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Sonntag, 29.11.2020

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Der "Bauernhof-Boom" und seine Schattenseiten im Knoblauchsland

Ein Jahr zwischen Extremen: Wie das Virus den Gemüsehöfen zusetzt. - 15.10.2020 15:29 Uhr

Mit Leidenschaft Bauer: Stefan Link vor seinen Salaten in Buch.

15.10.2020 © e-arc-tmp-20201015_131438-1.jpg, NN


Stefan Link liebt seinen Beruf, er ist mit Leidenschaft Bauer. Ohne diese Liebe, überlegt er, könnte er es gar nicht sein. Er betont das nicht, das Wort Idealismus verwendet er nur einmal, eher nebenbei. Der Landwirtschaftsmeister Link, ein reflektierter, freundlicher Mann, legt keinen Wert darauf, besonders eindringlich zu wirken, wenn er von seinem Hof am Nürnberger Stadtrand in Buch erzählt, von seinem Alltag, den er mit den meisten Landwirten auch hier im Nürnberger Knoblauchsland teilt.


"Eine Affinität zum Essen und Trinken", wie sie erzählt, führte Theresa Link nach einer Lehre beim Zoll und einem Ausflug in die Finanzdienstleistungsbranche auf den Gemüsehof nach Buch, es wurde Liebe daraus – zu Stefan, zur Landwirtschaft, es klingt nach einer ganz und gar glücklichen Geschichte, und Theresa Link ist eine offenherzige junge Frau von ansteckender Fröhlichkeit. "Aber so sehr ich mich freuen würde, wenn die Kinder in zwei, drei Jahrzehnten den Hof übernehmen, so gut würde ich verstehen, wenn sie es nicht tun", wird Stefan Link dem Besucher zum Abschied sagen.

"Wahnsinns-Ansturm"

Die Direktvermarkter haben ein Jahr hinter sich, wie es aufreibender kaum hätte ausfallen können. Als die Corona-Pandemie im Frühjahr das öffentliche Leben stilllegte, war der Andrang im Hofladen so groß wie nie, an "einen Wahnsinns-Ansturm" erinnert sich Theresa Link, "wir alle haben geschnauft". Sie sah "viele neue, unbekannte Gesichter" und nahm aus interessierten Nachfragen diesen Eindruck mit: "Die Menschen sind froh, dass es uns gibt." Vom "Bauernhof-Boom" war bundesweit die Rede, laut Umfragen schworen 70 Prozent und mehr Bürger auf Wert und Nachhaltigkeit der regionalen Lebensmittelversorgung.

Bei aller Wertschätzung in Krisenzeiten: Den Bauern bleiben große Finanzielle Sorgen (Kathrin Ehret, Stefan Link, Theresa Link, Karin Link, v. li.).

21.10.2020 © Verena Feiler, NN



Das haben auch die Links gespürt, es tat gut, weil sie etwas erfuhren, was Landwirte oft vermissen. Wertschätzung, Anerkennung.- in einer Zeit, wie Stefan Link sagt, "in der unser Ruf immer schlechter gemacht wurde, in der wir Bauern für alles verantwortlich sein sollten, was im Umweltschutz nicht gelingt". Natürlich, sagt Link, "es gibt schwarze Schafe", aber der Generalverdacht tut weh. Der Protest geriet spektakulär, Zehntausende demonstrierten. "Normalerweise ist es so: drei Bauern, drei Meinungen", sagt Stefan Link, "dass alle zusammen auf die Straße gehen, das hatte es zuvor noch nie gegeben."

Hofsterben geht weiter

"Es braucht einen langen Atem", sagt Theresa Link, das Corona-Jahr wird dabei als harte Prüfung in Erinnerung bleiben. Die Rückkehr ins Bewusstsein der Menschen hatte ihren Preis, der angebliche "Bauernhof-Boom" war bestenfalls ein emotionaler. Rund 60 Prozent der Ernte mussten die Links "am Feld einfräsen", wie Stefan Link sagt, vernichten, der lange Stillstand der Gastronomie brachte viele Betriebe in Existenzangst. Kunden und Partner zeigten sich solidarisch, viele schöne Gesten waren immerhin ein Trost, aber als dann zum Beispiel die Felder bestellt waren und pandemiebedingt die Erntehelfer aus Osteuropa fehlten, erwiesen sich Notlösungen mit arbeitslosen Servicekräften aus der Gastronomie als so gut gemeint wie unpraktikabel.


"Hätten wir zuvor nicht gut gewirtschaftet, wüsste ich nicht, wie wir durch diese Zeit kommen", sagt Stefan Link, er sagt es nüchtern, ohne zu klagen. Ein "Hofsterben auch im Gemüseanbau" werde weitergehen, perspektivisch werde sich die Zahl der Produzenten halbieren. Er selbst, sagt er, schläft manchmal schlecht, wenig sowieso bei all der Arbeit, im Vertrieb beginnt der Tag um ein Uhr morgens. Eine Woche mit 70 Stunden und mehr. Stefan Link nickt. Alltag.

"Zum Essen Müll"

Der Betrieb in Buch – 15 Hektar Freiland, 5000 Quadratmeter unter Glas – kann beispielhaft für die Branche stehen, für ihr Engagement und ihre Sorgen. Zur Jahrtausendwende mussten sich die Links neu aufstellen, kostengünstiger produzieren und Absatzwege finden. Direktvermarktung, Gastronomie, Großmarkt und ein Discounter sind seitdem die Standbeine. Ein "regionaler Trend", sagt Stefan Link, sei damals noch eher eine Idee gewesen, eine "andere Mode", wie er sagt, ist ihm bis heute über einen Slogan in Erinnerung: "Geiz ist geil – und dann sind Leute im Porsche vorgefahren und haben zum Essen Müll gekauft, das war ja beinahe chic".


Im Hofladen, der ein Traum schon seiner Mutter war, begrüßte Stefan Link damals "weit überwiegend Rentner", heute sind es vornehmlich junge Familien, die in Buch einkaufen. "Wer Kinder hat, ist sensibel für eine gesunde Ernährung", sagt er, "und in der Bildung, in der Schule wird das ja vermittelt." Angekommen ist die Botschaft aber längst nicht bei all jenen, die sie gerne hören.

"Nicht Nummer-eins-Faktor"


Vielleicht 30 Prozent der Menschen, schätzen die Links, kaufen regional ein, es werden tatsächlich immer mehr, das macht Mut. "Aber Lebensmittel sind in Deutschland eben nicht der Nummer-eins-Faktor", überlegt Stefan Link. Smartphones und Autos dürften etwas mehr kosten, "da ist Luxus der Standard, für landwirtschaftliche Produkte gilt das für die Mehrheit eben nicht", er kennt die Vergleichszahlen aus Italien und Frankreich, die viel höhere Wertschätzung dort für die regionale Küche.


In diesem Jahr haben die Links Wasser- und Honigmelonen angebaut. Die Leute mochten sie sehr. Stefan Link lächelt, wenn er davon erzählt.

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