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Ausgrenzung ist leider Alltag

Musiktheater in der Tafelhalle Nürnberg mit Kindern und Jugendlichen - 20.07.2018 10:00 Uhr

Profi und Laie, Groß und Klein, Jung und Alt, Gesunde und Behinderte: Bei der „Community Oper“ von Bridging Arts sind verschiedene Menschen gemeinsam auf der Bühne. In ihrem Musiktheater stehen das Thema Ausgrenzung im Mittelpunkt und die Fragen: Wer sind hier die Ratten? Sind es die, die anders aussehen? Oder eher die, die andere diskriminieren? © Fotos: Goebel


"Ihr müsst euch langsam runterschleichen", ruft Regisseurin Nina Kühner zu den Schülern, die am Rande der Zuschauerreihen in der Tafelhalle stehen und auf ihren Einsatz warten. Auf der Bühne befindet sich ein Pärchen, das Popcorn mampft. Die Frau ist aufgeregt: "Was war denn das, ein Geräusch?" "Entspann dich", sagt er. Auf dieses Stichwort rennen ein paar Kinder quer über die Bühne – und dann sieht er sie auch und schreit: "Ratten!"

In der Nürnberger Tafelhalle wird das Musiktheater "Was bleibt . . . oder die Geschichte eines Rattenfängers" geprobt. Auf der Bühne ist ein Gewusel. Neben den professionellen Schauspielern wirken auch junge, alte und körperlich beeinträchtigte Leute an der Aufführung mit, die wenig bis keine Schauspielerfahrung haben. Aber genau dies ist das Konzept von Bridging Arts Nürnberg, das hinter der sogenannten Community Oper steckt: "Wir bringen verschiedene Menschen zusammen. Die Schüler lernen von den Profis, dass alle im gleichen Boot sitzen. Vor allem wenn man mal stundenlang herumsitzt, um auf den nächsten Einsatz zu warten", sagt Dorle Messerer-Schmid.

Komische Übungen

Seit Herbst sind eine 2. und 4. Klasse aus Allersberg und eine 9. Klasse der Nürnberger Veit-Stoß-Realschule an dem Projekt beteiligt. "Wir haben mit Nina die verschiedenen Szenen erarbeitet", erzählt der 14-jährige Leon. "Und auch komische Übungen gemacht", ergänzt Alessia (15). Die Schüler lernen auch viel über das Thema des Stücks, das sich an den "Rattenfänger von Hameln" anlehnt.

Andreas und Alessia von der Veit-Stoß-Realschule spielen Ratten.


"Die Ratten werden von den Bürgern ausgegrenzt und gejagt. Aber es scheint nur so, als seien sie das Übel. Eigentlich sind die Berater und Politiker der Stadt das Problem, da sie andere Leute ausstoßen", erklärt Andreas (15). "Weil sie anders aussehen, Brille tragen, Ausländer, schwul oder behindert sind", fügt Alessia hinzu.

Leon kennt diese Probleme auch aus dem Alltag. "Man grenzt ja selbst Leute aus. Ich habe jetzt gelernt, dass man erst mal jemanden besser kennenlernen muss, bevor man behauptet, dass er doof ist." Mitschülerin Alessia hat durch das Theaterprojekt zudem "viel mehr Selbstbewusstsein bekommen. Ich schäme mich nicht mehr vor anderen, wenn ich komische Übungen machen soll", sagt sie.

Songtexte lernen

Die drei Realschüler sind übrigens als Ratten auf der Bühne zu sehen. "Da haben wir keinen Text zu sprechen, aber wir singe stattdessen. Und dafür mussten wir die Songtexte lernen", erzählt Alessia.

Wenn heute die erste Aufführung in der Tafelhalle stattfindet, wird sie kurz vorher sicherlich etwas aufgeregt sein, gibt sie zu. "Ich habe Angst, meinen Einsatz zu verpassen." Leon hat schon Erfahrungen mit der Theater-AG seiner Schule gesammelt und weiß, dass er kurz vor dem ersten Auftritt zwar nervös sein wird, "aber wenn der gut läuft, werden die anderen auch gut sein", meint er und muss dann schon wieder los, weil die Ratten ihren Einsatz haben.

Der Rattenfänger ist nämlich gerade in die Stadt gekommen, gespielt von Frances Pappa, die auch die künstlerische Leitung des Projekts hat. Während sie singt, gebraucht sie übrigens Gebärdensprache. Ein Teil der Mitwirkenden ist gehörlos, "und auch im Publikum gibt es bestimmt Leute, die nicht gut hören können", sagt sie. Die sollen ebenfalls etwas verstehen.

 www.bridgingarts.de/community-oper-2018  

Stefanie Goebel Extra-Redaktion E-Mail

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