Montag, 23.11.2020

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Ein Hund mit Knochenjob

Hütehund kann uralte menschliche Knochen im Erdboden aufspüren. - 10.01.2020 10:56 Uhr

Dietmar Kroepel streichelt seinen "Archaeo-Dog" Flintstone. Der Altdeutsche Hütehund Flintstone kann uralte menschliche Knochen im Erdboden aufspüren - als erster zertifizierter «Archaeo-Dog» in Deutschland erschnüffelt er Menschenknochen.

26.11.2018 © Balk/dpa


Er ist ein erfahrener Helfer. Flintstone, Altdeutscher Hütehund, spürt seit vielen Jahren Verschüttete unter Lawinen oder Trümmern auf. Wenn er in letzter Zeit ausrückt, ist es für Rettungsaktionen aber oft schon zu spät. Der neunjährige Vierbeiner ist nämlich jetzt auch Profi bei der Suche nach menschlichen Skeletten. Herrchen Dietmar Kroepel aus dem oberbayerischen Otterfing hat den Rüden darauf trainiert, Knochen aus der Etrusker-, Kelten- oder Römerzeit in der Erde zu finden. Durch seine Fähigkeiten ist er auch für die Polizei ein begehrter Freund und Helfer. Regelmäßig ist Flintstone bei sogenannten Cold Cases im Einsatz, also bei Fällen, in denen ein Tötungsdelikt vermutet wird, aber die Leiche noch fehlt.

Flintstones Weiterbildung zum Archäologiehund war nötig geworden, weil Kroepel vor einigen Jahren aus privaten Gründen nicht mehr in der Nacht oder am Wochenende zu Noteinsätzen fahren konnte. Den Vierbeiner zu einem normalen Hundeleben zu verdonnern, kam nicht in Frage: "Das sind hoch motivierte Gebrauchstiere. Man muss sie körperlich und mental auslasten, sonst machen sie Sachen, die man als Halter nicht so gerne hat." Bei Unterbeschäftigung "suchen sie sich selbst eine Aufgabe, dekorieren die Wohnung neu, graben den Garten um oder hüten die Nachbarskinder." Da kamen der 53-Jährige und ein Freund, der gerade Grabungen in der Toskana leitete, auf die Idee, den Rüden mit der guten Nase auf der Suche nach historischen Grabstätten einzusetzen. Es folgte eine Ausbildung nach dem Motto "Trainieren statt dominieren". Die Übungen laufen nur über positive Verstärkung durch Lob und Leckerlis. Strafe und Tadel sind tabu.

Dabei hat der graue Wuschel mit den leuchtend braunen Augen gelernt, dass er beim Kommando "Bones", also Knochen, nicht nach lebenden Menschen, sondern nach sterblichen Überresten suchen soll. "Inzwischen hat mein Flintchen eine über 90-prozentige Trefferquote", sagt sein Besitzer stolz. Deutschlands erster und bislang einziger Archäologiehund hat seine Fähigkeiten bereits bei etlichen kniffligen Fällen für die Bodendenkmalpflege bewiesen. Alleine in Bayern spürte er mehrere römische Gräber auf. Aber auch in Italien war der Altdeutsche Hütehund erfolgreich auf der Suche nach Etruskerspuren. Fünf bis sechs Mal im Jahr wird er von Grabungsbüros gebucht. So kann auch sein Besitzer, der hauptberuflich im Qualitätsmanagement eines Betriebes arbeitet, aber Archäologie studiert hat, wenigstens privat seine Leidenschaft für historische Relikte ausleben.

Wenn Flintstone erst einmal im Suchmodus ist, tigert er los, die Nase dicht über dem Boden. Quadratmeter für Quadratmeter läuft er mit seinem Herrchen das Suchfeld ab. Sobald er etwas erschnüffelt, legt er sich schwanzwedelnd an der Stelle ab, um anzuzeigen: "Hier ist etwas!" Er darf auf keinen Fall anfangen, zu buddeln. "Die Ausgrabungen", so Kroepel, "möchten die Archäologen schließlich selber machen." Sie legen Fundstücke vorsichtig Schicht für Schicht frei. Wenn der Rüde hingegen auf das Kommando "Salva" (Rette) für die Lawinen- oder Trümmersuche im Einsatz ist – was in letzter Zeit wieder häufiger vorkommt – macht er sich gleich daran, sich zu den Verschütteten durchzugraben. Zum einen schafft er auf diese Weise einen Luftkorridor. Zum anderen gibt der pflichtbewusste Hund den Opfern Zuversicht. Sie wissen dann: "Jetzt kommt Hilfe."

Dem Vierbeiner die unterschiedlichen Vorgehensweisen beizubringen, war ein kleines Kunststück. Hilfreich ist: Je nach Situation hat der Hund ein anderes Geschirr an. Und auch das Herrchen trägt verschiedene Westen. "Wir müssen uns ja kenntlich machen, damit zufällige Beobachter wissen, was wir da tun. Solche Rituale geben Flintstone Sicherheit. Er kann die Signalworte inzwischen bestens unterscheiden", erzählt Kroepel.

Durch seinen außergewöhnlichen Spürsinn wird der neunjährige Rüde immer häufiger zur Geheimwaffe der Polizei. Wenn die Beamten von einem Tötungsdelikt ausgehen, aber keine Leiche finden konnten, wird der Altdeutsche Hütehund oft als Unterstützung angefragt. Auch im Nürnberger Osten war er schon unterwegs – ohne Ergebnis. "Manchmal", so Kroepel, "geht es auch darum, eine Stelle als Fundort auszuschließen."

In jüngster Zeit war das Team bei vier Kriminalfällen im Einsatz. Bei zweien hat Flintstone sterbliche Überreste aufgespürt, bei den anderen geht die Suche weiter – das Gebiet ist zu groß, als dass es der Hund auf einmal absuchen könnte. "Es ist immer ein Erfolg, wenn Flintstone etwas findet – obwohl der Anlass traurig ist", sagt Kroepel. "Für die Hinterbliebenen ist die quälende Zeit der Ungewissheit zu Ende. Sie können anfangen zu trauern. Ich selbst schaue nicht in die menschlichen Abgründe oder auf das Verbrechen dahinter. Ich hoffe, dass genug Spuren erhalten sind und man den Täter ermitteln und verurteilen kann." In diesem Jahr haben Herr und Hund ein großes archäologisches Projekt vor sich. Der spektakuläre Einsatz wird sie im Mai zum Glattjoch in die Hochgebirgsregion Hohe Tauern führen.

Hier in den Zentralalpen Österreichs steht auf 2000 Metern Höhe eine kleine Kapelle aus dem siebten oder achten Jahrhundert, die einzigartig in Mitteleuropa ist. Bekannt sind solche Gewölbe sonst nur in Irland. Und von dort kamen vermutlich auch die Wandermönche, die dieses höchstgelegene Gotteshaus in der Steiermark errichtet haben. Der Sage nach sollen drei von ihnen auch im Umfeld des Kirchleins begraben sein. Ob das stimmt, soll Flintstone herausfinden. "Ich habe viel über seine Wundernase gehört," sagt Volker Fauler, der seit Jahren die Geheimnisse der Glattjochkapelle erforscht und das gerade erschienene Buch "Irische Mission in Österreich und die steirische Glattjochkapelle" geschrieben hat. Er erhofft sich durch den Archäologiehund neue Erkenntnisse, ohne dass gleich umfangreiche Grabungen nötig sind.

Der Einsatz auf 2000 Meter wird akribisch geplant. Schließlich darf der Suchhund nicht schon erschöpft oben ankommen. Vorgesehen ist deshalb, ihn mit dem Helikopter hinaufzufliegen. Was manchem Zweibeiner den Angstschweiß auf die Stirne treibt, ist für Flintstone keine große Sache. Bei der Begegnung mit Artgenossen ist er zwar nicht der Mutigste, aber bei der Arbeit wird er zum Abenteurer. Er ließ sich schon aus der Luft abseilen, war per Boot im Einsatz oder unter der Erde in sogenannten Erdställen. Das sind tief im Boden angelegte Gänge und Kammern, die vor rund 1000 Jahren als Versteck oder Kultstätte dienten und um die sich viele Legenden ranken. Wenn die Pflicht ruft, kann Flintstone nichts aufhalten, er geht auch über schwankende Hängebrücken und fährt Sessellift. Rund eine Stunde kann der Rüde arbeiten, bei hohen Temperaturen kommt er schon nach 20 Minuten an seine Grenzen. Dann muss er ausruhen.

Damit noch mehr Hunde eine ähnliche Ausbildung durchlaufen können, hat Kroepel den Verein Archaeo-Dogs Bayern gegründet. Bei dessen Schulungen geht es nicht nur darum, den Vierbeinern beizubringen, was sie suchen sollen. Auch ihre Besitzer müssen von den Grundlagen der Archäologie bis hin zur Ersten Hilfe beim Tier viel lernen – selbstverständlich nur mit Lob und ohne Tadel.

Alexandra Voigt

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