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Dank Nürnberger Witz an die Spitze Europas

Aufschwung mit Erfindergeist und Innovationsfreude: - 27.08.2015 18:27 Uhr

Eine technische Meisterleistung ist die Ende des 16. Jahrhunderts errichtete Fleischbrücke, die im Gegensatz zur venezianischen Rialto-Brücke ohne Stufen auskommt.


Nürnberg fehlten seit der Gründung um 1050 wesentliche Voraussetzungen für ein erfolgreiches Wirtschaften. Es hatte keinen fruchtbaren Boden, nur geringe Rohstoffvorkommen und auch ein bedeutender Wasserweg war nicht vorhanden, da die Pegnitz nicht schiffbar ist. Und trotzdem entwickelte sich die Stadt im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit zu einer der bedeutendsten Wirtschaftsmetropolen in Europa. Die Wirtschaftshistoriker sind sich weitgehend einig, dass diese ungünstigen Umstände durch einen überdurchschnittlichen Erfindergeist und Innovationsfreude mehr als wettgemacht wurden. In vielen Ländern wurden diese Eigenschaften der Nürnberger gerühmt und in diesem Gedicht eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht:

 

„Hätt ich Venedigs Macht

Augsburger Pracht,

Nürnberger Witz, Straßburger Geschütz

Und Ulmer Geld

So wär ich der reichst in der Welt.“

 

Mit Nürnberger Witz bezeichnete man die Gewitztheit und den Einfallsreichtum der Nürnberger. Ihr praktischer Verstand, ihr technisches Geschick und ihre Erfindungsgabe führten im Spätmittelalter und in der Neuzeit zu einer ganzen Reihe von Erfindungen und technischen Neuerungen. Insbesondere widmeten sich die Nürnberger der Herstellung von handwerklichen Produkten mit intelligenten Verfahren.

Ein Beispiel dafür war die Gründung der ersten Papiermühle nördlich der Alpen in der Hadermühle durch Ulmann Stromer im Jahre 1390. Das billigere Papier löste damals das teure aus Tierhäuten gefertigte Pergament ab.

An einem früheren Pegnitzarm, gegenüber der Insel Schütt, stand die Mühle am Sand, in der Anfang des 15. Jahrhunderts der mechanische Drahtzug durch Wasserkraft erfunden wurde. Der Bedarf an grobem Draht war sehr groß, da viele Handwerkszweige dieses Material für ihre Produkte (z. B. Kettenhemden, Nadeln, Haken, Ösen, Gitter und Schellen) verwendeten. Mit den herkömmlichen Techniken konnte grober Draht nicht in der benötigten Menge hergestellt werden. Mit dem neuen Herstellungsverfahren, das vom Rat der Stadt u. a. mit Kapital gefördert wurde, konnte dieser Engpass beseitigt werden. Die Produktivität konnte in ungeahnter Weise erhöht werden und machte Nürnberg zum führenden Ort der Drahtherstellung.

Im Bereich der Insel Schütt befanden sich in früheren Jahrhunderten zahlreiche Produktions-, aber auch Vergnügungsstätten. So etwa dieses Fechthaus mit einem Platz für über 3000 Zuschauern. Bei der vorgeführten Kampfkünsten kamen in erster Linie Waffen zum Einsatz, die von den weithin gerühmten Nürnberger „Messerern“ angefertigt worden waren.


Auf der Insel Schütt wurde nicht nur produziert, sondern die Nürnberger genossen dort auch ihre Freizeit. Unter anderem gab es hier eine Reitschule, ein Wildbad und ein Fechthaus, das Platz für 3000 Zuschauer bot und 1628 eröffnet wurde. Dort sahen die Besucher Fechtkämpfe, die mit Messern, Schwertern und Degen ausgetragen wurden. Diese Waffen wurden von den Nürnberger „Messerern“ hergestellt. Mitte des 16. Jh. stellten sie mit 400 Meistern den größten Gewerbezweig. Klingenschmiede, Schleifer und Scheidenmacher waren als Zulieferer in den Produktionsprozess der Waffen mit einbezogen. Viele Erzeugnisse aus dem Metallgewerbe konnten durch Verfahrensinnovationen in Massen hergestellt werden. So wurden Ende des 16. Jahrhunderts jährlich über zwei Millionen Messer hergestellt.

Die Nürnberger waren aber nicht nur berühmt für „Massenware“, sondern auch für Spezialwerkzeuge, die für wissenschaftliche Zwecke eingesetzt wurden. Das waren z. B. nautische, astronomische und medizinische Geräte, die von den Zirkelschmieden, Kompassmachern und Uhrmachern mit einer unübertroffenen Präzision hergestellt wurden. Die Statue des Schuhmachers und Poeten Hans Sachs auf dem nach ihm benannten Platz weist darauf hin, dass der Nürnberger Witz auch Wichtiges für die schönen Künste schuf.

Das Schreibwerkzeug in seiner Hand könnte ein Bleistift sein, der zwar nicht in Nürnberg erfunden, aber dort perfektioniert wurde. Durch konsequente Verbesserung von Herstellungsverfahren wurden Nürnberg und sein Umland zum Weltmarktführer für diese Produkte und hat diese Stellung noch heute inne.

Der Stift in der Hand von Hans Sachs weist auf ein Produkt hin, das mit Nürnberg verknüpft wird. © Foto: Helldörfer


Der Musik schenkte Johann Christoph Denner mit der Erfindung der Klarinette das wohl vielseitigste Instrument, das in der Klassik, im Jazz, der Klezmer- und Volksmusik zum Einsatz kommt.

Der Nürnberger Witz hat sich oft auch darin gezeigt, dass Erfindungen anderer nicht nur kopiert, sondern weiterentwickelt und intelligent an örtliche Gegebenheiten angepasst wurden. Die geniale Fleischbrücke ist ein Beispiel dafür.

Der Bauherr der Fleischbrücke nahm sich die Rialto-Brücke in Venedig zum Vorbild, die Ende des 16. Jh. gebaut worden war. Die „Gewitztheit“ war insofern gefordert, als Stufen (wie in Venedig) wegen der zahlreichen Transporte zwischen der Lorenzer und der Sebalder Stadtseite nicht infrage kamen. So entstand eine technisch weitaus schwierigere, flachere Steinbrücke, die bisher alle Gefährdungen durch Hochwasser, Krieg und auch Streusalz überstanden hat. Ein weiteres Zeugnis hervorragender Ingenieurskunst in Nürnberg ist der etwas flussabwärts gelegene, 1824 entstandene Kettensteg, die erste eiserne Hängebrücke Deutschlands (siehe auch Artikel rechts unten).

Sigmund Schuckert beleuchtete die Kaiserstraße

Elf Jahre später legte die erste deutsche Eisenbahnfahrt von Nürnberg nach Fürth den Grundstein für die rasante industrielle Entwicklung von Nürnberg. Am Ufer der Pegnitz nahe der Fleischbrücke stand im 19. Jahrhundert ein Werkstattgebäude mit Wasserpumpwerk für unterschiedliche Gewerbebetriebe, sozusagen der erste Gewerbepark. Bekanntester Gewerbetreibender war Sigmund Schuckert, auf dessen Erfindungen die erste dauerhaft betriebene elektrische Straßenbeleuchtung Deutschlands in der Kaiserstraße zurückging.

Der Schöne Brunnen ist heute das Schmuckstück des Hauptmarktes. Das Gitter ist „Werbung“ für den Nürnberger „Schmiedewitz“. Die eisernen Blumen, Herzen und die zwei drehbaren Ringe, aus einem Stück eingefügt, sind handwerkliche Meisterleistungen.

Um den guten Ruf des Wirtschaftsstandortes Nürnberg zu erhalten, musste die Qualität der Waren und Rohstoffe intensiv kontrolliert werden. Diese sogenannte „Schau“ wurde im Schauamtsgebäude neben der Sebalduskirche durchgeführt, wo heute das Bratwursthäusle steht.

Das kleine Nürnberger Stadtwappen bzw. der Buchstabe „N“ wurden früher als anerkannte Qualitätssiegel auf Produkten aus der Noris angebracht.


Wenn die Gutachter nichts zu beanstanden hatten, wurde das kleine Stadtwappen oder ein „N“ für Nürnberg angebracht, um die Ware als qualitätsgeprüftes Nürnberger Erzeugnis zu deklarieren. Dieser Stempel, der Buchstabe „N“, war im ganzen Reich hoch angesehen. Es hieß allgemein „Nürnbergisch geschaut“ – das war ein Qualitätsprodukt, ein Gütesiegel so wie „Made in Germany“.

An der Fassade der IHK für Mittelfranken ist ein Kaufmannszug zu sehen, der illustriert, dass der Nürnberger Handel im Spätmittelalter mit der gesamten damals bekannten Welt verbunden war. So fanden die innovativen Produkte aus Nürnberg eine weite Verbreitung: „Nürnberger Tand geht durch alle Land“. Gäbe es diese Kaufmannszüge noch heute, würden die in Franken erfundenen Playmobil-Figuren, von denen es mittlerweile 2,8 Milliarden gibt, sicher nicht fehlen.

Die modernen Verkehrswege und das Internet haben den Güter- und Ideenaustausch wesentlich vereinfacht. Durch den damit verbundenen weltweiten Wettbewerb wurde in Nürnberg und Umgebung auch in jüngster Zeit Bedeutsames hervorgebracht: der farbige Textmarkierer, das Papiertaschentuch, das MP3-Format und ein U-Bahnnetz, in dem gleichzeitig Züge mit und ohne Fahrer unterwegs sind. Gerade heute sind mehr denn je Anpassungsfähigkeit und Einfallsreichtum gefragt, also alles, was den Nürnberger Witz ausmacht. 

Daniela Semann

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