren Altmühlfranken-Bezug. Weninger ließ sich in München in der Schule von Hans Hofmann ausbilden, der gebürtiger Weißenburger war und zu einem der bedeutendsten Kunsterzieher des 20. Jahrhunderts wurde. Hofmann war von Weningers Talent überzeugt, machte ihn zu seinem Assistenten und bot ihm zudem noch eine Stelle als Lehrer in seiner damals bereits berühmten Schule an.

Als Hofmann – wie Weninger – in den 1930er-Jahren von den Nazis als entartet verboten wurde, emigrierte der gebürtige Weißenburger in die USA und gründete dort eine neue Malschule. Der Gunzenhäuser Weninger blieb in München und leitete dort mit dessen Frau die Schule weiter, bis sie 1933 endgültig von den Nazis geschlossen wurde.

Während Hofmann in New York Karriere machte und am Beginn einer neuen Kunstform in den Staaten stand, ging einer seiner talentiertesten Schüler im Nazireich unter. Weninger zog zu seinen Eltern nach Wasserburg und verschwand fast völlig aus der Öffentlichkeit. Eine intensive Romanze mit der kroatischen Künstlerin Anka Krizmanić,
die er bei einer Zeichenreise trifft, verschafft ihm einige glückliche Auszeiten.

Stilleben mit Maggiflasche


Die Beziehung endet aber mit Beginn des Weltkriegs, und Weninger heiratet eine Wasserburger Gymnastiklehrerin. Seine so hoffnungsvolle Karriere kann er in einem Land, das den Expressionismus als Verirrung ablehnt, nicht weiter verfolgen. Er wird schließlich auch noch eingezogen und muss für das Land kämpfen, das seine Ambitionen vernichtet hat. Als Nachrichtenoffizier überlebt er auch gefährliche Einsätze in Russland, wird dann aber zwei Wochen vor Kriegsende im unterfränkischen Gaibach von einem amerikanischen Soldaten erschossen.

Das Ende einer tragischen Geschichte, die ohne Weltkrieg vielleicht die eines weltberühmten Künstlers geworden wäre. Immerhin nahm die Geschichte die vergangenen Jahre eine zumindest versöhnliche Wendung. Zunächst fanden Bauarbeiter Dutzende Bilder von Weninger auf einem Dachboden in Wasserburg, die man für zerstört gehalten hatte. Und dann begeisterte sich mit Jochen Müller auch noch ein Journalist des MDR für das Künstlerpaar Krizmanić-Weninger.

Der vergessene Expressionist


Er recherchierte viel in der Biografie Weningers und seiner Lebensgefährtin, kaufte Bilder auf und sorgte so für neue Aufmerksamkeit für den vergessenen Künstler. Das führte dazu, dass im vergangenen Jahr die Stadt Wasserburg ihrem ehemaligen Bürger Ludwig Weninger eine große Ausstellung widmete. Und das muss nicht die letzte Schau seiner Werke sein. Holger Pütz-von Fabeck vom Kunstforum Fränkisches Seenland hat die Ausstellung besucht und arbeitet nun daran, eine Weninger-Schau auch noch in dessen Geburtsstadt Gunzenhausen zu bekommen.

Das wäre dann nun schon fast ein nachträgliches Happy End. Für den dann nicht mehr vergessenen Künstler und auch für die hiesigen Kunstinteressierten, denn Weningers Werke sind auch heute noch voller Kraft und Intensität.                      

 

Jan Stephan Carpe diem

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