Sonntag, 09.05.2021

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Deep Talk Dienstag: Ist es okay, einfach mal mies drauf zu sein?

05.04.2021 19:41 Uhr

Nicht immer schön, aber irgendwo auch gesund: Schlechte Laune. 

05.04.2021 © colourbox.de


Ich hasse diese Tage. Die, an denen mir alles zum Hals raushängt, mich das Leben gegen die Richtung bürstet, ich so vor mieser Laune triefe, als wäre ich in einer Fritteuse geschwommen. Diese Tage, an denen ich weder andere noch mich mag. Ich einfach nur alleine sein will - aber auf der anderen Seite jemanden suche, an dem ich dieses Genervtsein abschmieren kann. Wohlwissend, dass das mies ist und mir kein Stück weiterhelfen wird. Oder einfach um jemanden sagen zu hören, dass es völlig logisch ist, dass ich so schlecht drauf bin. Nur verständlich quasi. Und dass ich kein feuerspeiender Drache bin, in den ich mich vor meinem inneren Auge verwandle, wenn die Laune im Keller ist.

Da nervt es, dass ich beim Bäcker anstehen muss, obwohl ich eh schon zu spät und deswegen gestresst bin. Dass die Person vor mir dann anfängt, in Cent zu bezahlen. Und ich merke, wie ich am liebsten gleich mitzählen und besonders demonstrativ genervt agieren will. Das kotzt mich wiederum an mir selbst an, dann hat der Bäcker nur noch Wurstbrötchen, kommt im Job alles an diesem Tag zusammen und - die Ablenkung fehlt. Wir können uns die schlechte Laune nicht bei einem coolen DJ-Set abtanzen, wir können uns nicht über ein apartes Restaurant-Ambiente freuen und dabei ein wenig vergessen, dass der Tag ultra nervig war. Wir sind zuhause im Dunst unserer üblen Stimmung und gären darin so richtig schön auf.

Gut für die Psyche

Aber, so schräg sich das aufs Erste anhören mag, ein Stimmungstief ist nötig, um im Gesamten in Balance zu bleiben. Um gute Zeiten wieder zu schätzen, um in der Corona-Lethargie irgendwie das Blut in Wallung zu bringen. Zu verstehen, auch wenn sich das Leben momentan stumpf und dumpf anfühlt, wir trotzdem pulsierende Universen sind. Und eben auch manchmal feuerspeiende Drachen.

Normalerweise bin ich mit echt guter Stimmung gesegnet, ja, ich bin die, die manchmal und völlig grundlos so euphorisch und optimistisch ist, dass ich meine Mitmenschen damit vermutlich oft langweile. Diese Art der Stimmungsjubelei, die alle in unserer optimierten Gesellschaft so feiern, die die als das Happy-go-lucky-Ideal gilt. Immer schön lächeln und so. Ja, auch ich bin selbst davon manchmal echt genervt.

Doch tatsächlich kann es gesundheitsfördernd sein, Krach mit den Emotionen zu haben, beziehungsweise zuzulassen. Psychologen glauben, dass es gegen Burn-Out vorbeugen kann, wenn wir ab und an mal ordentlich auf den Tisch hauen und merkbar in Rage sind. Dient der psychischen Gesundheit und Stabilität.

Abgesehen davon: Hast Du jemals ein Genie gesehen, dass nicht irgendwie verkniffen und miesepetrig gewirkt hat? Denn gute Ideen entspringen oftmals einem emotionalen Missmut. Ich glaube auch, dass kein guter Love-Song aus einer sensationellen Stimmung heraus entstanden ist. Und diese Downs setzen auch Energie frei, die Du in Aktion umsetzen kannst.

Tröste Dich mit zwei Dingen über miese Laune hinweg: An solchen Tagen kannst Du nicht enttäuscht werden, Du bist es ja schon irgendwie. Heißt im besten Fall: Du kannst nur positiv überrascht sein, wenn die Dinge dann richtig gut laufen. Und, auch diese Stimmung geht wieder vorbei. Du balancierst Dich eben gerade emotional aus.

Achtung: Hier geht es um kurze Phasen oder einzelne Tage mit schlechter Stimmung. Wenn Du Dich in einem dauerhaften Tief fühlst, raten wir Dir, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Den Krisendienst Mittelfranken für Menschen in seelischen Notlagen erreichst Du täglich von 9 Uhr bis 24 Uhr unter den Tel. 0911 / 42 48 55 – 0 oder (0800) 655 3000.

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