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Kontrolliert trinken

Der Nürnberger Suchtexperte Joachim Körkel setzt seit langem auf einen sanften Ausstieg aus der Alkoholabhängigkeit - 20.02.2015 12:48 Uhr

Der Griff zur Flasche — für viele Menschen ist er Alltag. Abstinenz wäre für sie unvorstellbar. Foto: David Dieschburg / Photocase


Klaus ist nicht trocken. Und das, so sagt der 71-Jährige, der in der Nähe von Stuttgart lebt, sei auch gar nicht sein Ziel. Seinen Nachnamen mag er nicht nennen, weil er nicht angefeindet werden will. Schließlich hat er für sich selbst einen Erfolg zu verbuchen: „Ich habe früher 40 Alkoholeinheiten pro Woche getrunken, jetzt bin ich bei 20 und mein Ziel sind 15. Außerdem halte ich zwei bis drei alkoholfreie Tage pro Woche ein und will bald nur noch am Wochenende trinken.“ Zur Erklärung: Ein halber Liter Bier, 0,2 Liter Wein oder drei kleine Schnäpse gelten in der Fachsprache jeweils als eine Alkoholeinheit.

Klaus wächst in einem kleinen Dorf bei Bonn auf. Die Eltern seines Sandkastenfreundes haben eine Kneipe, in der die beiden Jugendlichen sich häufig treffen. Sie feiern Partys mit viel Bier und Mengen von Bowle. „Und natürlich wird auch in der Bundeswehr und während des Studiums kräftig gepichelt“, erzählt Klaus. Kein ungewöhnlicher Lebensweg, wahrscheinlich sogar ein ganz normaler.

„Ich habe immer wieder Phasen durchgemacht, in denen ich fürchterlich versumpft bin und mich dann wieder längere Zeit derrappelt habe“, so der Ingenieur, der während dieser Zeit ständig im Außendienst arbeitet, der von sich selbst sagt, dass er nicht gut alleine sein kann und der abends im Hotel viel Zeit zum Trinken findet.

Im Alter von 60 kommt der Absturz. Der Chef will ihn loswerden. Die Ehefrau fordert, dass er aufhört mit der Sauferei und schickt ihn wegen vermuteter Depressionen zum Psychologen. „Wahrscheinlich war es wie bei der Henne und dem Ei, und man kann einfach nicht sagen, was zuerst da war, die Depression oder die Alkoholabhängigkeit“, sagt der 71-Jährige.

Den Psychologen kann er nicht leiden. Und so empfindet er es als großes Glück, dass er im Jahr 2008 in einer Zeitung eine Anzeige über „kontrolliertes Trinken“ liest, ein Therapiekonzept, das die Caritas anbietet. Klaus meldet sich zu dem Kurs an und lernt an zehn Abenden verschiedene Strategien, um sich selbst ein realistisches Ziel zu stecken, eingeschliffene Gewohnheiten zu verändern und gefährliche Situationen zu umschiffen. Heute leitet er in Stuttgart eine Selbsthilfegruppe. „Und wenn ich eingeladen bin und weiß, da wird viel getrunken, dann sage ich lieber ab.“

In Deutschland sind 3,4 Millionen Menschen entweder alkoholabhängig oder betreiben deutlichen Alkoholmissbrauch. Doch nur fünf Prozent von ihnen machen eine Therapie. Ein Jahr nach einer Entwöhnung werden 65 Prozent wieder rückfällig.

„Lange Zeit hieß es, alkoholabhängige Menschen können ihren Konsum nicht herunterfahren. Das ist Unsinn. Und die These, dass eine veränderte Biochemie des Körpers das kontrollierte Trinken unmöglich macht, ist wissenschaftlich nicht haltbar“, sagt Professor Joachim Körkel, der an der Evangelischen Hochschule Nürnberg das Institut für Innovative Suchtbehandlung und Suchtforschung leitet. Seit 30 Jahren kämpft Körkel gegen das Dogma, das die Anonymen Alkoholiker 1939 aufstellten. Es besagt, dass Abstinenz der einzige Weg aus der Abhängigkeit ist und jede Schnapspraline zum Rückfall führt.

„Ein Mythos, der allein auf diesem Glauben beruht“, so Körkel. Tatsächlich hatten Experimente des amerikanischen Psychologie-Professors Alan Marlatt bereits in den 1960er  Jahren die Schnapspralinen-Geschichte widerlegt, wenn auch durch ethisch bedenkliche Versuche. Der Forscher gab Alkoholikern entweder eine Wodka-Mischung, in der Alkohol nicht zu schmecken war, oder ein alkoholfreies Getränk und beobachtete anschließend ihr Verlangen. Die Studienteilnehmer begehrten allerdings nur dann Alkohol, wenn sie annahmen, dass sie Wodka getrunken hatten, auch wenn dies gar nicht der Fall war. Das Fazit für die Wissenschaft: Nicht der Körper steuert die Sucht, sondern die kognitive Erwartung. Wer nach der Schnapspraline den Absturz erwarte, werde ihn auch erleben, so die Forscher.

Joachim Körkel will nicht missverstanden werden. „Aus meiner Sicht ist Abstinenz eine sehr gute Lebenseinstellung. Es gibt wichtige Gründe, keinen Alkohol zu trinken. Und ich habe den größten Respekt vor allen, die mit oder ohne Hilfe der Anonymen Alkoholiker trocken geworden sind“, so der Suchtforscher. Aber nicht jeder Weg sei für jeden Menschen geeignet. Und deshalb müsse man jenen, für die diese Hürde zu hoch ist, eine Alternative bieten. „Wir können sie doch nicht einfach fallen lassen, für gescheitert erklären und sie als Versager abstempeln“, so Körkel. Dass die Null-Alkohol-Therapie nicht die einzig wirksame ist, daran hat er keinen Zweifel, „denn drei große Forschungsprogramme beweisen längst das Gegenteil“.

Erstens würden umfangreiche Studie aus den USA nachweisen, dass mehr Alkoholiker ihre Sucht durch reduziertes Trinken überwinden als durch Abstinenz. Zweitens, so Körkel, beginnen bis zu 27 Prozent der Betroffenen, die zunächst abstinent leben, nach einiger Zeit wieder mäßig zu trinken, ohne erneut in die Sucht abzurutschen.

Und drittens, so der Forscher, zeigen internationale und eigene Studien aus dem Jahr 2006, dass zwei Drittel der Kursteilnehmer von dem Konzept des „kontrollierten Trinkens“ profitieren und schließlich zwischen zehn und 30 Prozent sogar komplett abstinent leben.

Manchmal droht auch der Rückfall. „Aber den kann es nach einer Abstinenz-Behandlung genauso geben wie nach der Therapie des kontrollierten Trinkens. Der Rückfall gehört zum Leben“, erklärt Körkel.

Sein Schlüsselerlebnis hat er bereits im Jahr 1984. Er ist Psychotherapeutischer Leiter einer Suchtklinik in Hessen. Und selbstverständlich ist Abstinenz oberstes Gebot. Wer nicht gehorcht, muss die Koffer packen. In diesen Tagen sitzen ihm ein 58-jähriger Patient und dessen Ehefrau gegenüber. Die Frau kündigt die Scheidung an, weil sie mit einem ständig Betrunkenen nicht länger verheiratet sein will. Die Kinder haben sich vom Vater abgewandt. Der Arbeitgeber droht mit Kündigung.

„Der Mann ist einer extremen Belastung ausgeliefert, völlig überarbeitet und muss das Haus abbezahlen“, erzählt Körkel. All das, was der Patient sich in vielen Jahren aufgebaut hat, stürzt zusammen. Noch am gleichen Abend verlässt er die Klinik, geht in die nächste Kneipe und betrinkt sich. Körkel und sein Team werfen den Mann jedoch nicht hinaus, sondern arbeiten mit ihm weiter — ein völlig neuer Ansatz zu dieser Zeit.

„Bei allen anderen Krankheiten, egal ob Adipositas, Diabetes oder Herzerkrankungen, akzeptiert man Rückfälle während des Genesungsprozesses. Nur bei der Alkoholabhängigkeit nicht, die ja ebenfalls eine Krankheit ist. Das kann nicht sein“, sagt der Psychologe. Er hält Rückfälle für ganz normal und geht fortan – vom Chefarzt unterstützt – anders mit jenen um, die während der Therapie abrutschen.

Schnell wird die Einrichtung  als Säuferklinik gebrandmarkt. Doch Körkel und sein Team laden weder zu Trinkgelagen ein, noch tolerieren sie Ausrutscher, sondern entwickeln ein Konzept, um die Rückfälle gemeinsam mit den Betroffenen, den Therapeuten und der gesamten Gruppe aufzuarbeiten. „Nicht als Tribunal, sondern damit Patienten die Mechanismen durchschauen. Und auch, um alle anderen, die durchhalten, zu schützen“, sagt Körkel. Die Anfeindungen von außen sind ihm egal.

Auch als er in Nürnberg Ende der 1990er Jahre die Therapie „kontrolliertes Trinken“ anbietet, hat er viele Gegner, wird sogar von Kollegen beschimpft und bekommt eine anonyme Morddrohung. Man wirft ihm vor, er treibe Alkoholkranke in die Sucht und in den Tod. Selbsthilfe-Vereinigungen veröffentlichen in einem Fachblatt eine gemeinsame Erklärung, um ihn zu diskreditieren. Im Jahr 2000 stellt Körkel eine Website zu seiner Therapie ins Internet und wird prompt zu einem Bußgeld von 500 000 Mark verdonnert — wegen Verstoßes gegen das Heilmittelwerbegesetz. Körkel nimmt sich einen der besten Anwälte, den er bekommen kann. Er gewinnt und muss nicht zahlen.

Mittlerweile haben viele Suchtkliniken ein Konzept zur Rückfall-Aufarbeitung eingeführt. Mehr als 1300 Fachkräfte wurden ausgebildet, um Alkoholabhängige in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit dem Konzept des „kontrollierten Trinkens“ zu begleiten. Die Kritiker werden weniger und die Befürworter immer mehr. Manche Krankenkassen beteiligen sich sogar an den Kosten.

Und Körkel macht weiter. Bestärkt durch Freunde, die sein Konzept befürworten, obwohl sie selbst mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker trocken geworden sind. Bestärkt auch durch zahlreiche Studien. „Und bestärkt durch all die Erfolge, die wir in den vielen Jahren hatten.“

Birgit Heinrich

Weitere Informationen:

Tel: (09 11) 23 54 181

www.kontrolliertes-trinken.de

 

Von Birgit Heinrich

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