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Flusstrampen mit Fahrbier - oder: Alle lieben Radler

Vier streunende Jungmänner auf einer eher unsportlichen Entschleunigungs-Tour durch das wunderbare Mittel- bzw. Unterfranken - 31.08.2018 08:00 Uhr

Der Autor (links) und seine Freunde beim Radwandern der etwas anderen Art. © Rainer Meyer


Damals ahnte ich nur, was ich heute für erwiesen halte, nämlich, dass es kein vollkommeneres Fortbewegungsmittel gibt als ein Fahrrad. Man überwindet damit an einem Tag staufrei (!) Distanzen, die groß genug sind, um Neuland zu entdecken; man trainiert – mehr oder weniger – Beine, Lungen, Willenskraft. Und nicht zuletzt: Man ist überall gern gesehen. Halten Sie mal mit dem Auto an einer Schleuse und fragen, ob ein Schiff Sie mitnimmt! Radfahrern stehen dagegen viele Türen offen. Ich habe das erlebt – zum Beispiel im Sommer 1986.

Uns vier jungen Männern, Michl, Hanni, Hanser und ich, alle um die 20, lag weder etwas an genauer Streckenführung noch an Höhenmetern oder gar an einer möglichst imposanten Durchschnittsgeschwindigkeit. Auf windigen Gepäckträgern türmten sich voluminöse Schlafsäcke und Isomatten. Funktionsklamotten besaß niemand, wir trugen Fußballerhosen, garantiert ohne Geleinlage. Mein Fahrrad hatte fünf Gänge. Toll!

Wir zuckelten, ausgehend von einem Dorf im Süden Ansbachs, so herrlich frei von jedem Ehrgeiz voran, dass noch die kleinste Ablenkung am Wegesrand zu ihrem recht kam. Die erste Tagesetappe endete alternativlos in "Connys Pilsbar" in Oberdachstetten. Nach 30 Kilometern. In Kleinochsenfurt hatten die Einwohner dann ein Kirchenfest organisiert, das wir nicht ignorieren mochten. Es folgte meine erste und einzige Nachtruhe neben einer Friedhofsmauer.

Ein lustiges Völkchen

Auf dem Weinfest in Sommerhausen verfestigte sich der Eindruck, dass die Unterfranken ein sehr lustiges Völkchen sind, das Radfahrern eine Feierlichkeit nach der anderen in den Weg stellt. Bei einsetzendem Regen nächtigten wir Kopf an Fuß unter einer Brücke der B 13, was sich als ungemütlicher erwies als der Gottesacker in Kleinochsenfurt.

Als Jugendliche hatten wir die beliebte Fernsehserie "MS Franziska" gesehen, nun standen wir samt unseren Rädern an der Schleuse in Randersacker und spekulierten darauf, dass uns ein Partikulier vom Schlage Paul Dahlkes an Bord nahm. (Für unsere jüngeren Leser: Paul Dahlke war mal ein sehr bekannter Schauspieler).

Tatsächlich klappte das Trampen am Fluss beim ersten Versuch. Ein Tanker nahm uns mit.Am Ufer zogen Heidingsfeld und Sanderau in Zeitlupe vorbei. Das Wort "Entschleunigung" war noch nicht erfunden, aber genauso fühlte sich das an.

Wir hätten wohl bis Rotterdam mittuckern können, hüpften jedoch schon in Würzburg wieder an Land, denn so groß, um auch noch den Rhein abzufahren, waren unsere großen Ferien dann doch nicht. Also trampten wir ab jetzt in die Gegenrichtung, und sofort erbarmten sich zwei andere Schiffer auf einem Lastkahn. Augenblicke später lehnten die Räder erneut an der Reling und glitten mit uns auf dem Main Richtung Bamberg.

Am Steuer des Riesen

Wie bereits anklang, schwitzten wir auf unserer Tour nicht nur Apfelschorle aus. Dass die beiden neuen Schiffslenker konsequent Fahrbier in sich hineinschütteten, wunderte uns dann doch. Interessanterweise existierte an jeder Schleuse ein Kühlschrank mit Nachschub. Unser Job war es, Leinen zu befestigen, wieder zu lösen und dazwischen frisches Bier zu holen. So ging das den ganzen Tag.

Irgendwann stand ich im Führerhaus, ein riesiges Steuerrad in der Hand, vor mir ein Schiffskörper so lang wie ein Bolzplatz. "Geht wie Autofahren", hatte der Kapitän gesagt, bevor er sich für eine gefühlte Ewigkeit unter Deck verdrückte, wo sein Kollege offenbar schlief. Und tatsächlich: Geradeaus schippern fiel erstaunlich leicht.

Nach Feierabend begleiteten wir die beiden Männer in ein spärlich ausgeleuchtetes Lokal, wo der eine weiter kein Wasser trank. Beim Versuch, wieder an Bord zu gehen, umklammerte er mit beiden Händen die Bordwand, vermochte jedoch nicht, die weit nach hinten ausgestellten Beine nachzuziehen und drohte, Bierbauch voran, mitten in der Nacht in den Main zu plumpsen. Um es mit Lothar de Maizière zu sagen: Weitere Details würden die Bevölkerung beunruhigen . . .

Kurt Heidingsfelder, Jahrgang 1964, leitet das Leserforum. © Michael Matejka


Letztlich rollten wir unsere Schlafsäcke auf der Haube hinter dem Führerhaus aus. Das Stahlblech barg noch die Restwärme des Motors, wir schliefen wie Babys – bis jemand in aller Herrgottsfrühe unter uns das Diesel-Ungeheuer anwarf, den weltgrößten Wecker mit Vibrationsalarm.

Des ständigen Bierholens überdrüssig, sattelten wir kurz vor Bamberg wieder die Räder, um bei einem der nächsten Stopps in einer Hochzeitsgesellschaft aufzugehen, die uns nach Stunden des Mitfeierns einen Eimer Bratwürste samt Sauerkraut mit auf den Weg gab. In der letzten Nacht der Tour, an die ich mich erinnere, strandeten wir auf dem Gelände eines Sportvereins. Ich sehe noch den gepflegten Rasen vor mir – das perfekte Nachtlager. Bei Tagesanbruch baute sich der Platzwart vor uns auf, doch es folgte mitnichten ein Anpfiff. Der Zerberus sagte nur: "Wenn ihr euch waschen wollt, sperre ich euch die Duschen auf." Das erleben nur Radfahrer.

Kurt Heidingsfelder

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