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Schäufele, Wein und Bier: Womit Franken Touristen anzieht

Olaf Seifert geht nach 30 Jahren an der Spitze des Tourismusverbands in Rente - 23.05.2018 05:39 Uhr

Fränkisches Bier aus vielen kleinen und mittelständischen Brauereien gehört zu den touristischen Stärken von Mittel- und Oberfranken. In Unterfranken lockt der Weinbau mehr und mehr Gäste an. © Ralf Rödel


NN: Herr Seifert, wohin führt Sie Ihre erste Reise als Rentner?

Olaf Seifert: Wieder mal in die USA. Da war ich schon öfter, aber diesmal bleibe ich fünf Wochen. So lange konnte ich früher natürlich nicht verreisen.

NN: Worauf legen Sie bei der Urlaubsplanung wert?

Seifert: Für mich muss es eine individuelle Reise sein. Ich folge gern meiner eigenen Route, schaue mir Städte und Landschaften an und will andere Kulturen kennenlernen. Als Kind habe ich die Geschichten von Marco Polo und Karl May verschlungen, wahrscheinlich kommt diese Reiselust daher. Außerdem will ich genießen, mit den Augen und mit dem Gaumen. 

NN: Sie sind viel herumgekommen, haben schon 123 Länder gesehen. Wie machen Sie etwa einem Amerikaner Franken schmackhaft?

Seifert: Wir haben hier eine herausragende kulturelle, kulinarische und landschaftliche Vielfalt - und das alles relativ eng beieinander, also Deutschland "en miniature". In Los Angeles fährt man mitunter zwei Stunden mit dem Auto zur Arbeit. In dieser Zeit könnte man in Franken sehr viele unterschiedliche Eindrücke sammeln. 

NN: Wie hat sich in Ihrer langen Amtszeit das Image Frankens verändert?

Seifert: Früher sind wir eher als Anhängsel Bayerns gesehen worden. Die Touristen kannten vor allem Neuschwanstein, die Zugspitze, München, das Oktoberfest. Nach und nach ist es uns gelungen, fränkische Ziele in den Angeboten der Reiseveranstalter zu platzieren. Wir punkten da unter anderem mit der zentralen Lage in Europa, mit Kultur, Geschichte und Tradition und natürlich mit unseren vier Unesco-Welterbestätten. 

NN: Welche Ecke Frankens gefällt Ihnen persönlich am besten?

Seifert: Ich bin zwar kein gebürtiger Franke, aber in Schweinfurt aufgewachsen. Da ist es wahrscheinlich normal, dass mich unter anderem die Volkacher Mainschleife besonders anzieht.

Olaf Seifert verabschiedet sich in den Ruhestand. Über 30 Jahre lang war er als Geschäftsführer für die Geschicke des Tourismusverbandes Franken verantwortlich. © Harald Munzinger


NN: Ist es inzwischen denkbar, dass auch Franzosen und Italiener des Weines wegen Urlaub in Franken machen oder bilden wir uns da zu viel ein?

Seifert: Na ja, Franzosen, Italiener und auch Spanier sind im Weintourismus nicht unsere Hauptzielgruppe. Dafür ist unsere rund 6200 Hektar umfassende Anbaufläche zu klein und die Weinbautradition in diesen Ländern zu groß. Dennoch haben wir in diesem Bereich enorme Zuwächse, die vor allem auf die Kampagne "Franken - Wein.Schöner.Land! Reisen zum Frankenwein" zurückzuführen ist. Ein wenig stolz dürfen wir schon auf dieses einzigartige Angebot sein. 

NN: Inwiefern einzigartig?

Seifert: Wir kombinieren auf einem hohen Qualitätsniveau alle Bausteine für eine Reise zum Frankenwein - dazu gehören ausgewählte Weinfeste, Restaurants, Heckenwirtschaften, Winzer oder Weinwanderungen, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Marktforschung zeigt uns, dass wir dadurch andere Weingegenden wie das Moselgebiet oder auch Südtirol in der weintouristischen Markenwirkung überflügelt haben. Ein Alleinstellungsmerkmal ist auch, dass man bei uns oft noch ohne Voranmeldung ein Familienweingut besuchen kann. In Franken nimmt sich der Winzer noch Zeit, seinen Gästen etwas zu erklären. In anderen Gegenden ist das schon lange nicht mehr der Fall.

NN: Wenn der Frankenwein noch erfolgreicher wird, haben die Winzer irgendwann keine Zeit mehr für spontane Besucher.

Seifert: Davon sind wir noch weit entfernt. Ein "Overtourism" - also einen Massentourismus wie in Venedig oder Barcelona kann ich bei uns noch nicht erkennen.

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NN: Wie viel Prozent der Attraktivität Frankens machen der Wein, das Bier und das Schäufele aus?

Seifert: Wir haben mal eine Emnid-Studie machen lassen. Da kam heraus, dass die Kulinarik neben der Schönheit der Städte und der Landschaft für ein Drittel des Bekanntheitsgrades verantwortlich ist.

NN: Es klingt wie ein Klischee, aber viele Schwaben kommen wohl tatsächlich auch deshalb ins fränkische Seenland, weil der Urlaub dort für sie vergleichsweise billig ist. 

Seifert: Es geht vor allem um ein gutes Preis-Leistungsverhältnis. Und wenn die Qualität stimmt, dann sind die Gäste bereit, dies zu honorieren. Wichtig ist eine solide Kalkulation mit einem vernünftigen Unternehmerlohn. Wenn das Überleben des Gasthauses nur gelingt, weil die Oma oder die Schwester in der Küche mithilft, dann läuft was schief. 

NN: Kurz bevor Sie 1987 ins Amt kamen, wurden der Kleine Brombachsee, der Igelsbachsee und der Altmühlsee geflutet. Später folgte der Rest des Seenlandes. Welche Ihrer Erwartungen hat das wasserwirtschaftliche Jahrhundertprojekt in touristischer Hinsicht nicht erfüllt?

Seifert: Ich war bereits in meiner Zeit in München beim Landesfremdenverkehrsverband, also ab 1982, in die touristische Projektierung des Fränkischen Seenlandes eingebunden. Vieles war damals noch touristisches Neuland beziehungsweise musste von theoretischen Überlegungen, zum Beispiel in Zusammenhang mit der Besucherlenkung, für die Praxis konzipiert werden. Heute ist das Seenland ein wichtiger Bestandteil des fränkischen Tourismusangebotes. Allerdings gilt es, den "touristischen Lebenszyklus" zu beachten. 

NN: Was meinen Sie damit?

Seifert: Ein wichtiger Aspekt bei der touristischen Inwertsetzung des Fränkisches Seenlandes war die Schaffung von zusätzlichen Einnahmequellen für die Bevölkerung, beispielsweise durch den Bau von Ferienwohnungen. Ähnlich wie bei den Gastwirtschaften geht es nun darum, sicherzustellen, dass diese Angebote aufgrund einer fehlenden Nachfolge nicht vom Markt verschwinden. Und natürlich gilt es, sich der ständig ändernden Nachfrage anzupassen. Sei es mit neuen Angeboten oder auch mit Vermarktungskonzepten wie mit der vor kurzem im Fränkischen Seenland etablierten Online-Buchung, die auch den Zugang zu den großen Buchungsplattformen wie booking.com ermöglicht.

NN: Was würden Sie jemandem dringend raten, der jetzt noch als Anbieter auf diesen Markt drängt?

Seifert: Grundvoraussetzung ist ein solider Businessplan. Wenn noch Engagement und Begeisterung für den Job dazukommen, ist der Erfolg mehr oder weniger programmiert.

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NN: Wandern liegt im Trend. Ist das Ausdruck einer Suche nach Entschleunigung?

Seifert: Das spielt heute sicher auch eine Rolle. Bei unseren Planungen Mitte/Ende der 1990er Jahre haben wir uns primär von Überlegungen wie der Vernetzung von Landschaften, Streckenführung oder Beschilderung leiten lassen. Richtungsweisend war die Etablierung des "Frankenweges - vom Rennsteig zur Schwäbischen Alb" mit einer Länge von rund 520 Kilometern durch sechs fränkische Tourismusregionen. Heute haben wir 41 zertifizierte Fernwanderwege, die regelmäßig qualitativ überprüft werden. Damit ist Franken eine der attraktivsten Wander-Destinationen überhaupt.

NN: Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund den anhaltenden Flächenfraß durch Wohn- und Gewerbegebiete und den Straßenbau?

Seifert: Dies ist fraglos ein gesellschaftspolitisches Thema. Weil aber rund die Hälfte unseres Verbandsgebietes in Naturparks liegt, sehe ich in touristisch relevanten Gebieten die Gefahr einer Verschandelung der Landschaft eher nicht. 

NN: Ihre Branche boomt. Welchen Trend sollte Ihre Nachfolgerin nicht übersehen, damit das auch so bleibt?

Seifert: Wichtig ist nach wie vor das Thema Qualität, sei es bei der Beschilderung von Wanderwegen oder beim Service in allen Bereichen. Zudem wird es darum gehen, Angebote unter thematischen und geografischen Aspekten noch stärker miteinander zu vernetzen.

NN: Was heißt das?

Seifert: Nehmen wir zum Beispiel den "MainRadweg". Um die Tour erfolgreich zu vermarkten, bedarf es der Mitarbeit aller Kommunen an der Strecke. Entsprechendes gilt bei Kampagnen wie "Franken - Wein.Schöner.Land!" oder "Franken - Heimat der Biere." 

NN: Und das sehen alle Kommunen genauso?

Seifert: Hoffentlich die meisten. Hier und da stelle ich jedoch fest, dass die Kirchtürme wieder etwas höher werden, doch diese Kleinstaaterei bringt uns auch und gerade im Tourismus nicht voran. Franken glänzt wie gesagt vor allem durch seine grandiose Vielfalt, wird aber nur dann als Marke und wichtige Destination wahrgenommen, wenn wir uns gemeinsam präsentieren.

Was meinen Sie? Kommen schon zu viele Touristen nach Franken oder ist noch Luft nach oben?

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Kurt Heidingsfelder E-Mail

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