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Kommentar: Joachim Herrmann, der Tölpel aus Erlangen

Innenminister redet von Flüchtlingen – und sich um Kopf und Kragen - 01.09.2015 15:41 Uhr

Gebraucht ein deutscher Politiker das Wort "Neger" im Jahre 2015 - wie der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (li) im Gespräch über den Sänger Roberto Blanco, sollte er besser über seinen Ruhestand nachdenken, findet unser Kommentator Philipp Peter Rothenbacher. © Karlheinz Schindler/Georg Hochmuth/dpa


Dabei sollte es Bayerns Innenminister (58 Jahre alt, geboren in München, aufgewachsen in Erlangen) als erfahrener Politiker eigentlich besser wissen: Am bierseligen Stammtisch lässt sich der ein oder andere vielleicht zu einem Satz wie "Roberto Blanco ist ein wunderbarer Neger" hinreißen und erntet dafür bestimmt schallendes Gelächter von seinen Brüdern und Schwestern im Geiste. Aber in einer öffentlich-rechtlichen Polit-Talkshow zur besten Sendezeit löst diese Aussage keine allzu heiteren Reaktionen aus.

Ebensowenig wie die Behauptung, dass es für (mutmaßlich deutsche) Vertriebene eine Beleidigung sei, (mutmaßlich nicht-deutsche) Flüchtlinge als Vertriebene zu bezeichnen. Herrmann tat beides, innerhalb weniger Tage, in aller Fernsehöffentlichkeit. Ist das, was Bundesinnenminister De Maizière eine "Verrohung unserer Sprache" nannte, nun auch auf unsere regierenden Politiker übergeschwappt? Ist Joachim Herrmann gar ein Rassist? Nein.

Provinzielle Grobschlächtigkeit

Denn die – mit Verlaub - höchst dummen Äußerungen des Politikers Herrmann sind eben genau das: politische Dummheiten. Und die schaden im ersten Moment nur Herrmann selbst und seiner CSU, kann sich der Rest der Republik doch nun wieder göttlich über die provinzielle Grobschlächtigkeit bayerischer Würdenträger echauffieren. Im zweiten Moment aber wird Herrmanns akute Tölpelhaftigkeit gefährlich: Denn die Macht der Worte – ob gezielt eingesetzt oder bedenkenlos im Affekt gefallen – ist groß in einer ohnehin so hitzigen und dringlichen Debatte wie der jetzigen um Flüchtlinge.

"Roberto Blanco war immer ein wunderbarer Neger, der den meisten Deutschen wunderbar gefallen hat", lautet das gesamte Herrmann-Zitat. Wohlgemerkt, es geht hier um einen deutschen Staatsbürger – nicht um eine fremdartige Zirkusattraktion oder einen "edlen Wilden", der erfolgreich zivilisiert wurde. Doch diese Art der rassistischen Deutung schwingt bei Herrmanns Worten unterschwellig immer mit.

Diffamierungsausdruck

Ein seit Jahrzehnten deutlich rassistisch konnotiertes Wort wie "Neger", das längst von der ursprünglichen Wortherkunft (dem Lateinischen "niger" für "schwarz") zum reinen Diffamierungsausdruck verkommen ist, hat im öffentlichen Diskurs nichts verloren. Jetzt aber fiel es genau dort. Der ebenso öffentliche Sturm der Entrüstung, der Herrmann entgegenrauscht, ist daher eine nicht nur logische, sondern notwendige Folge.

Nun mag es in Herrmanns Generation noch üblich sein, ohne diskriminierende Hintergedanken von einem "Neger" zu reden. Gebraucht das Wort aber ein deutscher Politiker im Jahre 2015, sollte er besser über seinen Ruhestand nachdenken.

Philipp Peter Rothenbacher

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