Dienstag, 12.11.2019

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Der Weißenburger Barista

Die neue Café-Leidenschaft in der Altstadt - 06.11.2019 15:49 Uhr

Christian Kazor


„El retiro“ soll das Café in der Rosenstraße heißen. Das ist spanisch und bedeutet Rückzugsort. Spanien und Kaffee sind auch die beiden Dinge, für die Christian Kazor brennt – und die er nun den Weißenburgern nahebringen will. „Mein Motto ist: Schenke jedem, der bei dir einen Kaffee trinkt, zehn Minuten Urlaub.“ Der Espresso ist mittlerweile durch die Maschine gelaufen, und Kazor zaubert mit der aufgeschäumten Milch und der Crema des Kaffees eine Cappuccino-Blume in die Tasse. Stolz strahlt er über sein Werk. Kaffee ist für ihn mehr als ein Heißgetränk. Kaffee ist Genuss, Kaffee ist Kultur, Kaffee ist eine Lebenseinstellung.

Eine allerdings, die man sonst immer Italienern zuschreibt. Die spanische Kaffeekultur ist in Deutschland kaum verbreitet, und das will Kazor ändern. „Ich habe meine Liebe zu Kaffee erst in Spanien entdeckt“, erzählt er. Während eines Auslandssemesters in Madrid kam er zu dem Schluss, dass spanischer Kaffee irgendwie anders schmeckt. „Mit Tchibo Feine Milde von Oma konnte ich nichts anfangen, aber so ein Café con leche morgens um 11 mit den Kollegen in einem Coffee-Shop in Madrid – das ist einfach geil.“

Spätestens jetzt, nach seiner Barista-Ausbildung, weiß er auch, warum: „Bei der spanischen Torrefacto-Röstung wird Zucker beigefügt“, erklärt er. „Dadurch karamellisieren die Bohnen beim Rösten und das nimmt dem Kaffee Säure und Bitterkeit.“

Und auch die Zusammensetzung der Bohnen unterscheidet sich. „Hier in Deutschland ist der Mainstream aus Italien verbreitet, das sind Mischungen mit etwa 70 Prozent Arabica und 30 Prozent Robusta“, weiß der Barista. „In meiner Hausmischung finden sich hingegen 40 Prozent Monsunkaffee, 30 Prozent Canephora aus Indien und 30 Prozent brasilianische Bohnen mit einer Kakao-Note.“ Kazor bezieht die frischen Bohnen direkt aus einem Importhandel in Hamburg und lässt sie dann in Cadolzburg rösten.

Die neue Café-Leidenschaft in der Altstadt


Vor einem Jahr noch war das Leben des Weißenburgers komplett anders. Ein gut bezahlter Job als Projektmanager im Vertrieb eines großen Unternehmens, täglich mehrere Hundert Kilometer im Auto unterwegs. „Ich habe mich gefragt, ob ich das für immer machen will – und die Antwort war nein“. Also hat Kazor gekündigt und sich eine Auszeit auf Gran Canaria genommen. Aus Interesse besuchte er eine kleine Farm für Kaffee-Anbau.

„Ich stand vor meinem ersten Kaffeebaum. Ich sah die roten Kirschen, sah den Produktionsweg von der Ernte bis zur Röstung, und mir wurde bewusst, wie viel Arbeit in so einer Tasse Kaffee steckt“, erinnert er sich. „Und dann der Kaffee – eine Geschmacksexplosion. Ich kam total geflasht nach Deutschland zurück.“ Geflasht – und mit einem Traum im Gepäck. Dem Traum vom besten Kaffee Weißenburgs.

Im Januar 2019 kündigte er seinen Job und begann eine sechsmonatige Barista-Ausbildung bei Thomas Schweiger in Ansbach,  der sich mit mehreren Barista-Meistertiteln brüsten darf. „Man kann beim Kaffee extrem viel falsch machen“, lernte Kazor. Der richtige Mahlgrad, die Mahlmenge, die Bohnen, der Tamperdruck, das Einspannen des Siebes, die richtige Extraktionszeit des Kaffees, Brühdruck und Brühtemperatur. „Sogar solche Dinge wie das aktuelle Wetter und die Luftfeuchtigkeit spielen da eine Rolle“, weiß er nun.

In Schweigers „Green & Bean“ in Ansbach schnupperte Kazor während seiner Ausbildung auch ins Gastro-Business, denn da ist der 32-Jährige kompletter Quereinsteiger. Das Risiko der neuen Selbstständigkeit als Barista und Cafébesitzer trägt Kazor aber gerne. „Ich bin Weißenburger mit Leib und Seele und ich möchte gerne das Leben in der Stadt mitgestalten“, erklärt er. Und sein Beitrag dazu ist eben: die Franken in der Römerstadt mit spanischer Kaffeekultur zu begeistern.        

 

Miriam Zöllich Carpe diem

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