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Das Silvestival begeisterte

Klang-Raketen in Schnee und Eis - 03.01.2011 07:19 Uhr

Silvestival


Es ist kalt. Saukalt. Sogar die Band John Q Irritated friert in der Scheune der Altstadtfreunde und muss zwischen den Voodoo-Grooves immer wieder Glühweinpause machen. Die Besucher rücken dicht zusammen, um ein wenig Wärme der Scheinwerfer zu erhaschen, und schaukeln sich vorsichtig warm in ihren dicken Jacken und Winterstiefeln. Gut für Friedrich Zeder. Er schenkt in der lauschigen Kellerbar warme Getränke aus und kommt kaum nach. „Es ist ein ständiges Kommen und Gehen“, stellt er fest. „Die Leute sind sehr entspannt.“

Auch bei Daniel Bartmeyer im Kohlenhof läuft der Betrieb schubweise an. Um zehn Uhr hatten bereits mehr als 250 Leute vorbeigeschaut und dem sanften Bossa Nova von Yara Linss gelauscht. „Es entwickelt sich langsam“, stellt er fest und freut sich über sein sehr gesittetes Publikum. „Mensch, könnten die nicht ein paar Wegweiser für die Auswärtigen aufstellen, das findet man doch kaum“, japst Monika Löffler, nachdem sie endlich den versteckten Eingang entdeckt hat. Sie kommt aus Pappenheim und würde auch gern schon zwei Stunden früher mit dem Tanzen anfangen, denn der letzte Zug fährt um kurz vor eins. „Aber es ist eine super Idee, mir gefällt es total gut!“

Über die schlechte Verkehrsanbindung ärgert sich auch Barbara aus Schwabach. „Mit der Bahn braucht man heut’ gar nicht kommen, da muss ich bis um vier bleiben, schade, dass das nicht abgestimmt ist“, meint sie. Und die Wahl der Schuhe war ein größerer Aufwand, denn der Wechsel zwischen Tanzfläche und knöcheltiefem Matsch fordert logistische Höchstleistung. „Vielleicht kann man die Stiefel ja an der Garderobe einsperren?“

Das geht nur im Germanischen Nationalmuseum, aber dort müssen die Gäste kurz nach zwölf ruck, zuck raus, denn ein Feueralarm hat angeschlagen. Kein Problem, mit Sekt in der Hand lässt sich das Feuerwerk in der Straße der Menschenrechte genießen, bis die Türen nach einer Viertelstunde wieder aufgehen.

Im Club Stereo sehen die Gäste anders aus, als sonst: älter. „Total angenehme Leute“, meint eine Mitarbeiterin – doch dieses Publikum ist enttäuscht: „Programm ist doch ab 21 Uhr! Warum spielt hier niemand?“ Ein Pärchen aus Fürth wartet geduldig an der Bar und lobt den Caipirinha, während Club-Mitbesitzer Wolfgang Dengler erklärt: „Wir wollten warten, bis die Location voll ist, die Band spielt erst ab 22 Uhr. Wir sind überrascht, dass es so voll ist.“

In der angenehm gefüllten Katharinenruine wird niemandem wirklich kalt: Die Musik von Klaus Brandl & Band macht inwendig warm. Schunkeln mit Frau im Arm oder schwofen bei schnelleren Tempi, hier regiert Romantik im lauschig-roten Licht. Wer nach zwölf kommt, erlebt Wrongkong mit heftigen Beats – da ist das Publikum dann auch deutlich jünger. Warteschlangen und zeitweiligen EinlassStopp gibt es gegenüber: kein Platz mehr im Katharinensaal. Das Publikum lauscht andächtig kommenden Gesangs-Kometen der Klassikszene. Standing Ovations für Sängerinnen und Sänger der Musikhochschule, Neujahrsstimmung à la Klassik.

Um den Jazz wurde es hier nach Mitternacht stiller, im Rathaus dagegen genoss die Masse der Silvestival-Gäste vor allem jetzt die Gala-Besetzung, die Thilo Wolf für seine Big Band an den Start gebracht hatte. Der Saal bebte, Star-Klarinettist und -Saxophonist Norbert Nagel hatte einen Job in München sausen lassen, um in Nürnberg dabei zu sein. Ob kleines Schwarzes oder Anorak, ob Bierflasche oder Sektglas – es wurde gewippt und gegroovt. Zuvor hatten etliche Paare nach dem vorproduzierten Countdown-Video der Stadtspitze im Saal den Neujahrswalzer getanzt.

Eine Teilbestuhlung hätte die Stimmung hier noch heben können: Die Seitenbänke waren ständig belegt. Auch in der Ehrenhalle wurde das Potenzial der Lounge (DJing legte auf) nicht voll genutzt: Eine ungemütlich bestrahlte Sitzgruppe wie einige Stühle boten zu wenig Platz für die Silvestival-Schwärmer.

Es ist fast halb drei, als die letzte Zugabe auf dem Klarissenplatz verklungen ist. „Das war fast wie Après-Ski hier“, meint eine Besucherin über die völlig vermatschte und rutschige Freiluft-Tanzfläche. „Nächstes Mal komm’ ich mit Skistiefeln, aber Spaß gemacht hat es trotzdem!“

Anabel Schaffer und Sabine Göb E-Mail

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