Sonntag, 16.05.2021

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Ein schlichter Anzug im Dienste der Revolution

Maos liebstes Kleidungsstück wird 90 - 11.08.2011 17:01 Uhr

11.08.2011


Eine hochgeschlossene Jacke mit Steh- oder Rundkragen; vier aufgesetzte Taschen und dazu schlicht geschnittene Hosen. So sieht der klassische Mao-Anzug aus.

Allerdings ist das Kleidungsstück viel älter als sein Namensgeber und auch nur außerhalb des Reichs der Mitte eng mit dem langjährigen Führer der Chinesischen Volksrepublik, Mao Zedong, verbunden. Erfunden hat ihn ein anderer Revolutionär – Sun Yat-sen, der 1911 den Kaiser stürzte und die erste Republik ausrief. Auf Chinesisch wird die Kluft deswegen auch Sun-Yat-sen-Anzug genannt.

Das Outfit kann durchaus als wilder Stilmix bezeichnet werden, der westliche und östliche Elemente vereint. Sowohl bei japanischen Studentenuniformen als auch bei deutscher Militärkluft und bei traditionellen kantonesischen Bauernjacken hat der Republikgründer abgekupfert.

Ihm ging es angeblich vor allem darum, Chinas Erbe zu bewahren und gleichzeitig das Land mit Hilfe westlicher Einflüsse zu modernisieren. Dass seine Erfindung jedoch wenig später als politisches und nationales Symbol Berühmtheit erlangen würde, dürfte Sun Yat-sen nicht geahnt haben. Stand der Anzug zu seiner Zeit noch als Sinnbild für Avantgarde, wurde er unter Mao Zedong zum Zeichen gnadenloser Konformität und Uniformität.

Besonders während der Kulturrevolution war jeglicher Ausdruck von Modebewusstsein verpönt und wurde streng geahndet. Billige Baumwolle und gedeckte Farben dominierten allerorts und prägten im Ausland das Bild der Chinesen als „blaue Ameisen“.

Neben dem berühmten Indigoblau gab es den Anzug noch in Grau und Khaki. Paradoxerweise stellten diese Farben trotz aller Vereinheitlichung eine gesellschaftliche Hierarchie dar: Soldaten trugen Khaki, Parteieliten Grau. Nur für Bauern und Arbeiter war der berühmte Blauton vorgesehen.

Unisex war die schlichte Uniform und sollte zur revolutionären Enthaltsamkeit und Aufhebung der Geschlechtsunterschiede beitragen. Viele Frauen gingen im Dienste der Revolution so weit, sich die Haare kurz zu schneiden und jegliches Make-up zu vermeiden. Nicht nur die Optik litt jedoch bei dieser Art der Bekleidung, sondern auch die Bequemlichkeit: Der steife Kragen soll nicht selten zu beklemmender Atemnot geführt haben.

Mit Chinas vorsichtiger politischer Öffnung in den 1980er Jahren erlebte auch die Mode eine Wiedergeburt. Nach den langen grauen Zeiten hatte bunte, individuelle Kleidung mit westlichen Schnitten ein leichtes Spiel. Schnell verschwand der eintönige Mao-Anzug aus dem Straßenbild des Riesenreichs.

Bis heute ist der Modehunger der Chinesen nicht gestillt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem in den Metropolen der Volksrepublik nicht eine neue Luxusboutique eröffnet: Ob Chanel, Vuitton, Armani oder Boss – alle zieht es nach Fernost. Auch weniger zahlungskräftige Chinesen haben ihren Modegeschmack geändert: Der globale Einheitslook à la Zara und H&M hat allerorts Einzug gehalten. Auf Nimmerwiedersehen Mao Dress? So weit kommt es wohl doch nicht, denn immer wieder erweist man dem berühmten Kleidungsstück Referenz.

Die chinesisch-stämmige US-Stardesignerin Vivienne Tam entwarf schon 1995 ihre provokante und viel beachtete „Mao-Collection“: Körperbetonte Kleider, die im Pop-Art-Stil über und über mit Portraits des Diktators versehen waren, machten Tams Kreationen berühmt. Zwar stieß Mao als Pfarrer, als Schulmädchen mit Zöpfen oder mit einer Biene auf der Nase nicht überall auf Begeisterung, wurde aber in der Kunst- und Modewelt frenetisch gefeiert.

Auch Timothy Coghlan, in Beijing arbeitender Modeblogger, hat seine Internet-Seite „The Maosuit“ getauft und sie der rapide wachsenden Fashion-Industrie im Reich der Mitte gewidmet. Selbst Staatschef Hu Jintao zeigte sich zum 60. Geburtstag der Volksrepublik 2009 in einer modischen Neuauflage des alten Stückes: schmal geschnitten, aus edlem Stoff und natürlich mit modifiziertem Halsausschnitt.

Chinesische Designer versuchen sich derzeit angeblich an Varianten in Metallic, mit Federn oder Verzierungen – auch für die modebewusste Frau. Alt zu werden und trotzdem flott zu bleiben, erfordert eben so manche Verjüngungskur. Auch für Revolutionäre.

Gilda Goharian E-Mail

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