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Handy, Twen und Basecap: Wenn Deutsche Englisch erfinden

"Denglisch" ist oft sinnfrei - Auch andere Länder benutzen Pseudoanglizismen - 02.01.2014 15:02 Uhr

Ein "Twen" mit "Basecap" telefoniert mit seinem "Handy". Keines der drei vermeintlich englischen Wörter existiert in der englischen Sprache. Das Mobiltelefon heißt dort "cell phone" (beziehungsweise "cellphone"), die sportliche Schirmmütze "baseball cap", der junge Mann "person in their twenties".

02.01.2014 © dpa


Die Touristin aus Oldenburg verstand die Welt nicht mehr. Eine Baseballmütze wollte sie, und wieder und wieder fragte sie den Verkäufer in Manhattan nach einem „Basecap“. Doch der guckte sie nur fragend an. Ja, redete denn der Amerikaner kein Englisch? Doch, tat er. Sie aber nicht – zumindest nicht beim entscheidenden Wort. „Basecap“ ist ein typisches englisches Wort, das gar kein Englisch ist.

Diese deutsche Erfindung ist eines in einer ganzen Reihe von vermeintlich englischen Wörtern, die nur Deutsche kennen. Und die Verwirrung ist oft groß. Sprachpuristen ärgern sich über diese Wörter, die in die Rubrik Pseudoanglizismus fallen. Dabei können Engländer und Amerikaner gar nichts dafür, ja sie ahnen nicht einmal, welche sprachlichen Eier sich die Deutschen selbst ins Nest legen.

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Denglische Wörter und ihre eigentliche Bedeutung im Englischen

Das Deutsche ist durchsetzt von englischen Ausdrücken. Viele dieser Wörter entpuppen sich bei genauerem Hinsehen jedoch als Scheinanglizismen, die niemand außerhalb Deutschlands versteht - am wenigsten die Menschen aus dem englischen Sprachraum. Wir haben einige Beispiele zusammengetragen.


Oldtimer und Happy End, Beamer und eben Basecap – so etwas gibt es im Englischen gar nicht, oder es bedeutet etwas völlig anderes. „Beamer“ ist Slang für etwas sehr deutsches: Einen BMW. Der Projektor heißt in den USA schlicht „Projector“. Und Basecap? Das ist eine Zierleiste, die es im Baumarkt gibt.

Das erfolgreichste Wort dieser Art ist „Handy“. Untersuchungen haben ergeben, dass das Wort in Deutschland längst die häufigste Bezeichnung für ein Mobiltelefon ist. Im Grunde ist es kein Wunder, ist das Wort doch kurz und prägnant – aber eben falsch. Denn wenn es ein deutsches Wort ist, müsste man es eigentlich „Händy“ schreiben. Derartige Versuche gab es sogar, sie sind aber längst Geschichte. Der englische Unterhalter Stephen Fry bringt auf der Insel immer noch Menschen zum Lachen, in dem er auf Deutsch fragt „Wo ist mein Handy?“. Deutsche gucken verwirrt. Was ist daran denn falsch?

"Denglisch" ist oft sinnfrei

„Viele Deutsche haben das Bedürfnis, zur Benennung der Welt nicht ihre eigene Sprache, sondern die ihrer Kolonialherren zu verwenden“, poltert der Vorsitzende des Vereins Deutsche Sprache, Walter Krämer. „Die Londoner “Times“ hat das einmal als “linguistic submissiveness“ (sprachliche Unterwürfigkeit) bezeichnet. Wenn man bösartig wäre, könnte man auch Arschkriecherei sagen.“

Gegen die Übernahme fremder Ausdrücke sei nichts einzuwenden – so lange sie sinnvoll sei. „Davon kann aber im Verhalten der Deutschen zum Englischen überhaupt keine Rede sein.“ Dieses sei eine Flucht: „Für viele ist ihr Denglisch eine Art selbstgemachter Kosmopolitenausweis nach dem Motto „Lieber ein halber Ami als ein ganzer Nazi“.

Dabei können die vermeintlich englischen Wörter zuweilen für große Verwirrung sorgen. Millionen Deutsche amüsieren sich beim Public Viewing? In Amerika ist Public Viewing die Aufbahrung von Leichen im offenen Sarg. Da passt der „Body Bag“ – ein Begriff, mit dem ein Händler ernsthaft einen Rucksack anpries. In den USA ist das schlicht ein Leichensack.

Auch andere Länder benutzen Pseudoanglizismen

„Viele Pseudoanglizismen sind so integriert, dass man sie gar nicht mehr sieht“, sagt der Sprachwissenschaftler Joachim Grzega. „Showmaster wurde damals von Rudi Carrell erfunden, “zappen“ für Umschalten kennen nur wir Deutschen, aber der “Home Trainer“ hat es sogar ins Niederländische geschafft.“

Andere könnten dies allerdings auch: Franzosen und Italiener etwa sagten „Footing“ zu dem, was auf gut Deutsch „Jogging“ heißt. Die Schuldigen sieht der Grzega gerade in der Werbung. „Da haben uns Leute klipp und klar gesagt: Uns ist egal, ob das Quatsch ist, aber es klingt cool.“

„Ich war sehr verwirrt, als ich meine Schüler nach ihren Berufen fragte“, erzählt Cindy Grant. Die New Yorkerin gibt in Kassel einen Erwachsenenkurs für Englisch, und eine Schülerin sagte stolz, dass sie Streetworkerin sei. In Amerika ist das fast gleich klingende Streetwalker die Umschreibung für eine Prostituierte. Auf Grants verwirrten Blick hin sagte die Sozialarbeiterin stolz, dass der Job ihr ganzes Leben sei und sie ihn mit voller Hingabe den ganzen Tag mache. „Ich dachte erst, wow, dass die Europäer da offener sind, wusste ich, aber das... wow!“ Erst ein Mitschüler mit Amerikaerfahrung löste das Missverständnis.

dpa

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