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Der Typ im Silberanzug

Hyperaktiv oder Hipster? Wo Burak hinkommt, fällt er auf - 05.04.2013 17:17 Uhr

Silberner Anzug, schwarze Weste und rosa gepunktete Krawatte: Burak schillerte mit seinem Outfit nicht nur auf seiner Abifeier. © Simon Malik/Bearb.: NN


Wer mit 21 Jahren täglich in einen Anzug schlüpft, tut das meist des Berufs wegen. Und er ist froh, nach einem langen Arbeitstag diese „Uniform“ gegen eine bequeme Jogginghose zu tauschen. Nicht so Burak Uzun: Er läuft liebend gern in einem strahlend silbernen Anzug durch Nürnberg – denn der ist Buraks Markenzeichen.

„Anzüge habe ich schon immer gerne getragen“, erzählt der Nürnberger achselzuckend. Dass er der einzige in seinem Freundeskreis ist, der diese Vorliebe hat, störte ihn nie. Im Gegenteil: Ihm gefällt es, aus der Reihe zu tanzen; um Konventionen schert er sich nicht. Was er trägt, entscheidet er nach Gefühl und Laune. Dass er damit oft im Mittelpunkt steht, freut ihn: „Es ist lustig, wenn mich alle anstarren. Das ist eben meine verrückte Art.“

Burak kombiniert die Anzughose mit Hemd oder buntem T-Shirt. Zeitweise auch mit feschen Hosenträgern, einer langen, wirr gemusterten Krawatte und eleganten Business-Schuhen. Aus vier Anzügen kann der junge Deutschtürke wählen: zwei in Blau, einem in Schwarz und seinem Favoriten in Silber. Was er morgens aus dem Kleiderschrank zieht, entscheiden oft Kleinigkeiten — etwa eine Person oder ein Song, der ihn anregt. „Ich höre auf die Impulse, die in mir stecken“, sagt der 21-Jährige.

Mit lila Kopfhörern unterwegs

Auf jeden Fall zu Buraks Outfit gehören seine geliebten lila Kopfhörer, mit denen er seine Musik immer bei sich trägt. Was er hört, lebt er direkt aus: „Mit dem richtigen Song fühle ich mich mächtig und episch“, erklärt Burak. „Dann marschiere ich wie ein Hauptmann durch die Stadt.“

Oder er tanzt zu „Singing in the Rain“ die Stufen zur U-Bahn hinunter – und hinterlässt oft verwirrte Gesichter. „Ohne die Hintergrundmusik aus den Kopfhörern sehe ich bestimmt manchmal aus wie jemand mit ernsthaften Koordinationsproblemen“, sagt der 21-Jährige amüsiert.

Seinen Stil beschreiben könnte man wohl als Look der 20er Jahre, kombiniert mit einer Dosis Johnny Depp in seinen größten Rollen. An einer Stelle erkennt man etwas Willy Wonka (aus dem Film „Charlie und die Schokoladenfabrik“), an einer anderen lässt sich Sweeny Todd erahnen. Eine Prise Captain Jack Sparrow darf auch nicht fehlen.

Ein Label dafür zu finden, fällt selbst Burak schwer. Am liebsten bezeichnet er sich als „crazy but lazy“ oder als „Madhatter suited up“ – was heißen soll: „Stell dir den Hutmacher aus ,Alice im Wunderland‘ vor, der nicht alle Tassen im Schrank hat. Stecke ihn in einen förmlichen Anzug und nimm ihm etwas von der Schminke – das ergibt mich.“ Der Glamour-Türke sagt’s, grinst und verbeugt sich.

Pokémon und Al Capone

Burak steckt voller Gegensätze: Er fühlt sich ganz als Gentleman, will sich so kleiden und verhalten. Trotzdem muss immer etwas Verrücktes, Abnormales an ihm sein. Das sind oft Schmuckstücke, die dem flüchtigen Betrachter gar nicht auffallen: Etwa die alte Taschenuhr, die er ab und zu an der langen Goldkette hervorzieht, oder eine große Brille, die ihm als Windschutz dient. Auch einen Pokémon-Orden trägt er mit Stolz an seiner Umhängetasche. Oder er spaziert mit einem großen Hut in die Disco, ganz im Stil von Al Capone.

Seine Freizeit verbringt der überzeugte Moslem, ganz entgegen den Erwartungen seiner Familie, am liebsten auf der Bühne. Zu seinen Hobbys zählt jegliche Art von darstellender Kunst, ganz besonders das Slammen und Schauspielern. Nach seinem Abi am Nürnberger Dürer-Gymnasium hat er ein Praktikum im Staatstheater absolviert und war dabei sogar im Stück „Slamshut“ zu sehen. Nun studiert er Theater- und Medienwissenschaft sowie Pädagogik – und träumt von einer Zukunft auf der großen Bühne. „Auf den Theaterbrettern fühle ich mich sicher. Dort möchte ich zeigen, was ich kann“, schwärmt er.

Burak tobt sich jedoch nicht nur auf der Bühne, sondern gern auch auf der Tanzfläche aus. Wenn er mit seinen Freunden feiert, sorgt sein ausgelassener Tanzstil für Getuschel. Er bewegt seinen Körper scheinbar ohne Kontrolle und mischt Melbourne Shuffle mit Ballett, Walzer mit Headbanging, Ausdruckstanz mit wirrem Torkeln. So ist er im Nürnberger Nachtleben als „der Türke, der so wild herumtanzt“ oder „der Hyperaktive mit ADHS“ bekannt.

Was andere denken, kümmert Burak aber nicht, solange er seinen Spaß hat. Und das ganz ohne Alkohol. Denn aufgrund seines Glaubens hat Burak noch nie auch nur einen Tropfen angerührt.

Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, hat Burak einen breiten Freundeskreis. Ob er seine Kumpels in der Disco, unter der Brücke oder im Netz trifft, spielt für ihn keine Rolle. Denn Burak sagt überzeugt: „Solange sie mir nicht schaden, finde ich alle gut.“

KLARA STUBENRAUCH

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