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NN-Talk: Berlin-Korrespondent spricht über politische Macht

Harald Baumer gewährt tiefe Einblicke in die "Hauptstadt-Blase" - 26.05.2019 12:14 Uhr

Harald Baumer ist der Mann in Berlin für die Nürnberger Nachrichten. © Bernd von Jutrczenka/dpa, privat; Montage: nordbayern.de


In Berlin finden ständig Pressekonferenzen, Treffen von interessanten Leuten und allerhand weitere mehr oder weniger politische Veranstaltungen statt. Wie behält man da den Überblick darüber, was wirklich wichtig ist?

Harald Baumer: Es gibt gewisse Routinetermine – die Pressekonferenzen der Parteien, den Ablauf der Sitzungswoche des Bundestages mit wichtigen Debatten, die Treffen mit Spitzenpolitikern im kleinen Kreise. Das sind Termine, bei denen jeder Journalist dabei sein sollte, wenn er aus erster Hand informiert sein will. Vieles kommt leider unerwartet: Koalitionsstreit, Rücktritte, internationale Krisen mit Bezug zu Deutschland. Da gibt es nichts vorzubereiten, da muss ich einfach nur schnell reagieren. Ich bemühe mich, als Politik-Berichterstatter aber auch immer wieder Abstand von der "Berliner Blase" zu gewinnen.

Wer ist da drin?

Baumer: Politiker, Lobbyisten und Journalisten, die denken, alles außerhalb des Parlaments- und Regierungsviertels sei nicht wichtig. Ich nehme dann gerne Termine in Randbezirken wie Neukölln, Wannsee und Alt-Tegel wahr, um wieder geerdet zu werden. Dort lerne ich Menschen kennen, denen andere Dinge wichtig sind als der neueste Polit-Tratsch.

Welche Termine sollte man als Hauptstadtkorrespondent auf keinen Fall versäumen?

Baumer: Wenn die Kanzlerin oder der Bundespräsident einladen, sollte man natürlich hingehen. Das sind einfach die beiden Schlüsselfiguren der Politik. Das alleine ergibt Dutzende Termine pro Jahr. Aber es gibt darüber hinaus noch einmalige Erlebnisse.

Zum Beispiel...

Baumer: Bemerkenswert fand ich, dass ich nach Merkels erster Wahl zur Kanzlerin im Jahre 2005 zufällig der erste Mensch war, der ihr außerhalb des Plenarsaales begegnete und ein paar Worte mit ihr wechselte, weil ich zufällig am richtigen Fleck stand. Und kurz darauf traf ich in einem Café ihren Vorgänger Gerhard Schröder, seit einer Stunde Ex-Kanzler, ganz ohne große Entourage, nur mit seiner Büroleiterin und Leibwächtern. Er war wieder einfacher Abgeordneter geworden. In dem Moment wurde mir plastisch vorgeführt, wie schnell die Macht vergeht in einer Demokratie.

Wie hat sich das Verhältnis zwischen Politikern und Journalisten in den vergangenen 18 Jahren verändert?

Baumer: Das hat sich nicht sehr verändert. Es war von meiner Seite aus von Anfang an immer ein professionelles, eher reserviertes Verhältnis. Verbrüderungen und Freundschaften gab es für mich noch nie, auch nicht in früheren Zeiten als Gerichtsreporter. Aus dieser Position heraus maße ich mir auch an, aktuelle Entwicklungen einigermaßen neutral beurteilen zu können. Für mich übrigens eine ganz wichtige Erkenntnis im Laufe der Jahre: Kompetenz, Fleiß und Verlässlichkeit von Politikern richten sich nicht nach Parteigrenzen. Gute wie schlechte Leute findet man überall.

Mit welchen Gefühlen man als langjähriger Korrespondent das Ende der ewigen Kanzlerschaft von Angela Merkel?

Baumer: Ich denke nicht, dass es gut ist, eine von der Parteipolitik so losgelöste Kanzlerin zu haben, die sich weder für Wahlkämpfe noch für den Kleinkram der Tagespolitik interessiert. Sie entwickelt sich quasi zu einer Bundespräsident(in) Nummer zwei. Fehlt nur noch, dass sie ins Schloss Bellevue einzieht. Das tut dem Land nicht gut. Kanzler müssen sich mit aller Wucht in die politischen Alltagsschlachten werfen. So, wie Schmidt, Kohl und Schröder in ihren besten Zeiten. Deswegen hielte ich einen baldigen Wechsel zu AKK (Annegret Kramp-Karrenbauer, die Red.) für besser. Fragt sich nur, wie sie das technisch hinbekommen wollen.

Im Zusammenhang mit dem Brexit war viel von der lebendigen Debattenkultur im britischen Unterhaus die Rede. Wie laufen dagegen die meisten Sitzungen im Bundestag ab?

Baumer: Ich denke, bereits die Sitzordnung macht einen gewissen Unterschied aus. Im britischen Unterhaus sitzen die Abgeordneten einander gegenüber, im Bundestag blicken alle brav wie eine Schulklasse in Richtung Bundestagspräsident. Doch man tut dem deutschen Parlament oft unrecht. Unsere Abgeordneten liefern vielleicht nicht die europaweit beste Show, aber sie leisten – zum Beispiel über die Beratungen in den Ausschüssen – solide Sacharbeit.

Merkel war nie eine große Rednerin. Wie wichtig ist es heute überhaupt noch als Politiker rhetorisch geschickt zu sein?

Baumer: Es ist immer noch sehr wichtig. Das hat man zum Beispiel an Joachim Gauck gesehen, der nicht sehr viel mehr Mittel als die Kraft seiner Worte zur Verfügung hatte und dem es trotzdem gelang, zu den Menschen durchzudringen. Natürlich kommt es inzwischen auch deutlich mehr als früher auf das Gesamtpaket an. Ein Adenauer war drei bis fünf Mal in der Woche im Fernsehen zu sehen und ab und zu im Bundestag, das war es dann schon. Tagelang gab es keine "News" über ihn und von ihm. Heute stellen sich die Fragen: Wie präsent bin ich in sozialen Netzwerken? Bin ich rund um die Uhr kameratauglich? Kann ich auch eine überzeugende visuelle Botschaft vermitteln?

Der NN-Talk "Am Puls der Mächtigen" mit Harald Baumer findet am 29. Mai im Presseclub Nürnberg, Gewerbemuseumsplatz 2, statt. Moderiert wird die Veranstaltung von NN-Redakteur Kurt Heidingsfelder. Beginn ist um 19 Uhr, Einlass um 18.30 Uhr. Der Eintritt beträgt 12 Euro, mit ZAC-Rabatt acht Euro. Karten sind erhältlich in den Geschäftsstellen Ihrer Zeitung, telefonisch unter 0911/216-2777 oder online.

Interview: Kurt Heidingsfelder

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