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Der Wald der Geschichte

Der Stadtwald spielt eine Hauptrolle - 04.06.2019 09:42 Uhr

Der Stadtwald spielt eine Hauptrolle © Stadt Weißenburg/Ralph Goppelt


Ein Reich, jenseits des Realen. „Dieser Wald ist mächtig, sehr. Hier gibt es Tiere, wilde Wesen, verzauberte, die Steine können sprechen, und was du für Moos hältst, sind Markgrafen, alte, glaubst du, Laub zu sehen, sind es Bischöfe längst vergangener Zeiten …“ Bald stellt Paul fest, dass in diesem Reich  Vergangenheit und Gegenwart eins sind, ein Wald der deutschen Geschichte.

Und so stolpert Paul in den Dreißigjährigen Krieg, in Sitzungen des Weißenburger Ratsgremiums, findet sich am Hof des Ansbacher Markgrafen, platzt in eine Hochzeit, sieht die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg in der Stadt einmarschieren oder riecht das Fleisch der einzigen in Weißenburg verbrannten Hexe.

Paul ist entsetzt von all diesem Leid, doch bald auch auf eigenwillige Art und Weise fasziniert. Ihm stellt sich die Frage, die sich allen Menschen zu allen Zeiten stellt. Soll man einfach mit anderen laufen und tun, was gerade eben getan wird, oder hat man eine eigene Moral?

Als wäre diese Frage nicht groß genug, gerät Paul bald zwischen die Fronten. Die Erlkönigin herrscht in diesem magischen Wald, den sie gerne für immer von Gier und Krieg geprägt sehen würde. Der geisterhafte Lebkuchenmann ist ihr Gegenpol, der versucht, die Grausamkeit des Menschen mit Liebe und Zuneigung in Grenzen zu halten. Unklar ist die Position der Elfe  Phoebe, die Paul findet, von der Erlkönigin verstoßen wurde und ihr eigenes Spiel zu spielen scheint.

Ein „deutscher Supersommernachtsgau“ – so hat Franzobel das Stück überschrieben. Und Weißenburg steht mit seiner Geschichte exemplarisch für die Kleinstadt, die Provinz in der Welt. Jene Orte, wo Geschichte nicht gemacht wird, wo man aber trotzdem mit ihr leben muss und sie am Ende dadurch doch beeinflussen kann.              

Jan Stephan Carpe diem

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