Donnerstag, 12.12.2019

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Auf dem Land fehlen Ärzte: Fränkischer Campus soll helfen

Universitäten in Erlangen und Bayreuth koopieren in Oberfranken - 22.02.2019 05:16 Uhr

Außerhalb der Städte ist der Weg zum Arzt oft weit. Doch immer weniger Medizinabsolventen wollen eine eigene Praxis auf dem Dorf übernehmen. Dagegen will Bayern jetzt vorgehen. © Simon Book/dpa


Wenn ich groß bin, will ich Arzt werden. Das ist der Traum vieler Kinder. Viele Abiturienten wollen nach der Schule Medizin studieren. Doch die Anzahl an Studienplätzen ist begrenzt. Im Wintersemester 2018/19 sind auf etwa 9000 Studienplätze in Deutschland knapp 44 000 Bewerber gekommen. Ein solcher Ansturm ist keine Seltenheit. Jahr für Jahr bewerben sich weit mehr Interessenten als die Universitäten aufnehmen können. Deswegen nimmt für viele der Wunsch, Medizin zu studieren, ein jähes Ende. Gleichzeitig fehlen Ärzte – vor allem in ländlichen Regionen. Viele Hausärzte finden keine Nachfolger für ihre Praxen.

Beides will Bayern nun ändern. Dafür hat der Freistaat das Projekt "Medizincampus Oberfranken" ins Leben gerufen. "Das wird eine Außenstelle unserer Fakultät", erklärt Jürgen Schüttler, Leiter der Medizinischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität. Dafür arbeiten die Uni Erlangen-Nürnberg und das Klinikum Bayreuth zusammen. Aber auch das Universitätsklinikum Erlangen und die Universität Bayreuth wirken mit. Seit Sommer 2017 erarbeiten die Projektpartner ein Konzept, damit künftig 100 Studenten mehr pro Jahr in Bayern das Medizinstudium antreten können.

Lieber Chirurg in der Stadt als Hausarzt auf dem Dorf?

Hauptziel des Medizincampus’ Oberfranken ist: Es soll mehr Landärzte geben. "Wir wollen die Ausbildungskapazität für angehende Ärzte erhöhen, da wir momentan zu wenige haben", sagt Schüttler. "Es mangelt vor allem an Hausärzten auf dem Land." Viele Medizinstudenten wollen lieber Chirurg, Orthopäde oder Kinderarzt werden, in einem großen Krankenhaus in der Stadt. Der Ärztemangel ist also vor allem ein Verteilungsproblem.

Jürgen Schüttler © Foto: Glasow


Um das Problem zu beheben, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Als erstes Bundesland hat etwa Nordrhein-Westfalen die sogenannte Landarztquote eingeführt. "Das heißt, man lässt junge Leute, die sich vorstellen können, Hausarzt auf dem Land zu werden, bevorzugt zum Medizinstudium zu", erklärt Schüttler. Andere Bundesländer wollen nachziehen – auch Bayern.

Außerdem soll die Ärzteausbildung künftig in eher ländlichen Regionen fernab der Zentren stattfinden: wie am Medizincampus Oberfranken in Bayreuth. 100 Kilometer entfernt von Erlangen, Nürnberg und Fürth. "Mit dem Konzept können wir dazu beitragen, die Ärzteversorgung vor Ort sicherzustellen und die gesamte Region zu stärken", sagt Bayerns Wissenschaftsminister Bernd Sibler als das bayerische Kabinett Anfang Februar beschlossen hat, den neuen Medizincampus einzurichten.

"So können wir vielleicht erreichen, dass die dort ausgebildeten jungen Medizinstudierenden sich eher mit der Idee anfreunden, sich nach dem Studium in der Region oder allgemein in ländlichen Gebieten niederzulassen. Das ist der Kernpunkt der Überlegung", sagt Schüttler. "Wir versuchen etwas Neues im Rahmen dessen, was möglich ist."

Um Anreize für die Studenten zu schaffen, erhöhen zudem immer mehr Medizinische Fakultäten den Anteil an allgemeinmedizinischen Themen in der Ausbildung. "Wir haben mittlerweile auch an allen bayerischen Fakultäten Lehrstühle für Allgemeinmedizin eingerichtet", erzählt Schüttler. "In Erlangen waren wir damit 2014 die ersten." Auch der Studienplan wird sich zukünftig mehr auf Themen, wie niedergelassene Medizin und Hausarztmedizin fokussieren.

Für die Ersten geht es diesen Herbst los

Der Medizincampus Oberfranken wird Studenten betreuen, die sich bei der bundesweiten Hochschulzulassung spezifisch für den Studiengang "Humanmedizin Erlangen-Nürnberg/ Bayreuth" bewerben. Im Oktober können die ersten in den neuen Medizin-Studiengang starten. Die ersten beiden Jahre bleiben die Studenten dafür in Erlangen. Dort absolvieren sie die Kernfächer, wie Anatomie und Physiologie. "Im dritten Jahr des Studiums wechseln sie dann ans Klinikum Bayreuth", sagt Schüttler. "Dort findet dann die patientennahe Ausbildung beispielsweise in Neurologie, Chirugie und innerer Medizin statt."

Dennoch bleibt der klassische Medizinstudiengang, den es in Erlangen seit Gründung der Universität vor 275 Jahren gibt, bestehen. Momentan beginnen dort pro Jahr 350 Medizinstudenten. Durch den Medizincampus Oberfranken kommen 100 weitere pro Jahr hinzu, die in Erlangen in Kombination mit Bayreuth studieren. Damit ist Erlangen dann unter den zehn – von insgesamt 36 – deutschen Universitäten, die am meisten Ärzte pro Jahr ausbilden.

Die Vorbereitungen am Klinikum Bayreuth laufen schon. Dort geht es zum Wintersemester 2021 los, dann wechseln die ersten Studenten von Erlangen nach Bayreuth. In sieben Jahren, 2026, werden dann 600 Studenten gleichzeitig in allen Semestern eingeschrieben sein, davon 200 in Erlangen und 400 in Bayreuth. Der Freistaat Bayern will dafür 36 Millionen Euro jährlich ausgeben.

Dennoch erwarten die Gutachter des Projekts, dass es etwa zehn Jahre dauern dürfte, bis sich der gewünschte regionale Effekt, gemeinsam mit der Landarztquote, auswirken wird.

Für die jährlich mehr als 40 000 Bewerber sind 100 zwar nur eine kleine Zahl. Dennoch kann durch den Medizincampus Oberfranken der Traum, Arzt zu werden, für ein paar mehr junge Medizininteressierte in Erfüllung gehen.

Johanna Köhler

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