Montag, 19.04.2021

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Gemeinsam einsam: WG-Leben im Lockdown

04.03.2021 16:57 Uhr

Gemeinsam einsam: Der Lockdown stellt Mitbewohner und Mitbewohnerinnen vor einige neue Herausforderungen.

04.03.2021 © Jens Kalaene/dpa


Die geltenden Kontaktbeschränkungen haben das Zusammenleben in vielen Wohngemeinschaften verändert. Menschen, die anfangs eher nebeneinander lebten, lernen sich nun anders kennen. Mitbewohner, die vorher womöglich eher räumlich nahe Bekannte waren, werden im Zuge der Pandemie zu unseren wenigen Bezugspersonen.

Das kann sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf das Miteinander haben. Zuvor war das WG-Leben vielleicht von Wochenendausflügen zur Familie, Abenden mit den eigenen Jungs oder Mädels unterbrochen. Seit letztem März konnte plötzlich selbst die krasseste Zweck-WG, eingepfercht in den vier Wänden, ihr Miteinander nicht mehr so distanziert fortsetzen. Das kann Fluch und Segen zugleich sein.

Vom Nebeneinander zum Miteinander

Mitbewohner und Mitbewohnerinnen sind nicht immer gleich Freunde. Sie können auch Menschen sein, die wir beiläufig im Alltag kennenlernen. Nach dem Aufstehen, auf dem Weg zur Dusche, sehen wir sie, hören sie von einer durchfeierten Nacht zurückkommen und sehen mysteriöse Übernachtungsgäste morgens verschwinden. Wir lernen ihre Partner und ihre unterschiedlichsten Launen kennen.

Dabei ist die emotionale Bindung, wie bei einer Familie, nicht automatisch gegeben. lm Idealfall führt das dazu, dass aus einfachen Mitbewohnern eine eingeschweißte Bande von Freunden wird: Gemeinsam einsam. Dann wird zum Beispiel das Bad zur Disko umfunktioniert, endlich die Wand in der Küche neu dekoriert, Drei-Gänge-Menüs gekocht oder es wird sich in Serienmarathons oder Deep Talks bei ein bisschen zu viel Wein verloren.

Für Nürnbergerin Lisa (Name auf Wunsch geändert) ist ihre 4er-WG 2020 wie eine Familie geworden. "Wir feierten jede Woche eine neue Mottoparty: Oktoberfest, Karaoke oder einen Asia-Abend." Eines von Lisas Highlights während des ersten harten Lockdown ist ihr Geburtstag. "Trotz allem hat meine WG ihn schön gestaltet. Ich musste nicht allein feiern und hatte drei tolle Gäste zum Kuchenessen gleich in der Wohnung!"

Auch Jessica blickt sehr dankbar auf diese Zeit in ihrer 5er-Wohngemeinschaft am Weißen Turm zurück. Sie begannen, alle zusammen im Wohnzimmer Sport zu machen. Einer fing an und in einer Kettenreaktion folgten die anderen. "Wir begannen zu fünft mit Body Pumps und Gewichten, Yoga und Ausdauertraining mit Musik." Die gemeinsame Aktivität bleibt bis heute bestehen und hat die WG-Mitglieder in der chaotischen Zeit sehr verbunden.

Zwischen Hook-Ups und Hüttenkoller

Doch das pandemische Gefühlschaos zwischen Einsamkeit und Zukunftsangst kann auch zu extremeren Emotionen führen. Vielleicht schaut man den einen Mitbewohner irgendwann zu lange an, der WG-Abend wird ein bisschen zu gemütlich und dann teilt man am Ende nicht nur die Wohnung, sondern auch das Bett.

Manchmal stoßen einen die Eigenarten der anderen Mitbewohner aber auch total ab. In solch einer extremen Situation kann die die Haut mal dünn werden: Man sieht sich satt an immer denselben Gesichtern und selbst ihre Stimme oder ihr Atmen verursacht Gänsehaut. Zu laute Musik oder ein überfälliger Abwasch können dann die ganze WG zum Beben bringen.

In Olis Jungs-WG war die Veränderung im Lockdown zwar durchweg positiv, er weiß aber auch um andere Fälle: "Bei einer Freundin springen die sich fast an die Gurgel."

Nach Jessicas Erfahrung hilft gegen zu viel Aufeinanderhängen und um Spannungen zu vermeiden: "nur ein Spaziergang und sich durchpusten lassen".

Unterschiedliche Auffassungen in Bezug auf die Kontaktbeschränkungen und Vorsichtsmaßnahmen wegen des Virus können ebenfalls zu Zündstoff in der geteilten Wohnung werden. Jessica bespricht deshalb neue Regelungen immer mit der gesamten WG. Nach Verkündung der ersten Kontaktbeschränkungen im März war die erste Frage, die sie sich stellten: "Viele von uns hatten damals einen Partner oder eine Partnerin. Geht das klar, wenn alle gleichzeitig zu Besuch sind?" Jessica und ihre Mitbewohner waren schließlich alle froh, ähnliche Ansichten darüber zu haben und gingen rücksichtsvoll mit den Bedürfnissen der anderen Mitbewohner um.

Durch Dick und Dünn

Letztendlich passiert in den Lockdown-Wohngemeinschaften aber eben nur das, was immer passiert, wenn sich Menschen genauer kennenlernen. Man wächst bis zu einem bestimmten Grad zusammen oder stößt sich eher ab. Nur, dass die Wohn- und Pandemie-Situation uns in diesem Falle dazu zwingt, Menschen sehr schnell und sehr intensiv kennenzulernen - ohne auf lange Sicht die Möglichkeit auf räumlichen Abstand zu haben. Das ist so extrem wie die ganze momentane Lage sowieso, aber birgt die Chance auch nach der Pandemie als WG durch Dick und Dünn zu gehen: Mit gelungenen und schlechten WG-Parties, trotz gemachtem und vergessenem Putzdienst, durch Prüfungsphasen und bei Liebeskummer.

Isabell Zehnder

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